Bonner Jura-Studenten helfen in Rechtsfragen: Juristischer Rat zum Nulltarif

Bonner Jura-Studenten helfen in Rechtsfragen : Juristischer Rat zum Nulltarif

Es kann eine Mieterhöhung sein, eine vermeintlich unberechtigte Urlaubssperre oder früher eine zu hohe GEZ-Rechnung. Oft entstehen juristische Konflikte aus den alltäglichsten Kleinigkeiten.

Wer einmal in einen Rechtsstreit verwickelt war, weiß: Als Laie kommt man ohne professionelle Hilfe nicht weit. Ein Anwalt muss her, doch der lässt sich seine Dienste meist teuer bezahlen.

Bonner Jura-Studenten bieten seit einigen Monaten eine Alternative an. Sie haben zwar keine Anwaltszulassung - beraten dafür aber kostenlos. Unter dem Namen "Law Clinic" agieren die Studenten wie eine echte Kanzlei. Wer will, kann seinen Fall kostenlos per E-Mail einreichen.

Statt eines Anwalts sieht sich dann ein Student das Problem an und arbeitet einen juristischen Rat aus. In den Vereinigten Staaten gibt es bereits einige sehr erfolgreiche studentische Rechtsberatungen. In Deutschland sind diese Initiativen dagegen noch relativ unbekannt.

Die Bonner Law Clinic erlebt trotzdem einen schnellen Zulauf von Teilnehmern und Klienten. Rund 100 Studenten haben sich seit dem Start des Projekts im vergangenen Semester angemeldet und können theoretisch Fälle übernehmen. Tatsächlich arbeiten aber nur etwa 30 angehende Juristen aktiv mit.

Die haben alle Hände voll zu tun: Mehr als 40 Fälle sind zur Zeit in Bearbeitung, jede Woche kommen rund zehn weitere dazu. "Wir haben mehr Fälle als wir abarbeiten können", sagt Michael Beurskens, Zivilrechts-Professor an der Uni Bonn.

Das Projekt wird gut angenommen

Beurskens hat die Law Clinic gegründet, nachdem er vor einem halben Jahr an die Bonner Universität gerufen wurde. Er ist durch das Projekt ebenso eingespannt wie die Studenten: Zwar bearbeitet der Professor selbst keine Fälle, er kategorisiert jedoch alle Einsendungen, gibt bei Bedarf Tipps zur Bearbeitung und kontrolliert jeden Ratschlag, den seine Studenten ansonsten autonom ausarbeiten. "Das kann Stunden pro Tag dauern", sagt Beurskens.

Trotzdem freut er sich, dass das Projekt von den Klienten so gut angenommen wird. Die Law Clinic sei eine tolle Möglichkeit für Studenten, sich auf das Berufsleben vorzubereiten. "Nicht-Juristen rechtliche Sachverhalte zu erklären ist nicht ganz einfach. Im Studium wird das kaum vermittelt. Dabei ist das eine sehr wichtige Fähigkeit für alle, die mal Anwalt werden wollen." Die Law Clinic lohne sich deshalb nicht nur für die Klienten, sondern auch für die angehenden Juristen.

Die Law-Clinic ist eine Win-Win-Situation

Ruben Schneider sieht es genauso. Der 19-Jährige engagiert sich seit Tag eins bei der Law Clinic, inzwischen hat er elf Fälle erfolgreich bearbeitet. "Es ist ein tolles Gefühl, Menschen helfen zu können, die sich allein nicht wehren würden", sagt Schneider. "Und man hat auch selbst etwas davon. Besser lernen als mit echten Fällen von echten Menschen kann man überhaupt nicht."

Das Engagement in der Law Clinic ist für Schneider deshalb eine Win-win-Situation. Auch der Spaß kommt für ihn nicht zu kurz. Denn die Fälle, die die teilnehmenden Studenten bearbeiten, dürfen sie sich selbst aussuchen. Schneider kümmert sich beispielsweise mit Vorliebe um Streitigkeiten aus dem Baurecht. Andere konzentrieren sich vielleicht lieber auf Arbeits- oder Mietrecht.

Natürlich kann es auch passieren, dass sich für einen Fall kein interessierter Student findet. Etwa jeder zehnte Fall müsse deshalb abgewiesen werden, so Beurskens. Die übrigen 90 Prozent der eingereichten Fälle würden die angehenden Juristen jedoch erfolgreich bearbeiten.

Jeder kann sich beraten lassen

Rund die Hälfte der Klienten der Law Clinic sind selbst Studenten. Meistens gehe es um Schwierigkeiten mit dem Vermieter, dem Arbeitgeber oder der Uni-Verwaltung, sagt Beurskens. Das Angebot der Law Clinic ist aber nicht auf Studenten begrenzt; jeder kann seinen Fall einreichen. Dabei ist es egal, um welches Rechtsgebiet es geht. Nur eine Regel gibt es: Der Streitwert darf nicht mehr als 800 Euro betragen. "800 Euro sind die übliche Summe für ein Mahnschreiben, deshalb haben wir an dieser Stelle die Grenze gezogen. Alles, was darüber hinaus geht, bearbeiten wir nicht. Das Haftungsrisiko wäre zu groß", sagt Beurskens.

Noch. Denn der Professor plant bereits, wie er dieses Problem in Zukunft umgehen kann. Er will einen spendenfinanzierten Verein gründen, der das Haftungsrisiko der Law Clinic übernehmen soll. Dann könnten seine Studenten auch an "größeren" Fällen arbeiten.

Ein Konkurrent für örtliche Anwaltskanzleien will Beurskens aber nicht werden. Im Gegenteil: Sollte die Law Clinic weiter wachsen, wird er bald auf die ehrenamtliche Mitarbeit von Bonner Anwälten angewiesen sein. Denn jeder von einem Studenten ausgearbeitete Ratschlag muss vor dem Versenden von einem Volljuristen geprüft werden. Schon jetzt kommt Beurskens damit kaum hinterher.

Grund zur Sorge besteht aber nicht. Fünf Anwälte haben bereits zugesagt, die Law Clinic zu unterstützen. Mit deren Hilfe könnte das Projekt noch um Einiges wachsen.