Fields-Medaillen-Gewinner von der Uni Bonn: Wie Mathematiker Peter Scholze vom Schüler zum Lehrer wurde

Fields-Medaillen-Gewinner von der Uni Bonn : Wie Mathematiker Peter Scholze vom Schüler zum Lehrer wurde

Das Ausnahmetalent Peter Scholze hat von der Förderung an einer speziellen Mathe-Schule in Berlin profitiert. Doch anders als in England oder Frankreich gibt es hierzulande kein Elitesystem.

Pädagogische Größe ist, wenn ein Lehrer anerkennt, seinem Schüler nichts mehr beibringen zu können. Der Mathematikprofessor Michael Rapoport, einst Doktorvater des neuen Bonner Fields-Medaillisten Peter Scholze, zeigt diese Größe. „Er ist der bessere Mathematiker als ich, er hat tiefere Einblicke als ich, er hat den besseren Überblick“, sagt er. Wie die Studenten hole auch er selbst sich mittlerweile Rat bei Scholze: „Er ist inzwischen mein Lehrer.“

Rapoport weist die gängige Frage zurück, welchen „Nutzen“ solch mathematische Grundlagenforschung wie Scholzes „Perfektoide Räume“ eigentlich habe: „Nicht die Nützlichkeit ist der Grund, warum das toll ist, sondern das geistige Ideengebäude.“

Einer der Grundsteine für dieses Ideengebäude des Ausnahmemathematikers war es, dass er eine Ausnahmeschule besuchte. Scholze ist (Rapoport ebenso) Absolvent der Heinrich-Hertz-Schule in Berlin (heute Gymnasium, zu DDR-Zeiten „Erweiterte Oberschule“). In mehreren Schritten baute der ostdeutsche Staat sie von 1963 bis 85 zur in allen Klassen mathematisch orientierten Spezialschule aus, mit speziellen Lehrplänen und Abituraufgaben; dies blieb so auch nach der Wende.

"Nicht wie Olympische Spiele"

„Meine Zeit an der Heinrich-Hertz-Schule war für mich prägend und hat sehr zu meiner Entwicklung beigetragen“, schrieb Scholze später. „Freunde aus der ehemaligen BRD berichten mir oft leidend von ihrer Schulzeit und blicken neidisch auf die Profilschulen in Berlin und der ehemaligen DDR. Diese Schulen sind ein Glücksfall, und ich hoffe, dass auch künftige Generationen von Schülern das Glück haben, in einem Netzwerk von mathematisch und naturwissenschaftlich herausragenden Schulen unterrichtet zu werden.“ Worin ein Unterschied liege, präzisierte er am Donnerstag: Im gängigen Unterricht komme „zu wenig rüber, dass Mathematik viel mehr ist als Rechnen und sehr spannend sein kann“.

Bei allem Rummel um Scholzes Fields-Medaille: Maßstab für die Bewertung eines Mathestandorts sollten nicht Preise sein, findet Gerd Faltings, erster deutscher Fields-Gewinner von 1986 und heute Scholzes Mitprofessor am Bonner Max-Planck-Institut für Mathematik. „Ich sehe das nicht wie Olympische Spiele, bei denen es darum geht, Medaillen zu bekommen. Dafür ist das deutsche System auch nicht geeignet.“ Im Prinzip könne man zwar überall in Deutschland gut Mathematik lernen; es gebe aber kein Elitesystem wie in England oder Frankreich. „Dort werden die Besten stärker gefördert.“ Alle säßen quasi auf einer Stelle. „Man lernt da besser, sich gegen Konkurrenz durchzusetzen.“ So sind Franzosen auffallend oft etwa unter den Trägern der Fields-Medaille.

Scholze bestätigt das. „Frankreich hat eine sehr starke Tradition der reinen Mathematik. Die haben auch ein ganz anderes Wissenschaftssystem, man kriegt früher permanente Stellen. Es gibt auch viel mehr reine Forschungsstellen, wo es auch ein paar Leute gibt, die ihr ganzes Leben der Forschung verschreiben.“ Dennoch möchte Scholze die deutsche Methode nicht missen. „Ich bin mit meiner Stelle sehr glücklich, ich will auch lehren. Ich glaube auch nicht, dass man das System auf den Kopf stellen könnte.“

Lob für französisches Fördersystem

Gerd Faltings hält es für kaum möglich, ein solches Fördersystem wie in Frankreich auch hierzulande durchzusetzen. „Der Bund könnte theoretisch eine Milliarde in eine Uni stecken und damit nach einiger Zeit eine Elitehochschule schaffen. Aber das gäbe politisch einen Riesenärger.“

Es habe lange gebraucht, bis Deutschland sich vom Aderlass der Nazizeit erholte, als zahlreiche Mathematiker vertrieben oder ermordet wurden, sagt der Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Michael Röckner. Inzwischen habe es auf internationalem Parkett wieder Fuß gefasst. Junge Mathe-Professoren brächten einen „Energieschwung“. Bei der Schulbildung sehe es schlechter aus, weil Lehrpläne abgespeckt worden seien. Es sei ein Kraftakt, Studenten angesichts der hohen Anforderungen an den Unis zu halten.