Vor dem großen Schaulaufen im Senat

Die Kandidaten für das höchste Amt an der Bonner Alma Mater wollen mit der neuen Machtfülle des Rektorats sorgsam umgehen

Bonn. Wer wird neuer Rektor der Universität Bonn? Der Währungsexperte Professor Manfred J. M. Neumann oder der Geograph Matthias Winiger? Am Donnerstag stellen sich die beiden Kandidaten dem Uni-Senat in einer Sondersitzung vor, am 8. Januar fällt dann die Entscheidung.

Beide Kandidaten bringen für das schwierige Amt reichlich Erfahrung mit und haben bereits Verantwortung für die Geschicke ihrer Alma mater übernommen: Neumann ist Mitglied des Senats, Winiger amtierender Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Manfred J. M. Neumann ist viel herumgekommen, aber am Ende ein Bonner geworden. "Hier will ich nicht mehr weg", sagt er. Er schätzt die "Kombination aus beschaulicher Stadt am Strom und der Nähe zur Großstadt". 1981 nahm er den Ruf auf die Professur für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an und wurde Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaftspolitik.

Neumann: "Es war der in Deutschland führende ökonomische Fachbereich, der mich lockte." Hier wirkte er bei der Reform des volkswirtschaftlichen Studiengangs mit, der als erster in Deutschland die studienbegleitende Prüfung und eine Bewertung nach Kreditpunkten erhielt.

Der Hochgebirgsforscher und Klimaexperte Matthias Winiger hatte mehr an Frankreich und die USA gedacht, als es ihn aus seiner Geburtsstadt Bern ins Ausland trieb. "Doch dann kam der Ruf einer hervorragenden Hochschule mit interessanter Fächerkombination und dazu einem weltweit wichtigen Forschungsschwerpunkt in der Hochgebirgsforschung", erzählt Winiger.

Damit meint er Bonn. Vor 15 Jahren wechselte er von der Schweizer Bergwelt an den Rhein und hat es nicht bereut: "Bonn ist meine zweite Heimat geworden."

Den Währungsexperten reizt am Rektoramt, "das Schiff Universität zu steuern, so dass wir auf guten Kurs kommen". Den Hochgebirgsforscher fasziniert das "riesige Potenzial" der Volluniversität. "Jeder Geisteswissenschaftler sollte auch die Denkweise und Logik der Naturwissenschaften kennen lernen" - und umgekehrt.

Allerdings sind die Rahmenbedingungen der Uni alles andere als rosig: Mittelkürzungen, und wegen der Erhöhung des Lehrdeputats der Professoren sollen von der Bonner Uni 23 Lehrstühle abgezogen werden.

Außerdem wickelt die Alma Mater bis Oktober 2008 die Lehrerausbildung ab. Gleichzeitig erwartet das Ministerium von den Hochschulen eine Leistungssteigerung. In der Bewertung sind sich die Kandidaten einig: "skandalös".

Winiger begrüßt die neue Machtfülle, die das Rektorat nach der neuen Universitätsverfassung inne hat. Notwendige Entscheidungen könnten damit besser vorangetrieben werden. Allerdings sei "das Gespräch, die Verhandlung absolut zentral".

Winiger setzt auf den Sachverstand aus den Fakultäten und aus den Kommissionen. "Die Uni ist kein Postamt, sondern ein Ort, wo kreative Bedingungen herrschen sollten." Auch Neumann meint, man könne eine Universität nicht wie ein großes privates Unternehmen dirigieren: "Sie lebt aus der Vielfalt der Fächer, und daher müssen diese bei den Entscheidungen mitwirken."

Er wolle den Senat als Beratungsgremium ernst nehmen und Entscheidungen erst dann treffen, wenn dort die Argumente ausgetauscht sind.

Beide sprechen sich für die Forschungsuniversität als Leitbild aus. Für den "Rektortopf" - eine Million Euro zur Exzellenzförderung - möchte Neumann am liebsten noch mehr Mittel bereitstellen, damit auch die Geisteswissenschaften profitieren können. Weiterhin soll der Generationenwechsel bei den Professoren zur Profilbildung und weiteren Forschungsstärkung genutzt werden. Winiger setzt darauf, dass zwischen den Kernfächern "problemfokussierte Schwerpunkte" herausgebildet werden.

