Trend zum Selbermachen: Woher kommt die neue Sehnsucht nach Handarbeit?

Trend zum Selbermachen : Woher kommt die neue Sehnsucht nach Handarbeit?

Selbermachen boomt. Der Trend entspringt auch dem Wunsch, in der globalen Risikogesellschaft ein Stück heile Welt zurückzuerlangen. Inzwischen ist sogar Stricken wieder schick.

Die Deutschen werkeln wieder in ihrer Freizeit. Da wird gehämmert, gebastelt, geschneidert, gelötet und Brot gebacken, was das Zeug hält. Lange ist's her, dass Studentinnen im Hörsaal ihre Professoren unbeirrt mit ewig klappernden Stricknadeln nervten. Über Jahrzehnte galt anschließend jeder als langweilig, uncool und spießig, der an der Nadel des Selbermachens hing.

Es sei denn, es ging um die Sehnsüchte richtig harter Männer, die sich in den diversen Hobbymärkten mit märchenhaft starken Hämmern und weiteren möglichst lautstarken Geräten erfüllen ließen. Doch wer wollte sich schon beim Basteln oder Nähen als bieder oder als Heimchen am Herd schimpfen lassen?

Inzwischen ist sogar Stricken wieder schick, wird als Ausdruck der Individualität, in Studentenkreisen fast schon als politische Aktion gefeiert. Strickpartys in der U-Bahn, „Stitch’n’Bitch“-Foren im Internet – auch Männer trauen sich neuerdings ran. Zwei rechts, zwei links, öffentlich gezeigt, macht einen zum interessanten Typen.

Es soll sogar Männergruppen geben, die sich bei Bier und Hotdogs zum Bikini-Häkeln für ihre Freundinnen treffen. Spießig war das gestern. Handarbeit feiert längst ein Comeback. Sie wird zum wortwörtlichen Begreifen der Welt. Mögen auch die wachsende Globalisierung, der Klimawandel oder andere Veränderungen der Welt unser Fassungsvermögen übersteigen – beim Selber-machen am Feierabend erfüllt sich dann doch der Traum, zu verstehen, wie die Dinge (und seien sie noch so klein) funktionieren und zusammenhängen.

Wir üben wieder Perlensticken. Wir malen vorgegebene Konturen mit bunten Farben aus wie die Kleinkinder. Wir sägen, hobeln, backen, spinnen und fermentieren Gemüse – und haben eine unbändige Freude daran. Die drängenden Fragen der Gegenwart bleiben auf angenehme Weise den eigenen vier Wänden fern. Und daheim legen wir mit unserem emsigen Tun Vorräte an, und seien es nur die in Schablonentechnik selbst bedruckten Geschirrtücher oder der amateurhaft gemalte Hirsch in Acryl.

"Trend geht gegen Massenproduktion"

Tradition ist kein Schimpfwort mehr. Was am vergangenen Wochenende kompakt in der Bad Godesberger Stadthalle zu besichtigen war. Bei 7000 Besuchern war zwei Kreativ-Messe-Tage lang kaum ein Durchkommen zwischen den Ständen der 50 Anbieter. In Schlangen warteten die Hobby-Näherinnen geduldig vor den gestapelten Ballen, um ihre Traumstoffe zu ergattern.

Die Menschen wollen heutzutage Perlenketten knoten, Nagelbilder klopfen, Plüschtiere stopfen, Schlüsselanhänger pixeln oder das unverkennbar persönliche Fotoalbum fertigen: Das hat auf jeden Fall der Oberkasseler Wirtschaftsinformatik-Student Marvin Okken begriffen, der in Bad Godesberg zum zweiten Mal die nüchterne Stadthalle zum „Mekka der Kreativen, Ästheten und Trend-setter“ verzauberte.

„Der Trend geht gegen Massenproduktion. Die Leute wollen Geschenke, Kostüme und Schmuck wieder selber machen“, sagt der junge Mann. Ocken hat schon den Erweiterungsplan seiner Messe für 2018 in der Tasche. Und kommende Termine in Duisburg und Wuppertal dazu. Der Trend zum Selbstgemachten ist also auch ein wunderbares Geschäftsmodell.

Was auch Petra Moser bestätigt, kreativer Kopf der Bad Godesberger „PM Dekormanufaktur“. Die Messeanbieterin hat sich mit ihrem seit 25 Jahren bestehenden Laden längst von der reinen Eventgestaltung zur zusätzlich erfolgreichen Kreativkurs-Anbieterin gemausert. Menschen suchten heute Abstand von ihrem stressigen Alltag, hat Petra Moser an ihren Kunden beobachtet.

Gartengarnituren schneidern, Möbel anmalen, Glasflächen zum Leuchten bringen, Leinwände mit Graffiti besprühen: „Das trauen sich heute viele zu. Und kommen mit ihrer Hände Arbeit am Abend und am Wochenende in netter Gemeinschaft endlich wieder runter.“

Ein Gefühl der Heimat

Psychologen wie Alexandra Hildebrandt sehen in der neuen Sehnsucht nach Handgemachtem den Wunsch, in der Risikogesellschaft ein Stück heile Welt wiederzuerlangen. Das selbst gehämmerte Stühlchen gebe ein Gefühl der Heimat und heimeliger Wärme zurück, das man verloren zu haben glaubte. Als häuslicher Gegenentwurf zur digitalisierten Welt würden von eigener Hand gefertigte Gegenstände eine fast verlorene analoge Realität wiederbringen.

Handarbeit vermittle endlich eine Art von Kontur und Begrenzung. Der gesellschaftliche Nestbau erlebe einen Boom in allen Bereichen des Lebens. Plötzlich kann man sich selbst wieder genug sein (falls man sein Smartphone mal ausgeschaltet bekommt). Das lateinische „manu factum“ (zu Deutsch: das Handgemachte) treffe zudem den Nerv einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die der glatten Welt der Industrieprodukte den Rücken kehrten.

Eine, der das seit 2010 in ihrer kleinen Werkstatt gelingt, ist Barbara Spieß. Zuvor hatte sie in einem Bericht das Drehen von Glasperlen gesehen und buchstäblich Feuer gefangen. „Das kann ich auch“, hatte sie sich gesagt und das Glasblasen gelernt. In aller Seelenruhe saß Barbara Spieß in der Stadthalle am Gasbrenner und zog eine Glasröhre nach der anderen in immer neuen Formen in die Länge.

Kinderleicht sah das aus. „Das ist meine Art zu meditieren“, sagt sie. „Das Arbeiten mit Feuer hat mich schon als Kind fasziniert. Und irgendwann bin ich dabei geblieben.“ Natürlich brauche sie weiter einen Brotberuf. „Von dessen Hektik kann ich aber am besten abschalten und zur Ruhe kommen, wenn ich den Gasbrenner entfache.“ Handarbeit erfüllt offensichtlich auch eine therapeutische Funktion: Sie hilft beim Reinemachen der Seele.

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