Nehmen Sie Platz – aber nicht zu lange: Wie Sitzen krank machen kann

Nehmen Sie Platz – aber nicht zu lange : Wie Sitzen krank machen kann

Millionen Deutsche tun es täglich – bis zu elf Stunden lang: Ununterbrochenes Sitzen. Die bewegungslose Lebensweise soll zur Entstehung schwerer Krankheiten beitragen. Stimmt das?

Am Schreibtisch und beim Essen, vor dem Fernseher und beim Lesen, beim Autofahren und im Theater – zu fast allem, was der moderne Mensch bei der Arbeit oder in seiner Freizeit unternimmt, setzt er sich hin. Sieben Stunden täglich, laut einer Befragung der Deutschen Sporthochschule Köln für den aktuellen DKV Report 2016.

Schreibtischarbeiter unter den befragten 2800 Erwachsenen kamen sogar auf eine durchschnittliche Sitzzeit von elf Stunden. Eine „artgerechte Haltung“ ist das nicht, wie es Gregor Pfaff, Orthopäde und Präsident der deutschen Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung, einmal formuliert hat.

Das liegt daran, dass die Evolution mit der rasanten Entwicklung der menschlichen Zivilisation nicht Schritt halten konnte, so dass wir immer noch mit einem Körper herumsitzen, der eigentlich für ständige Bewegung beim Jagen und Sammeln optimiert ist. Dass zu langes Sitzen zu Rückenproblemen führen kann, ist schon lange kein Geheimnis mehr.

In den vergangenen Jahren kam noch eine weit schwerwiegendere Befürchtung dazu: In immer mehr Studien wurde untersucht, inwiefern sich ein Zusammenhang zwischen der häufigen Sitzenbleiberei und dem Auftreten schwerer Krankheiten, also letztlich einer verkürzten Lebenserwartung feststellen lässt. Dauersitzen wurde als eigenständiger Risikofaktor ausgemacht und teils unter dem Schlagwort „Sitzen ist das neue Rauchen“ zur tödlichen Gefahr erklärt.

Bei der Beweislage noch am Anfang

„Das ist ein relativ neues Phänomen, wir kennen das jetzt ungefähr zehn, maximal fünfzehn Jahre“, sagt Michael Leitzmann, Inhaber des Lehrstuhls für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg. Auch er glaubt, dass das Sitzen „vermutlich einen Risikofaktor für gesundheitliche Probleme oder Krankheitsentwicklungen“ darstellt. Bei der Beweislage stünde man aber noch „relativ am Anfang“.

Das hängt damit zusammen, dass die meisten bisherigen Untersuchungen dazu auf der Grundlage vorhandener Daten aus großen Gesundheitsumfragen erarbeitet wurden. Vereinfacht gesagt betrachtete man, welche Teilnehmer sich als Viel- oder Wenigsitzer eingeschätzt hatten – und verglich dann, wie viele Befragte aus der jeweiligen Gruppe erkrankt oder gestorben waren.

In einer 2014 veröffentlichten Studie wertete Michael Leitzmann gemeinsam mit Daniela Schmid die Angaben aus 43 Einzeluntersuchungen mit insgesamt vier Millionen Teilnehmern aus, von denen rund 69 000 an Krebs erkrankt waren. Die Studie zeigte vor allem, dass von denjenigen, die viel gesessen hatten, acht Prozent mehr an Darmkrebs und zehn Prozent mehr an Gebärmutterschleimhautkrebs erkrankt waren. Dass das lange Sitzen dafür verantwortlich war, lasse sich aber noch nicht belegen, betont Leitzmann.

Bei vielen Untersuchungen habe man einfach nach der selbst geschätzten Dauer des täglichen Fernsehkonsums gefragt und diese Zeit dann mit der Sitzdauer gleichgesetzt. Ob jemand dabei viel herumgelaufen ist, wurde so genau so wenig erfasst wie das Ernährungsverhalten. Dabei könnten viele Snacks und Süßgetränke während eines langen Fernsehabends die eigentliche Krankheitsursache gewesen sein.

Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Inzwischen gibt es auch eine Theorie dazu, wie eine sitzende Haltung zu einem erhöhten Krebsrisiko führen könnte. Experimentelle Studien haben gezeigt, dass der Glukose- und Insulin-spiegel sich beim Dauersitzen dem eines Diabetikers annähert. Da die Zuckerkrankheit auch ein Krebs-Risikofaktor sei, könne man sich vorstellen, dass es über diesen Umweg zu einer bösartigen Erkrankung kommt, sagt Leitzmann. Das sei aber bisher nur eine Spekulation.

