Bonner Studenten schätzen Beratungsangebot: "Steig ab, wenn das Pferd tot ist"

Bonner Studenten schätzen Beratungsangebot : "Steig ab, wenn das Pferd tot ist"

Keine leichte Entscheidung: Ein Drittel aller Studierenden bricht das Studium vor dem Bachelor-Abschluss ab.

Hörsaal V ist voll, einschließlich der Stehplätze zwischen den Türen und gegenüber am Fenster. Dorothea Uerdingen vom Team Akademische Berufe der Agentur für Arbeit in Bonn schaut sich um. Mit so vielen Zuhörern hatte sie gar nicht gerechnet. Sie möchte sie "Zweifler" nennen. "Denn Zweifel sind der erste Schritt: Ist es das richtige Fach, die richtige Hochschule? Ist ein Studium überhaupt das Richtige für mich?" Sie schaut in die Runde. "Wer von Ihnen ist im ersten oder zweiten Semester?"

Es sind einige: Einige, die zum ersten Infotag der Zentralen Studienberatung und der Agentur für Arbeit gekommen sind und auf ein paar Antworten auf die Fragen in ihrem Kopfkino hoffen. Denn das Studium abzubrechen, ist eine Entscheidung, die sich kaum jemand leicht macht - begleitet von Hemmungen, Ungewissheit und dem Gefühl, versagt zu haben.

Prominente wie Bill Gates, Günther Jauch, Stefan Raab und Til Schweiger, die ebenfalls der Uni den Rücken gekehrt haben, eignen sich nur bedingt als Vorbild. Die nötigen Formalitäten in die Wege zu leiten, sich von eigenen Erwartungen und denen der Eltern zu distanzieren, hat so gar nichts Glamouröses. Dennoch: Nach Angaben des Hochschul-Informations-Systems haben sich 2011 rund 28 Prozent der Studierenden zu diesem Schritt entschlossen - vor ihrem Bachelor-Abschluss.

Sie wechseln das Fach, die Hochschule oder schlagen einen ganz anderen beruflichen Weg ein, wie Sandra Schramm, Leiterin der Zentralen Studienberatung, erläutert. Besonders niedrig sei die Abbruch-Quote in den Fächern Humanmedizin und Pharmakologie mit ihrem hohen Numerus Clausus. "Wer sich dafür entscheidet und das Glück hat, einen Studienplatz zu bekommen, weiß in der Regel schon, was auf ihn zukommt", so Schramm. Die höchsten Quoten vermeldet die Studienberatung bei Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften und Jura.

Dass Zweifel am Sinn des Studiums zur Verschleppung mit entsprechend hohen Semesterzahlen führen, ist seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge sowie der zeitweiligen Studiengebühren eher zur Ausnahme geworden. "Ein weiterer Grund, das Studium abzubrechen, war früher auch die Angst vor der großen Prüfung, die am Schluss über alles entscheidet", ergänzt Andreas Archut, Sprecher der Universität Bonn. "Heute begleiten Prüfungen und Credit-Points die Studenten vom ersten Semester an."

Was auch nicht jedermanns Sache sein muss, zumal ein immer stärker verschultes Studium meist wenig Zeit lässt, um gelegentlich über den Tellerrand zu schauen. "Wir merken das bei Ringvorlesungen oder Angeboten des Studium Universale", fasst Archut zusammen. Auch die Universitäten haben ein Interesse daran, die Zahl der Studienabbrecher so gering wie möglich zu halten.

Die leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) stellt die Kriterien auf und verlangt nach Angaben, wie viele ein Studium begonnen und wie viele die Regelstudienzeit eingehalten haben. Alle durchzulassen, ist keine Option. "Wir setzen vor der Studienentscheidung an, zum Beispiel mit dem “Langen Abend der Studienberatung„." Der nächste Termin ist am 3. Juli, kurz vor dem Bewerbungsschluss am 15. Juli, um sich eventuell doch noch anders entscheiden zu können.

Was aber, wenn vor allem die Finanzierung zum Problem wird? Das ist eines der Themen in der Sprechstunde der Studienberatung, ebenso wie Studienwechsel, Schwangerschaft und psychische Probleme. "Es ist ein niederschwelliges Angebot", erklärt Sandra Schramm. "Es geht darum, sich über Alternativen und Möglichkeiten zu informieren, an die man zuvor vielleicht gar nicht gedacht hat und die eine Hilfe sein können, sich zu entscheiden."

Wie zum Beispiel auch das Angebot "Relaunch Your Career" der IHK Bonn/Rhein-Sieg, das sich gezielt an Studienabbrecher wendet und bereits erbrachte Leistungen im Studium auf die Ausbildung anrechnet. Auch die Handwerkskammern werben inzwischen um die zweifelnden Akademiker auf der Suche nach anderen Optionen.

Insgesamt, so zieht Schramm Bilanz, mache sich bemerkbar, dass die Studierenden immer jünger werden, dass es oft an Lebenserfahrung fehlt, um auch einmal eine Durststrecke durchzustehen. Dabei seien es oft gerade die leistungsorientierten Studierenden, die sich selbst stark unter Druck setzten.

"Ich habe lange gebraucht und immer wieder überlegt, aber es ist einfach nicht mein Ding: Zu wenig Naturwissenschaft, zu viel Auswendiglernen", sagt eine 22-Jährige, die von Humanmedizin zu einem anderen Fach wechseln möchte. "Informatik zum Beispiel, Mathe habe ich immer schon gern gemocht."

Dass es mitunter schwer ist loszulassen, bestätigt auch eine 28-jährige Geografiestudentin. Der Spruch "Steig ab, wenn das Pferd tot ist", hat für sie Witz und Wahres. Eine Ausbildung würde sie reizen. Etwas, wo sie ihre bisherigen Kenntnisse verwenden kann und das ihren ursprünglichen Berufswünschen wie Naturschutz und Stadtplanung wieder näher kommt. Vielleicht kommt sie diesem Ziel an diesem Tag schon einen ersten Schritt näher. So wie viele andere es sich wünschen.

"Wir sind überrascht und freuen uns natürlich sehr über die große Resonanz", sagt Studienberaterin Britta Förster. Für sie ist am Ende des Tages klar: "Wir wollen eine solche Beratung in Zukunft einmal pro Semester anbieten."

Beratung und Adressen: Zentrale Studienberatung, Poppelsdorfer Allee 49. Offene Sprechstunde: mo- do 9.30 bis 12 Uhr, www.zsb.uni-bonn.de.
Team Akademische Berufe der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg, Villemombler Straße 101, 1. OG, Telefon: 0800/4555500 (kostenfrei und nur für Terminvereinbarungen).
Zum Programm "Relaunch Your Career": www.ihk-bonn.de, www.was-studiere-ich.de, www.ihk-lehrstellenboerse.de