Massentierhaltung: Die langen Schatten von Steak und Schnitzel

Massentierhaltung : Die langen Schatten von Steak und Schnitzel

Teller, Trog oder Tank? Der Weltacker bietet zu wenig Ernten, um vor allem den rasant steigenden Fleischkonsum zu decken, weshalb auch mancher Regenwald zum Sojafeld wird. Unterdessen wächst für den Menschen das Antibiotika-Risiko aus den Mastställen des Planeten.

Ein auf Kostensenkung getrimmtes Geschäft

Die Putenwurst, das Rindersteak und das Schweineschnitzel: Egal, welches Fleisch Sie aufs Brötchen, in die Pfanne oder auf den Grill legen, dahinter existiert eine Welt, in der es mit Lebewesen so effizient zugeht wie bei Daimler am Band.

Die landwirtschaftliche Idylle, ja, die gibt es auch noch - so häufig wie die Nadel im Heuhaufen, auch wenn die Werbung uns das Gegenteil suggeriert. Die Fleischherstellung ist längst zu einem globalisierten, auf Kostensenkung getrimmten Geschäft geworden, das äußerst vielschichtig ist und auf vielerlei Weise miteinander zusammenhängt.

Lokale Landwirte spielen dabei kaum noch eine Rolle. Der Großteil der Fleischproduktion findet längst nicht mehr durch natürliche Fortpflanzung, Freiland-Aufzucht und Schlachtung beim Metzger um die Ecke statt. "Heute ist das ein globalisierter Markt", sagt Greenpeace-Experte Martin Hofstetter. Die Schauplätze haben sich verlagert, die Prozesse sich verändert - und mit ihnen teilweise auch die Tiere.´

Grundformel der Fleischproduktion

Das Problem beginnt mit der Grundformel zur Fleischproduktion: Der Mensch schickt pflanzliche Kalorien durch die Kreatur, um tierisches Eiweiß zu "ernten".

Keine besonders effektive Prozedur, denn es benötigt je nach Tierart - Huhn, Schwein, Rind - 7 bis 16 Kilo Kraftfutter für ein Kilo Fleisch. Als "Mercedes" unter den Futterverwertern gilt das Rind, das für ein Kilo Fleisch zudem mehr als 16 000 Liter Wasser benötigt.

Das moderne Masthuhn verzeichnet indes Effizienzgewinne: Vor 50 Jahren fraß es dreimal mehr als heute, um ein Kilo zuzulegen und benötigte doppelt so lange bis zur Schlachtreife.

Weltacker stößt an seine Grenzen

Der US-Historiker William Boyd bezeichnet das Masthuhn von heute als "eine hocheffiziente Maschine, die Getreidefutter in billiges, proteinreiches Tierfleisch verwandelt". Doch das schiere Wachstum allein der Hühnerställe zeigt, dass der Weltacker an seine Grenzen stößt: 1960 schlachteten die Menschen etwa sechs Milliarden Hühner, heute sind es fast zehn Mal so viele.

Zudem konkurrieren beim Getreide nicht nur Teller und Trog: Der Tank (Biosprit) ist inzwischen als "Ackernutzer" hinzugekommen. Da wundert es nicht, dass die Anbauflächen in Europa und den USA bei weitem nicht mehr ausreichen.

Weil auch weltweit die Fleischnachfrage rasant steigt, haben Länder wie Brasilien, Argentinien oder Paraguay sich längst für Konzerne geöffnet, die ganze Landstriche in Monokulturen verwandeln. Soja spielt hier eine zentrale Rolle. 70 Prozent der Welt-Sojaernte landet im Stall - und stammt zu großen Teilen von Flächen, wo früher einmal Urwald stand.

Drastische Konsequenzen für Klima und Artenvielfalt

Die stark voranschreitende Rodung von Regenwaldflächen für den Soja-Anbau hat drastische Konsequenzen für Klima und Artenvielfalt. "Dort wird ein System der Monokulturen geschaffen, das wenig Rücksicht auf die Natur nimmt", sagt Hofstetter.

Er schätzt, dass zudem 99 Prozent der Soja-Pflanzen in Argentinien und 80 Prozent in Brasilien gentechnisch verändert sind. Ob das Folgen für den Menschen haben kann, ist letztlich (noch) nicht erwiesen. Viele Studien widersprechen sich - je nach Auftraggeber.

