Energetische Sanierung: Sanieren hilft dem Klima

Energetische Sanierung : Sanieren hilft dem Klima

Deutschland verfehlt seine Klimaziele: Ein Fachverband fordert, die Gebäudemodernisierung zu fördern und Häuser aufzustocken, um in Ballungsräumen mehr Wohnraum zu gewinnen.

Wie lässt sich unser Klima retten? Das ist eine der zentralen Frage auf der Weltklimakonferenz, die unter großem internationalem Aufsehen noch bis zum 17. November in Bonn tagt. Die Delegierten der Konferenz wollen unter der Präsidentschaft der Republik Fidschi vor allem das Pariser Klimaabkommen mit wesentlichen Vereinbarungen und Regeln zur konkreten Umsetzung voranbringen.

Dass Deutschland dabei seine Klimaziele bis 2020 deutlicher verfehlen wird als erwartet, ist vor allem eine Nachricht, die den FMI Fachverband Mineralwolleindustrie e.V. umtreibt. Dort sagt man: „Mit einem Anteil von zirka 40 Prozent am Energieverbrauch und zirka 30 Prozent an den Treibhausgasemissionen bietet der Gebäudebestand schon heute riesige Einsparpotenziale.“

Doch die energetische Sanierung des Bestandes komme einfach nicht voran und auch die Ziele, die man für das Jahr 2050 anstrebe, drohten zu scheitern. Daher, so der Appell des Verbandes, müsse die neue Bundesregierung zügig handeln und wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Energiewende vor allem im Gebäudebereich voranzubringen. Was konkret getan werden müsste, hat der FMI in fünf politischen Forderungen zu Papier gebracht. Wie sinnvoll die Forderungen gerade mit Blick auf Immobilieneigentümer sind, erklären Experten aus der Region.

Die erste Forderung des FMI lautet: „Die Zielgröße 'klimaneutraler Gebäudebestand bis 2050' muss klar definiert werden, damit die geeigneten Maßnahmen langfristig politisch und wirtschaftlich ergriffen werden können.“ Angesichts der übergeordneten Klimaziele kristallisiere sich nämlich heraus, dass Gebäude ab 2050 keine Treibhausgasemissionen mehr verursachen dürfen. „Das wird nur durch eine umfassende und tiefe Sanierung der Gebäudehülle möglich sein, so dass der verbliebene Energiebedarf vollständig durch gebäudenah erzeugte erneuerbare Energien abgedeckt werden kann“, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes.

FMI will neuen Wohnraum schaffen

Für Politik und Wirtschaft sei zweitens eine einheitliche Definition der energetischen Sanierungsrate und deren regelmäßiges Monitoring ein wichtiges Tool und Steuerungsinstrument zur Umsetzung der Klimaziele im Gebäudesektor. In der nächsten Legislatur muss laut FMI „damit begonnen werden, die Sanierungsrate mindestens alle zwei Jahre für Wohn- und Nichtwohngebäude zu erfassen“.

Drittens sei neben der Verstetigung des KfW-CO2-Gebäudesanierungsprogramms für den selbst genutzten Bereich „vor allem die Einführung einer attraktiven steuerlichen Abschreibung von energetischen Sanierungsmaßnahmen“ nötig. Schließlich müsse zügig ausreichend privates Kapital für die energetische Sanierung mobilisiert werden.

Viertens fordert der FMI, dass Bund und Länder zur Markteinführung die Erstellung des Sanierungsfahrplans möglichst komplett fördern sollten. Denn der gebäudeindividuelle Sanierungsfahrplan sei ein hervorragendes Beratungsinstrument, um Gebäudeeigentümer umfassend über den Zustand ihres Hauses, sinnvolle Sanierungsmaßnahmen und Fördermöglichkeiten zu beraten und damit die Motivation und den Anstoß für eine energetische Sanierung zu schaffen.

Und schließlich will der FMI neuen Wohnraum durch Aufstockungen schaffen. Denn die Potenziale für Aufstockungen in Deutschlands Ballungszentren seien enorm: Mehr als 1,5 Millionen zusätzliche Wohnungen könnten hier schnell, kostengünstig und effizient durch Dach-Aufstockung entstehen. Das habe eine Studie der TU Darmstadt und des ISP Pestel Instituts für Systemforschung Hannover bereits 2015 festgestellt.

„Wir regen an, dass die neue Regierungskoalition einen Masterplan zur Erschließung dieser Potenziale in Auftrag gibt und in der Umsetzung die Bundesebene eine aktive, koordinierende Rolle, vergleichbar zum Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen, einnimmt“, fordert der FMI. Ziel soll sein, mit einer 500 000-Dächer-Initiative attraktiven, neuen Wohnraum in Ballungsgebieten zu schaffen.

Aus Sicht von Architekt Thomas Gramlich, Vorsitzender des Kreisverbands Bonn/Rhein-Sieg des Bundes Deutscher Baumeister Bau (BDB), zielen die Forderungen in die richtige Richtung: „Der Gebäudebestand und auch der Neubau kann bekanntermaßen viel zur Energieeinsparung beitragen.“

Besonders mit Blick auf eine möglich Überlastung der Verbraucher mit Forderungen und Auflagen rät er aber zu differenzieren: „Das Erreichen der Klimaziele ist eine allgemeine Aufgabe der Gesellschaft und darf nicht auf private Haushalte abgewälzt werden.“ So müsse die Nutzung von Gebäuden primäre Aufgabe bleiben, „und nicht die Erfüllung politischer Ziele“.

Unstrittig, so Gramlich weiter, „müssen wir aber auch beim Bauen auf energetische und klimatische Anforderungen verstärkt reagieren“. Daher könne er ein regelmäßiges Monitoring von Maßnahmen unter Ausklammerung von Einzelinteressen nur unterschreiben.

Thomas Gramlich verweist auf einen Vorstoß des BDB.NRW: „Der Landesverband schlägt vor, die Energieeinsparverordnung (EnEV) auf ihrem aktuellem Stand einzufrieren, um die bisherigen Effekte zu evaluieren und auf Basis dieser Untersuchungen entscheiden zu können, welche weiteren Maßnahmen effizient zum Klimaschutz beitragen können“.

Gramlich hat noch einen weiteren Punkt ausgemacht, der den Klimaschutz konterkariert: „Die Baukosten werden eine immer größere Hürde für sinnvolle energetische Maßnahmen.“ Ein belebendes Element für die Branche könne ein Reduktion der in Nordrhein-Westfalen „mit 6,5 Prozent sehr hohen Grunderwerbssteuer sein wie auch die Wiedereinführung einer degressiven Absetzung für Abnutzung (AfA)“.

Für Celia Schütze, Geschäftsführerin der Bonner Energie Agentur, sind die Forderungen des FMI durchaus plausibel: „Wenn wir unsere Klimaschutzziele erreichen und zu einer klimaneutralen Gesellschaft werden wollen, ist es unumgänglich, den Gebäudebestand energetisch zu sanieren, also zu dämmen.“ Erhaltenswerte Bauten stellen hier eine Ausnahme dar, etwa „Fassaden, die nicht von außen gedämmt werden können.“

Die Alternative wäre, alle benötigte Wärme durch erneuerbare Energie bereitzustellen. Doch das werde verschiedenen Szenarien zufolge nicht funktionieren, da viele andere Abnehmer wie Industrie und Verkehr hier konkurrieren. Das bedeute laut Schütze für Verbraucher, ihre Immobilien so zu dämmen, „dass nur noch sehr wenig Energiebedarf übrig bleibt, der dann relativ einfach mit erneuerbaren Energien gedeckt werden kann“.