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Sankt Augustiner Fraunhofer-Institut FIT: Wie Künstliche Intelligenz im Kampf gegen Corona helfen kann

Sankt Augustiner Fraunhofer-Institut FIT : Wie Künstliche Intelligenz im Kampf gegen Corona helfen kann

Künstliche Intelligenz kann vor Infektionsherden warnen und Bildgebung schneller auswerten. Über Leben und Tod sollte sie nie entscheiden, warnt IT-Experte Stefan Decker vom Sankt Augustin Fraunhofer-Institut FIT.

Wie kann Künstliche Intelligenz (KI) die Menschen im Kampf gegen das Coronavirus unterstützen? Stefan Decker, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT in Sankt Augustin spricht mit Delphine Sachsenröder über die Chancen und Risiken.

In der Coronavirus-Krise ist Deutschland besonders stark auf die Digitalisierung angewiesen. Wie gut sind wir gerüstet?

Stefan Decker: Wir merken jetzt, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir sein müssten. Deutschland bekommt gerade den Spiegel vorgehalten, wie papierabhängig die Gesellschaft  ist. In öffentlichen Verwaltungen zum Beispiel spielen Stempel und Unterschriften noch eine große Rolle. Aber ich bemerke auch, dass jetzt Digitalisierungsprojekte umgesetzt werden, die ohne die Krise wahrscheinlich viel länger aufgeschoben worden wären. Meine Hoffnung ist, dass uns das eine bessere Ausgangsposition für die Zukunft verschafft. Fraunhofer forscht in Sankt Augustin zu Künstlicher Intelligenz (KI).

Interview Prof. Decker neuer Leiter Fraunhofer FIT über IT-Trends der Zukunft Foto: Benjamin Westhoff

Welche Felder sind in der jetzigen Situation besonders relevant?

Decker: Bei der KI geht es in erster Linie um die Auswertung großer Datenmengen. Diese fallen auch und gerade in der Medizin an. KI kann zum Beispiel, wie es auch in China passiert, Radiologen bei der Erstellung von Diagnosen unterstützen. Software erkennt Krankheiten deutlich schneller auf medizinischer Bildgebung als das menschliche Auge. Fraunhofer und andere IT-Forschungsinstitute bieten aktuell auch unmittelbare Hilfe, etwa bei der Auswertung medizinischer Papiere für die entsprechenden staatlichen Stellen an. Falschnachrichten in den sogenannten sozialen Medien wie Facebook nehmen in diesen Zeiten zu.

Was kann Software dagegen ausrichten?

Decker: Wir brauchen maschinelle Unterstützung, um der Flut an Desinformationen Herr zu werden. Gleichzeitig ist es in einer Demokratie notwendig, die Wahrheit davor zu schützen, dass sie von fehlerhaften Algorithmen aussortiert wird. Das Filtermonopol sollte daher genau wie das Meinungsmonopol nicht beim Staat liegen. Wir brauchen einen Filterpluralismus. Das zu organisieren, ist eine große Herausforderung.

Die EU erhält während der Coronavirus-Krise von den führenden Mobilfunkkonzernen anonymisierte Standortdaten von den Handys der Bürger. Macht das Sinn?

Decker: Die Auswertung von Bewegungsprofilen ist bei der Seuchenbekämpfung grundsätzlich nützlich. Über die Ortung von Mobilfunkgeräten können Infektionswege nachvollzogen und so auch Menschen gewarnt werden. Das wirft aber alles natürlich auch ethische und datenschutzrechtliche Fragen auf. Diesen Fragen müssen wir uns vermehrt stellen: Was soll erlaubt sein, um Leben zu retten, und was wollen wir definitiv nicht?

Welche Rolle spielt der Staat?

Decker: Erst einmal muss sich die Nutzung von KI in diesem Fall an der geltenden Rechtslage orientieren. Wie weit sich diese rechtlichen Grenzen durch das Coronavirus in die eine oder andere Richtung verschieben, wird sicher noch ein Diskussionsthema und ist eine legitime Frage. Es gibt bereits Ausnahmen vom Datenschutz für die Forschung. Allerdings fehlt es vielen Wissenschaftlern an Rechtssicherheit. Dadurch kann es sein, dass Ergebnisse, die Leben retten könnten, gar nicht erst zustande kommen werden. Die zentrale Frage ist: Wann ist das Gemeinwohl wichtiger als der Datenschutz des einzelnen? Und die müssen wir durch die Pandemie neu bewerten.

Wo sehen Sie die Grenzen der künstlichen Intelligenz?

Decker: KI soll Menschen bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen und entlasten – nicht ersetzen. Mich hat die Nachricht entsetzt, dass in China Rechner mit KI-Software während der Coronakrise dazu eingesetzt werden sollten, zu beurteilen, wer ein Beatmungsgerät bekommen soll und wer nicht. Das sind Entscheidungen, die, so schwer sie auch sind, am Ende Ärzte treffen müssen.

Die Länder stehen bei der Entwicklung von KI im Wettbewerb. Werden jetzt die Kräfte gebündelt?

Decker: Grundsätzlich stehen alle Länder, vor allem die USA und China, in einem starken Konkurrenzkampf. Der versuchte Zugriff der USA auf den deutschen Impfstoffentwickler Curevac hat gezeigt, dass auch zwischen diesen Ländern der Wettbewerb um Forschungsergebnisse in der Krise fortbesteht. Auf der wissenschaftlichen Seite sehe ich eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Der Austausch von medizinischen Datensätzen, Artikeln und Informationen, auch aus den USA und China, läuft derzeit gut und ist wichtig. Jede Information kann Leben retten.

Was kommt nach der Pandemie?

Decker: Die Welt wird nach der Pandemie nicht mehr dieselbe sein wie vorher. Wir müssen vieles auf den Prüfstand stellen, nicht nur unser Gesundheitssystem. Unsere Verwaltungsprozesse sind viel zu schwerfällig. Deutschland hat da noch viel aufzuholen. Bei der Digitalisierung von öffentlichen Verwaltungsprozessen ist auch der Föderalismus hinderlich. Wir haben einen Zoo von Lösungen in jeder Stadt, jedem Kreis, jedem Bundesland, wo vielleicht eine bundeseinheitliche Lösung besser und effizienter wäre. Vielleicht begreifen wir es als Chance, auch die entprechenden Gesetzeslagen zu überprüfen.