Formel für den Chartbreaker: Was lässt Hits zu Hits werden?

Formel für den Chartbreaker : Was lässt Hits zu Hits werden?

Bilden wir uns das ein - oder klingen die meisten Erfolgsstücke im Radio ziemlich gleich? Nein, es ist keine Einbildung: Zahlreiche Pop-Songs beruhen im Kern auf nur einigen wenigen Akkordfolgen - zumindest die, die zu weltweiten Hitparadenstürmern werden.

Große Musikreformer wie der vor sieben Jahren verstorbene Karlheinz Stockhausen brauchen sich nie darum zu kümmern, ob ihre revolutionären Kompositionen sich auf dem Markt der Hitparaden verkaufen werden.

Wer allerdings heute als junger Musiker sein Auskommen finden will, braucht "messbaren" Erfolg - am besten in den Charts der zeitgenössischen Popmusik. Der Musikwissenschaftler Dr. Volkmar Kramarz von der Universität Bonn kennt sich aus auf diesem Gebiet: Er ist selbst seit Jahrzehnten als Rock-Gitarrist aktiv. Er wollte herausfinden, welche Zutaten eine Komposition haben muss, um in den Charts ganz oben zu landen.

Hierzu untersuchte er erfolgreiche Popsongs aus den Jahren 2007 bis 2014 zunächst musiktheoretisch: Er wählte die Gewinner der Musikpreise "Grammy" und "Echo" aus, des Eurovision Song Contest (ESC) sowie die "Singles des Jahres" aus Deutschland und Großbritannien.

"Ein buntes Bild an Songs", sagt Kramarz, "die als charakteristisch für den Zeitgeschmack gesehen werden können". Dann prüfte er, welche Elemente in Melodie, Akkorden und Rhythmus allen Stücken gemeinsam waren - also als "unverzichtbare Chartbreaker-Zutat" angesehen werden können.

Die Analyse ergab, dass die weitaus meisten erfolgreichen Popsongs auf nur drei Akkordfolgen beruhen. Erstens: der "Turnaround", die Folge C-Dur / a-Moll / F-Dur / G-Dur. Zweitens: "Modern Pop", die Folge a-Moll / F-Dur / C-Dur / G-Dur.

Garanten popmusikalischen Erfolgs

Drittens: das "Four Chord"-Schema, die Folge C-Dur / G-Dur / a-Moll / F-Dur. Kramarz nennt diese Akkordfolgen "Pop-Formeln" und hält sie für Garanten popmusikalischen Erfolgs. "Wenn ich mir die Teilnehmerstücke des ESC darauf hin anhöre, kann ich mit 98-prozentiger Sicherheit vorhersagen, wer auf den Plätzen 1 bis 3 landet."

Woher aber kommt es, dass in den Hitparaden vor allem solche Stücke Erfolg haben, die auf diesen "Formeln" aufbauen? Dies wollte Kramarz im praktischen Teil seiner Studie herausfinden und komponierte dazu je ein Beispiel für jede der drei - jeweils in drei Varianten.

Einmal in unveränderter Form; einmal als "halbe" Formel, indem er Teile der Folgen um jeweils einen Halbton verschob; schließlich als "aufgelöste" Formel, in der er nach Stockhausen-Art die Musik in Schnipsel zerschnitt, mit Sinuskurven unterlegte, Tonarten und Rhythmus vermischte, bis kein "gewohnt-musikalischer" Zusammenhang mehr erkennbar war.

Anschließend versuchte Kramarz festzustellen, was im Gehirn von Popmusik-Hörern vor sich geht: Er spielte die neun Musikmuster 40 Probanden im Alter zwischen 20 und 72 Jahren vor, während ein Magnetresonanztomograf deren Hirntätigkeit maß. Dazu arbeitete der Musikwissenschaftler mit der Abteilung "Differentielle und Biologische Psychologie" der Universität zusammen.

Hirnregionen werden aktiv

Ergebnis: Quer durch alle Altersstufen sprechen die "Pop-Formeln" Gehirn-Bereiche an, die für besonderes Wohlgefühl zuständig sind. Anders die "aufgelösten" Formeln im Neutöner-Stil: Sie ließen Hirnregionen aktiv werden, "die sich mit Konfliktbereitschaft und Konfliktverarbeitung befassen". Eindeutig zeigte sich zudem, dass die nicht verfremdeten "Pop-Formeln" die Hirnregionen reizen, die für Körperbewegung zuständig sind. "Kurz gesagt: Bei Popformeln zuckt uns das Tanzbein."

Außerdem werde durch solche Akkordfolgen das "Belohnungssystem" "unverhältnismäßig stark aktiviert", so der Forscher weiter. Diese Hirnregion werde "bei sexueller Betätigung aktiv - und beim spontanen Kauf", sagt Kramarz. "Das Gehirn hört diese Stücke und sagt: Das will ich sofort haben!" Dies gelte "unabhängig von Alter, Bildung oder Herkunft - für den Eingeborenen in Neuguinea ebenso wie für den Musikprofessor in New York."

Volkmar Kramarz bilanziert: "Ob Popmusik einen Menschen anspricht, ist keine Frage von “Intelligenz„. Wir sind einfach alle so gestrickt." Als Ergebnis fordert der Experte einen Paradigmenwechsel beim Musikunterricht. "Wir sagen den Kids gerne: “Mach was Neues, was noch nicht da war!„.

Dann machen sie allerdings Popmusik, die sich nicht mehr an den Standards orientiert, so dass nur noch spezielle Hörer sie kaufen - und das sind weniger. Wenn wir wollen, dass unsere jungen Musiker so erfolgreich werden wie die amerikanischen, sollten wir mit solchen Ansprüchen vorsichtig sein."