Abhängigkeit der Landwirte

Die Entwicklung hat jedoch sehr reale Auswirkungen schon in der Gegenwart. Viele Landwirte, die im Konzernauftrag Soja produzieren, sind abhängig von Firmen wie Monsanto.

Das umstrittene US-Unternehmen liefert gentechnisch verändertes, patentiertes Saatgut und dazu das passende Pestizid gleich mit, gegen das nur die gentechnisch manipulierten Pflanzen selbst immun sind. Alles andere Leben auf den Feldern stirbt. Der Pestizid-Einsatz sei dennoch stark angestiegen, da sich Resistenzen gebildet hätten, berichtet Hofstetter.

Missbildungen bei Neugeborenen

Bereits 2012 hatte ein TV-Bericht auf Arte gezeigt, welche Folgen die Chemie haben kann. Durch eine Studie an der Uniklinik von Asunción, der Hauptstadt Paraguays, wurde ein Zusammenhang zwischen dem Einsatz der Pflanzengifte und schwersten Missbildungen bei Neugeborenen, die in der Umgebung der Pestizid-Felder geboren wurden, belegt.

Nicht selten sind dies Kinder ehemaliger Bauern, die ihr Land verloren haben und in ärmsten Verhältnissen zu überleben versuchen. Die Konzerne gehen im Schulterschluss mit der jeweiligen Regierung offenbar gnadenlos gegen die Bevölkerung vor.

Keine Chance für Kleinbauern

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter hat das in der "Zeit" ausführlich geschildert: "Das Land gehört Kleinbauern. Da kommt eine große Firma, die kauft das Land vom Staat, die kommt zu den kleinen Bauern und sagt: Ihr müsst gehen.

Wenn die Bauern dann nicht freiwillig gehen, kommt die Todesschwadron. Die bringt fast alle Kleinbauern, Bürgermeister, Gewerkschafter um. Für die Bauern, die dann noch übrig sind, kommt dann noch eine Schwadron, vergewaltigt Frauen, tötet die Kinder.

Dann kommen Schubraupen, schieben alles auf einen Haufen, planieren das Land, dann wird gentechnisch verändertes Soja auf quadratkilometergroßen Flächen angebaut. Und so entstehen die Futtermittel für unsere Massentierhaltung.

Wer das mit eigenen Augen gesehen, wer mit den Bauern gesprochen hat, dem vergeht der Spaß bei unserem Gescherze über manche Dinge." Auch wenn die Beschreibung drastisch ist: Es gibt Filmaufnahmen, die sie stützen.

Große Konzerne profitieren

Fest steht: Die großen Profiteure des Soja-Anbaus in Südamerika sind große Konzerne. Wer noch profitiert, sind die großen Landwirte, denn gentechnisch verändertes Soja ist aufgrund der großen Mengen und kostenreduzierter Erzeugung günstiger als traditionell angepflanztes Soja.

Dazu existiert eine Kennzeichnungslücke. Während Landwirte noch auf dem Lieferschein sehen, ob es sich um gentechnisch veränderte Futtermittel handelt, erkennt der Kunde das im Supermarkt nicht mehr.

Doch auch ohne gentechnisch veränderte Pflanzen entsteht in Ländern der Dritten Welt ein Problem: Sie stellen ihre Felder zunehmend für die Futterherstellung in den Industrieländern zur Verfügung - Felder, die Devisen bringen, aber dann für die eigene Nahrungsproduktion fehlen.

Zahl der Vegetarier und Veganer steigt

Medial rücken auch immer stärker die Bedingungen, unter denen Nutztiere gemästet werden, in den Fokus. Nicht von ungefähr steigt die Zahl der Vegetarier und Veganer in Deutschland.

Es wurde sogar ein neuer Begriff erfunden für Menschen, die nur Fleisch essen, das von Tieren aus artgerechter Haltung stammt: Flexitarier. Sie konsumieren kein Fleisch, das unter den Bedingungen maximaler Rationalisierung hergestellt wurde.

Fleisch-Fakten

Doch genau das ist hierzulande die Regel: industrielle Produktion. Sie fördert auch massiv den Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft.

