"Haarausfall bei Frauen ist wie ein Kriminalfall"

"Haarausfall bei Frauen ist wie ein Kriminalfall"

Der Bonner Arzt Gerhard Lutz forscht an Therapien gegen Glatzen

Bonn. Wenn "Mann" vor dem Spiegel nur noch kümmerliche Reste auf dem Kopf ordnen kann, liegt das Ego meist am Boden. Ein haariges Thema - schätzungsweise zwölf Millionen Menschen hierzulande leiden unter Haarausfall. Wer Angst hat, unter krankhaftem Haarausfall zu leiden, sollte aber erst einmal zählen: Mindestens 100 000 Haare befinden sich normalerweise auf einem Durchschnittskopf. Alle zusammen wachsen pro Tag um 30 Meter. Zugleich gehen uns - bedingt durch ihren natürlichen Wachstumszyklus - zwischen 50 und 100 Haare am Tag aus. Erst wenn sich mehr als 120 Haare auf Kopfkissen, Blazer oder im Abfluss der Dusche finden, besteht Anlass zur Sorge.

Gut 3 000 Menschen mit Haarwuchsproblemen oder Haarausfall haben in den vergangenen acht Jahren bei Gerhard Lutz, einem der wenigen Haarspezialisten in Deutschland, Hilfe gesucht. Der Mediziner, der sich an der Uni-Hautklinik Bonn auf Haarprobleme spezialisiert hat und jetzt in seiner Praxis regelmäßig Haarsprechstunden abhält, sagt: "Haarausfall ist nicht nur ein Männerthema. Mindestens genau so viele Frauen sind betroffen." Die gehen allerdings schneller zum Arzt, weil sie mehr unter dem vermeintlichen Schönheitsmakel leiden. "Rund 80 Prozent meiner Patienten sind weiblich", so Lutz.

Die Ursachen reichen von hormonellen Störungen über Hautkrankheiten bis zu inneren Erkrankungen. Aber auch extreme Fastenkuren oder Stress können das Haarwachstum ungünstig beeinflussen. "Bei über 70 Erkrankungen tritt nebenbefundlich Haarausfall auf", betont Lutz. Dazu kommen rund 160 Medikamente, die ebenfalls zu Haarwachstumsstörungen führen können. Für jede Patientin gibt es deshalb einen eigenen Behandlungsplan.

Anders beim Haarausfall des Mannes: Hier gibt es heute drei Wirkstoffe, die wissenschaftlich getestet sind - eine Pille, zwei Tinkturen. Sie können eine "Glatze" zwar nicht wieder in volle Haarpracht verwandeln, aber immerhin bei 80 bis 90 Prozent das Ausgehen der Haare stoppen. Sie verhindern das Absterben der "Haarzwiebel" im Hautgewebe, in der das Haar gebildet wird.

Rund zehn Prozent seiner Patienten, Männer und Frauen, kommen zu Lutz mit so genanntem kreisrunden Haarausfall. Praktisch über Nacht haben sie ganze Haarbüschel verloren "Ursache ist eine plötzliche Entzündung im Bereich der Haarfollikel. Viele Indizien weisen auf einen fehlgeleiteten Angriff durch die körpereigene Abwehr", erläutert Lutz. Zum Glück wächst das Haar meist wieder nach. Nur etwa jeder zehnte seiner Patienten ist ein Mann mit beginnender Glatze.

Bereits bei der Geburt eines Jungen ist festgelegt, ob und in welcher Ausprägung er später einmal eine Glatze bekommt oder nicht: Denn die Anlage dazu wird vererbt. Zu den Genen kommen die Androgene, also die männlichen Geschlechtshormone, auf die die Haarwurzeln an bestimmten Stellen der Kopfhaut empfindlicher als normal reagieren. Die Haarzyklus verkürzt sich, das Haar fällt schneller aus als es nachwächst und die Haarzwiebel verkümmert immer mehr.

Um die Behandlung gezielt auf "ihre" Störung auszurichten, muss die am Kopf schon gelichtete Patientin zunächst noch einmal ein Büschel ihrer Haare hergeben, damit deren Wurzeln untersucht werden können. Dies geschieht mit einem Trichogramm. Unter dem Mikroskop zählt der Haarspezialist, wie viele Haarwurzeln in der Wachstums- und Ausfallphase, wie viele missgestaltet und abgebrochen sind oder ob "Haarschaft-Störungen" bestehen. Dies erlaubt Rückschlüsse darauf, ob und in welchen Ausmaß das Wachstum der Haare gestört ist: Normalerweise dürfen sich, wie Lutz nach mehreren 10 000 Trichogrammen weiß, maximal 14 Prozent der Haare in der Ausfallphase befinden.

Zur Diagnose gehören auch Blutuntersuchungen sowie das ausführliche Gespräch mit der Patientin. Je nach Ursache beziehungsweise Kombinationsstörung des Haarausfalls können Eisen, Zink, Vitamine oder Spurenelemente und vor allem Hormone in bestimmter Dosierung oder Zusammensetzung notwendig sein. "Frauen in der Menopause etwa brauchen oft sehr unterschiedliche Östrogenmengen, die einen sprechen besser auf synthetische, die andere auf natürliche an. Bei Haarausfall infolge der Einnahme von Medikamenten genügt es manchmal schon, einfach die Dosis zu reduzieren oder das Medikament abzusetzen, wenn es nicht lebensnotwendig ist", schildert Lutz.

Nach vier Monaten kann erstmals - wieder per Trichogramm - die Wirkung der Therapie überprüft und notfalls korrigiert werden. Erst nach einem Jahr ist der Erfolg wirklich zuverlässig erkennbar. Das Problem dabei: "Was bei der Frau letztlich konstant ist, ist die Inkonstanz. Es gibt keine Therapie von der Stange. Haarausfall bei Frauen ist immer wie ein Kriminalfall."

Informationen beim Berufsverband der deutschen Dermatologen, Heinestraße 7a, 97 070 Würzburg.

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