Als gesichert gilt inzwischen, dass Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit dem Sitzen in Zusammenhang stehen. Dabei hat man entdeckt, dass die Verkümmerung der Skelettmuskulatur durch das Platzbehalten nicht nur zu einer Schwächung der Haltung und damit zu den bekannten orthopädischen Problemen führt: In den Muskeln wird dabei auch eine deutlich geringere Menge des Enzyms Lipoproteinlipase produziert, das der Körper braucht, um Fette nutzen und abbauen zu können.

Die Folge: Wer viel sitzt, nimmt leichter zu. Kommen Fettstoffwechselstörung, Übergewicht und Diabetes mit Bluthochdruck zusammen, der ebenfalls schon als Begleitsymptom langen Sitzens festgestellt wurde, ist das „tödliche Quartett“ komplett – das gefährliche metabolische Syndrom, das mit einem hohen Risiko für eine koronare Herzkrankheit verbunden ist.

Viele Studien kamen zu dem Schluss, dass die mit einem ungünstigen Sitzverhalten verbundenen Gesundheitsrisiken nicht durch erhöhte körperliche Aktivität ausgeglichen werden könnten. Leitzmann führt diese Ergebnisse aber auch darauf zurück, dass bei den bisherigen Untersuchungen meist nicht genau zwischen sitzend verbrachter Zeit und Inaktivität unterschieden wurde.

Ein Ausgleich für Sitzphasen scheint möglich zu sein

Erst in den vergangenen drei, vier Jahren habe man damit begonnen, auch die individuelle körperliche Aktivität zu berücksichtigen. So wurde bei einer Studie, die im vergangenen Jahr von einem Forschungsteam am Diabeteszentrum der Universität Leicester veröffentlicht wurde, das Sitz- und Aktivitätsverhalten einer Gruppe von „Couch Potatoes“, die viel saß und kaum körperlich aktiv war, mit dem dreier anderer Gruppen verglichen.

Dabei zeigte sich, dass nicht nur die Gruppe der körperlich aktiven Wenigsitzer günstigere kardiometabolische Marker hatte, also einen besseren Schutz vor einer koronaren Herzerkrankung. Auch die Teilnehmer, die sich zwar viel bewegten, aber auch lange saßen, erreichten sehr gute Werte; wer viel saß und sich ein wenig bewegte, hatte immerhin schon einen deutlich besseren Cholesterinspiegel als die „Couch Potatoes“.

Im Gegensatz zu manchen düsteren Prognosen, die Büro- und Fernsehsessel beinahe schon in die Nähe des elektrischen Stuhls gerückt hatten, scheint ein gewisser Ausgleich für Sitzphasen durch körperliche Aktivität also doch möglich zu sein.

Ein Grund mehr, sich die im vergangenen Jahr veröffentlichten „Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ zu Herzen zu nehmen, die unter Federführung von Wissenschaftlern des Instituts für Sportwissenschaft und Sport an der Universität Erlangen-Nürnberg erarbeitet wurden. Demnach sollten Erwachsene wenigstens 150 Minuten pro Woche mit moderater Intensität körperlich aktiv sein.

Regelmäßige Sitzpausen sind empfehlenswert

Unter anderem raten die Experten, lange, ununterbrochene Sitzphasen zu meiden und „nach Möglichkeit das Sitzen regelmäßig mit körperlicher Aktivität (zu) unterbrechen“. Der DKV Gesundheitsreport empfiehlt sogar, nicht mehr als die Hälfte der Arbeitszeit im Sitzen zu verbringen – derzeit betrage dieser Anteil bei Schreibtischarbeitern 73 Prozent. Dafür bedürfe es neuer Bürokonzepte, die etwa Stehtische für Besprechungen und als zeitweilige Arbeitsplätze vorsehen.

In Zukunft werde man, sagt Michael Leitzmann, nicht nur auf die Gesamtdauer des Sitzens pro Tag achten, sondern denen, die bei der Arbeit sitzen müssen, kurze regelmäßige Pausen vom Sitzen empfehlen. Das kann ein Gang zum Papierkorb oder in die Teeküche sein, oder ein Besuch beim Kollegen statt einer E-Mail. Erste Versuche hätten gezeigt, dass sich beim Sitzen schon kurze Unterbrechungen günstig auswirken können.

Vielleicht werden wir in Zukunft ja auch eine ganz andere Position einnehmen. Die „tiefe Hocke“ wie man sie in asiatischen Ländern oder bei kleinen Kindern sehen kann, gilt vielen als besonders schonende, menschen-gemäße Haltung. „Das Hocken ist wahrscheinlich die natürlichste Form des Nichtgehens und Nichtliegens“, bestätigt Michael Leitzmann. Ohne weiteres empfehlen würde er dies derzeit nicht – obwohl er es für eine „interessante Idee“ hält, zu untersuchen, ob es vielleicht gesünder sein könnte, in die Hocke zu gehen, als auf einem Stuhl zu sitzen.

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