Allein zwischen November 2013 und Mai 2014 ist die Zahl der Betriebe mit der Haltung von Mastschweinen um 900 auf 22 700 gesunken. Dabei verringerte sich besonders die Zahl der kleineren Betriebe mit bis zu 1000 Schweinen, während die Zahl der Großbetriebe mit mehr als 5000 Tieren deutlich zunahm.

Trend geht zur Massentierhaltung

Der Trend geht zu weniger Landwirten, die in größeren Ställen immer mehr Tiere mästen. In einem Wort: Massentierhaltung.

Zwischen dem, was Zoologen oder Tierschützer für artgerecht halten und was die Fleischproduzenten, liegen Lichtjahre. Beispiel Schweine: Sie stehen etwa auf Spaltenböden, liegen oft in ihren eigenen Exkrementen.

Als "Spielzeug" ist nur eine Handvoll Stroh täglich vorgeschrieben. Die Tiere langweilen sich, dabei sind Schweine sehr intelligente Tiere, die oft mit Hunden verglichen werden. Sie schätzen soziale Bindungen, die in der massenhaften Haltung aufgebrochen werden.

"Die Tiere werden verstümmelt"

Das macht sie aggressiv, weshalb ihnen Zähne abgeschliffen und Schwänze amputiert werden, um die gegenseitige Verletzungsgefahr zu verringern. Fazit: "Die Tiere werden verstümmelt, um sie der Haltung anzupassen", sagt Hofstetter.

Unverzichtbar sind leistungsfähige Sauen, die längst nicht mehr auf natürlichem Wege befruchtet werden. Das übernehmen Firmen, die jährlich Millionen Sperma-Tuben von "Top-Genetik-Ebern" produzieren (lassen).

Die einzige Aufgabe dieser Tiere ist es über Jahre hinweg, durch das Besteigen eines sogenannten Phantoms, täglich das Sperma abzuliefern, das dann die Ferkel-Produzenten kaufen und ihren Sauen per Pipette einführen.

Wenig Zeit für die Fortpflanzung

Der Zeitplan für die Nachwuchsproduktion ist eng getaktet. Die Sauen liegen ab einer Woche vor der Geburt in einem Ferkelschutzkorb, der die Ferkel davor schützt, versehentlich erdrückt zu werden, da ihre Mutter so eingepfercht ist, dass sie sich nicht bewegen kann.

Nach gut einem Monat werden die Ferkel von der immer noch liegenden Mutter getrennt. Später werden sie ihr Gewicht in vier Monaten auf rund 120 Kilo vervierfachen. Ihr Körperbau kommt da kaum mit. Knochenbrüche sind keine Seltenheit.

Zuletzt hatte eine ARD-Reportage für Empörung gesorgt, in der aufgedeckt wurde, dass in deutschen Ställen scheinbar systematisch Ferkel, die zu klein auf die Welt gekommen sind, durch Schlagen auf den Boden oder die Stallkante brutal getötet werden. Teilweise wurden sie sogar lebendig in Mülleimern gestapelt.

"Die Tiere sind Terminware"

Beim Geflügel sieht es kaum besser aus: In vielen Ställen drängen sich 20 000 Hühner und mehr. Je dichter die Population pickt und scharrt, desto höher das Risiko, dass sich Krankheiten schnell ausbreiten. Das wird dadurch begünstigt, dass die Tiere selten noch etwas mit einem Huhn aus der Natur zu tun haben.

"Die Tiere sind Terminware", sagt Hofstetter. Wenige Rassen sind darauf getrimmt, im Zeitraffer maximal Fleisch anzusetzen, vor allem im Brustbereich. Doch der Körperbau kann mit der Gewichtszunahme nicht Schritt halten.

Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt

Ein Küken legt in den ersten 30 Tagen rund 1,5 Kilogramm an Gewicht zu - und schon geht's zum Schlachten. Das hat die Natur so nicht vorgesehen, und so entstehen während der kurzen Lebensphase Probleme mit dem Gelenkapparat und Schmerzen.

Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt, mit Antibiotika wird gegengesteuert. In einem Maststall werden rund 40 Mal so viele Antibiotika eingesetzt wie in einer deutschen Klinik.