Dafür müssten Ressourcen frei gemacht werden. Neumann möchte bei den Fakultäten dafür werben, dass die Lehrstuhlbeschreibungen "nicht zu eng ziseliert" werden, sondern "Freiheit des Forschens" zugelassen wird.

Die Mängel in der Lehre führen beide Kandidaten auf extreme Überlasten und Ausstattungsprobleme zurück. Winiger kritisiert die Basisfinanzierung als "unverantwortlich gering". Neumann hebt die schlechte Betreuungsrelation hervor: Auf einen Professor kommen 72 Studierende.

Als gutes Instrument zur Steigerung der Lehrqualität bezeichnen beide die Beurteilung durch die Studierenden. Hinsichtlich der neuen gestuften Studiengänge sieht Winiger noch viele offene Fragen. Und auch Neumann betont: "Wir brauchen uns mit unserem Diplom nicht zu verstecken." Beide befürchten, dass die Wirtschaft die Absolventen einer so kurzen Ausbildung nicht abnimmt. Neumann: "Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Es gibt noch keine Besoldungsordnung für Absolventen mit Bachelor." Er denkt an zwei Masterprogramme: ein einjähriges berufsorientiertes und ein zweijähriges forschungsstarkes.

Neumann und Winiger sehen nur geringe Chancen, kurzfristig neue Geldquellen zu erschließen. Neumann will Möglichkeiten für eine gemeinnützige Stiftung ausloten. Und Winiger möchte, "dass in geeigneten Segmenten eine enge Beziehung zur Wirtschaft aufgebaut wird". Ferner will er bei den Emeriti dafür werben, dass sie ihre Bücherbestände oder Liegenschaften der Uni vermachen.

Während Studiengebühren für Winiger "als Schweizer eine Selbstverständlichkeit" sind, ist Neumann fest davon überzeugt, dass sie spätestens in zehn Jahren eingeführt sind. Entscheidend für beide ist jedoch, was mit dem Geld passiert - und dass die Gebühren sozialverträglich sind.

Winiger: "Es muss eine Mehreinnahme für die Universität sein, die direkt der Ausbildung der Studierenden zugute kommt." Neumann plädiert dafür, die öffentlichen Mittel "einzufrieren", damit sie in der Höhe erhalten bleiben.

Im Umgang mit dem Ministerium setzt Winiger auf Vermittlung: "An die Stelle der Konfrontation muss die Kooperation treten." Dabei hält er den Druck des Ministeriums auf die Hochschulen für notwendig. "Aber die Erwartungen sollten realistisch sein", und die Leistungen der Hochschulen nicht "auf ein paar Indikatoren" reduziert werden. Auch Neumann hat sich vorgenommen, "mit den Politikern auf gleicher Augenhöhe zu reden". Es sei notwendig, im Senat "vorwärtsgerichtet zu diskutieren" - dann brauche sich die Universität "als Gesprächspartnerin des Ministeriums nicht zu verstecken".

Manfred J. M. Neumann

1940 in Berlin-Zehlendorf geboren, studierte Neumann an den Universitäten Göttingen, Erlangen-Nürnberg und Marburg, wo er auch promovierte. Nach Stationen bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt und an der Uni Konstanz wurde er 1973 Professor für Geldtheorie und Geldpolitik an der FU Berlin und verbrachte auch ein Forschungssemester an der Carnegie-Mellon-University in Pittsburg.

1992 und 1993 war er Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät, anschließend Prodekan. Seit 1992 ist er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums, dessen Vorsitzender er von 1996 bis 2000 war.

Außerdem ist er Vizepräsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. In der wenigen Freizeit liest er viel - "auch Nichtökonomisches".

Matthias Winiger

1943 in Bern geboren, war der Geograph dort nach seiner akademischen Ausbildung zehn Jahre als Dozent tätig. 1988 trat er seine Professur an der Universität Bonn an. Seine Qualitäten als Wissenschaftsmanager entwickelte er als Geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts, als Vorsitzender der Fachgruppe Erdwissenschaften und seit einem Jahr als Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Winiger hat in verschiedensten Weltregionen geforscht und begeistert sich ebenso für die Lehre. In Bonn geht er gerne in Kunstmuseen - früher hat er auch selbst gemalt - und besucht Konzerte.

Außerdem liest er jeden Tag. Seine "kreativen Gedanken" hat er bei Spaziergängen am Beueler Rheinufer, wo er sich gern auch schon am frühen Morgen bewegt.

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