Rotwein von der Mosel: Rote Welle

Rotwein von der Mosel : Rote Welle

Die Winzer an der Mosel können nicht nur Riesling. Auch Spätburgunder hat dort eine Heimat gefunden.

Bonn. Rotwein von der Mosel – was für eine Sünde, mag da manch einer denken! Die Mosel, das ist doch Ur-Riesling-Land, nirgendwo anders entstehen so unvergleichliche, unkopierbare Weiße wie auf den Steillagen mit den kargen Schieferböden entlang des Flusses zwischen Koblenz und Trier. Und plötzlich tauchten sie auf, vor rund 19 Jahren mischten sich ganz unvermutet rote Flecken in die bisher rein weiße Flaschenfront. Spätburgunder von der Mosel. Doch manchmal muss man seine Vorurteile eben runterschlucken. Und hier lohnt sich das wirklich.

Einer der Vorreiter, die seit Anbeginn ganze Überzeugungsarbeit leisten, ist Winzer Markus Molitor aus Wehlen. Oder noch viel besser: sein 2013er Spätburgunder aus dem Brauneberger Klostergarten mit drei Sternen, also ein Spitzenwein innerhalb der hauseigenen Klassifikation, die von ein bis drei Sternen reicht. Er wartet mit dunkler Kirsch- und Maulbeerfrucht, sanfter Würze und leicht rauchigen Grafitnoten auf, die vom ersten bis zum letzten Moment einen schönen Spannungsbogen durchziehen. Mit seinem schlanken und geradezu knackigen Stil ist der Wein mehr burgundisch elegant und filigran ausgerichtet und nicht vergleichbar mit den voluminöseren und hedonistischen Exemplaren von Ahr, Rheingau oder auch aus Baden.

Die Überraschung, auf einen Rotwein von Markus Molitor zu treffen, weicht mit seiner Erzählung über die gut 300-jährige rote Geschichte der Mosel. Denn tatsächlich hatte sich, so Molitor, der Riesling dort erst im 19. Jahrhundert angesiedelt – dann allerdings gleich so erfolgreich, dass die Politik 1933 alle roten Sorten verbot. Erst zwei Winzergenerationen später, Ende 1987, wurden sie wieder zugelassen und ausgepflanzt – auch von Molitor.

Markus Molitor war vertraut mit Pinot Noir, denn der Vater hatte neben dem Weingut einen kleinen Weinimport betrieben mit Schwerpunkt Frankreich, und der Sohn hatte stets mit Ehrfurcht beobachtet, welchen Preis die Kunden bereit waren, für einen roten Burgunder zu zahlen – und wie wenig doch für einen Moselriesling. Noch heute gelten weltweit Weißweine preislich (und auch qualitativ) im Vergleich zu Rotweinen als unterbewertet, am meisten wohl die Klassiker von der Mosel, für die die Winzer in den Steillagen einen kaum vorstellbaren Arbeitsaufwand betreiben müssen.

1989 konnte Molitor seinen ersten roten Jahrgang einbringen. Gerademal einen Glasballon füllte der. Der 1991er war dann marktreif, und heute, so Molitor, „könnte ich noch viel mehr davon verkaufen als nur die 20 000 Flaschen“, die er abfüllen kann. Aber mehr geht nicht: Auf 92 Prozent von seinen 60 Hektar wächst Riesling, Spätburgunder macht nur fünf Prozent aus, also rund drei Hektar. An der Mosel insgesamt belegt er 4,5 Prozent der 8800 Hektar Rebfläche.

Überhaupt nur rot und gar nicht erst weiß macht Daniel Twardowski. Auch er ist, wie einst Vater Molitor, eigentlich Weinhändler von Beruf und hat dabei eine große Leidenschaft für Burgunder entwickelt. Weine dieser Klasse wollte er machen – nur eben an der Mosel, wo die kargen Schieferböden und das kühle Klima ihm die idealen Bedingungen sozusagen vor der Haustür lieferten.

2006 pflanzte Twardowski auf drei Hektar nahe des Dorfes Dhron französische Pinot-Noir-Klone aus. Dort erscheint der Schiefer rötlich, weil er von Eisenoxidadern durchzogen wird, was seinen Weinen, so Twardowski, eine sehr aparte Salzigkeit verleihen würde. „Pinot Noix“ nennt er seinen Spätburgunder, nicht nur wegen der Nussbäume am Rande des Weinbergs, in denen sich Raben genüsslich bedienen und die Nüsse auf den Boden fallen lassen, bis sie aufknacken. Inspiration war auch die scheinbare Verrücktheit seiner Idee, Spätburgunder an der Mosel machen zu wollen, die es mit den Besten der Welt aufnehmen können: „Niemand steigt zu hoch, wenn er mit eigenen Flügeln fliegt.“

Dabei geht er bei der Weinbereitung ganz bodenständig und richtiggehend altmodisch vor: Mit der Hand werden die Beeren streng vorgelesen, nach einer zweiwöchigen Gärung in einer Korbpresse gepresst und in 225-Liter-Fässer aus französischer Eiche gefüllt; etwa 60 Prozent davon sind neu. So entstand auch der 2014er Pinot Noix, bei dem aus dem Glas eine brillant klare Maraschino-Frucht abhebt, begleitet von Marzipannoten und Veilchenduft, die Würze vom Holz schon in seiner Jugend voll integriert: eine Art burgundischer Überflieger.

Die Passion für Rotwein muss an der Mosel halt manchmal Umwege machen. Bei Peter Lehnert aus Piesport führte sie über Neuseeland, wo er beim Weingut Pegasus Bay arbeitete – und sich mit dem Pinot-Noir-Virus infizierte. Zurück an der Mosel musste es – neben dem Riesling – dann auch Spätburgunder sein. Zuerst überkam ihn noch Panik, weil die Säurewerte an der Mosel viel höher stiegen als auf der Südinsel Neuseelands. Doch ein Anruf bei seiner fernen Kollegin Lynnette Hudson beruhigte ihn: Einfach reifen lassen, dann findet er zu seiner Harmonie, hat sie ihm geraten.

So zeigt der 2014er Günterslay eine offenherzige Frucht, die vielleicht ein wenig an die Neue Welt erinnern mag, daneben aber auch die kühle Eleganz und die griffige Säure, wie man sie eher aus dem Burgund kennt. Ein echter roter Moselaner eben.

Spätburgunder hat also an der Mosel eine neue Heimat gefunden. Und wer das akzeptieren kann, wird auch den nächsten Schock überwinden: Merlot. Der 2010er Merlot Barrique von Günther Steinmetz aus Brauneberg ist dafür das allerbeste Heilmittel.

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