Ende 2011 hatte NRW-Umweltminister Johannes Remmel eine Studie vorgestellt. Resultat: 96,4 Prozent der Tiere werden mit Antibiotika behandelt, oft prophylaktisch. "Das Ergebnis verursacht bei mir dauerhafte Übelkeit", sagte Remmel. "Diese Form der Tierhaltung ist rechtlich und ethisch nicht akzeptabel." Doch sie ist die Regel.

25.000 getötete Schweine pro Tag

Ansonsten folgt der Konzentration der Bauernhöfe die der Schlachthöfe. Spätestens an diesem Punkt ist die Fleischproduktion vollends industrialisiert und das Tier längst zur Ware geworden.

Bei Clemens Tönnies werden in Rheda-Wiedenbrück, wo Europas größter Schlachthof steht, täglich 25 000 Schweine getötet - 1700 pro Stunde.

Für Tönnies bietet sein auf Effizienz getrimmter Schlachthof die besten Bedingungen, um Schweine zu töten - "auch für die Tiere", wie er dem "Spiegel" einmal sagte.

Tiere werden rücksichtslos zusammengepfercht

Immer wieder stören jedoch die Medien den Fleischfrieden zwischen Herstellern und Verbrauchern - Rinderwahnsinn, Gammelfleisch, Dioxinrückstände, exzessiver Antibiotika-Einsatz, dazu auch schauerliche Bilder von Rindern, die zappelnd über ein Förderband transportiert werden, weil zuvor die Tötung im Schlachthof nicht funktioniert hat.

Schon für die Fahrt dahin werden die Tiere oft rücksichtslos zusammengepfercht - stundenlang über Ländergrenzen hinweg.

Der Schlachtpreis, was sonst, bestimmt die Distanz. "Aber", sagt Greenpeace-Mann Hofstetter: "Die Transporte werden insgesamt besser, weil die Vorschriften strenger geworden sind."

Enormer Preisdruck

Die Branche steht unter enormem Preisdruck. Sie spart, wo sie kann. Denn sie hat die "Geiz-ist-geil"-Mentalität der Kunden mitbegründet. Das Argument: Verbraucher verlangen mehrheitlich nach Billigfleisch.

Dazu möchten sie außerdem ein sauber abgepacktes Stück Ware, der man den Leidensweg von der Geburt über die Mast bis zum Schlachttermin nicht ansieht.

Das gruselige und abgeschirmte Treiben hinter dem blitzblanken Endprodukt entwickelt sich jedoch gerade zum Bumerang mit ungewissem Restrisiko. Die Wirkung der Antibiotika lässt weltweit nach. Mancherorts sterben Menschen wieder an Krankheiten, die längst als besiegt galten.

Antibiotika-Einsatz fördert Keime und Bakterien

Eine Teilursache für die seit Jahren weltweit wachsende Zahl multiresistenter Keime und Bakterien (MRSA) vermuten Forscher im exzessiven Antibiotika-Einsatz bei der modernen Fleischproduktion.

Bei einer Untersuchung der Grünen von abgepacktem, mariniertem Fleisch in verschiedenen deutschen Städten kam kürzlich heraus: 14 Prozent aller Proben waren mit MRSA-Keimen befallen.

Die Gefahr wächst, die Zeit drängt. "Es geschieht genau jetzt in jeder Region der Welt und kann jeden treffen - in jeder Altersgruppe, in jedem Land", sagte kürzlich Keiji Fukuda, Vizechef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass bei einem Menschen eine Antibiotika-Pille nicht mehr wirkt.

"Das tägliche Schnitzel erobert die Welt"

Auffällig sind Ergebnisse aus den Niederlanden: Tierärzte aus der Massentierhaltung und Schlachtarbeiter tragen besonders häufig MRSA in sich. Ungeklärt ist, welches Risiko von mit MRSA durchtränkter Gülle ausgeht. Könnte es einen Transfer resistenter Erreger zur Pflanze und damit zur menschlichen Nahrungskette geben?

So sammeln sich immer mehr Negativaspekte und Risiken unter der Fleischfrage. Es scheint, als habe der Discountpreis einen großen Gesamtpreis, der noch nicht bezahlt ist.

Regenwald, Welthunger, Klimawandel, Antibiotika-Wirkungslosigkeit und der Umgang mit der Kreatur. Viele Weltprobleme würden sich verkleinern, wenn das tägliche Schnitzel nicht die Welt erobert. Doch genau das ist der Trend.

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