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"Eine schwachgelbe Reaktion nützt mir nichts"

"Eine schwachgelbe Reaktion nützt mir nichts"

Chemie muss nicht vor Strukturformeln strotzen: Professor Georg Schwedt, wohnhaft in Bonn, wählt einen ungewöhnlichen Blick auf die Materie

Bonn. Georg Schwedt ist Chemie-Professor. Seit Jahren reist er durch Deutschland, um chemische Zusammenhänge auf ungewöhnliche Art einem bunt gemischtem Publikum nahezubringen - mit großem Erfolg.

Seit kurzem ist er in Ruhestand und von Clausthal nach Bonn umgezogen. Am 16. November führt er historische Experimente von Johann Wolfgang von Goethe im Deutschen Museum Bonn vor.

General Anzeiger: Sie haben fast 20 Jahre an der TU Clausthal Anorganische und Analytische Chemie gelehrt. Was führt Sie nach Bonn?

Georg Schwedt: Zum einen ist es hier viel wärmer als im Harz. Doch der Hauptgrund ist das wissenschaftliche Umfeld in Bonn und die Kultur im Großraum. Seit 1999 arbeite ich bereits mit dem Deutschen Museum Bonn zusammen, ab nächstem Jahr werde ich auch als Gast in der Lebensmittelchemie der Universität Bonn tätig sein.

GA: Sie haben in ganz Deutschland eine Fülle von Vorträgen gehalten - es ging vom Zündholz über Bier und Tabak bis hin zur Mineralwasseranalyse. Was möchten Sie mit Ihren ungewöhnlichen Vorträgen erreichen?

Schwedt: Ich möchte klar machen, dass Chemie ein Teil unserer Kulturgeschichte ist. Denn unser Leben besteht nun mal aus chemischen Vorgängen - auch unser Körper. Bereits Goethe soll gesagt haben: "Die Chemie muss stimmen."

Ich bin in Schlösser und Klöster gegangen, um die Einbindung der Wissenschaft in die Kultur zu zeigen - von den chemischen Hintergründen der Buchmalerei über die Pyrotechnik bis zur kurfürstlichen Küchenchemie.

GA: Was hat es mit der Küchenchemie auf sich?

Schwedt: Nehmen Sie zum Beispiel Safran. Wenn Sie dieses Gewürz in Afrika auf dem Markt kaufen, werden Sie häufig betrogen. Safran ist sehr teuer, deshalb greifen viele Händler zum viel billigeren Kurkuma.

Den Unterschied kann man aber mit einem einfachen Experiment erkennen: Alkalisches Waschsoda verfärbt Kurkuma rot, Safran bleibt dagegen gelb. Das haben bereits einige meiner Zuschauer im Urlaub ausprobiert - zum Nachteil der Händler.

GA: Wieviel Show ist bei Ihren Vorträgen dabei?

Schwedt: Ich erzähle Geschichten und führe Experimente vor - und zwar ohne Formeln. Auch vor Jahrhunderten nutzte man chemische Zusammenhänge, obwohl man noch keine Strukturformeln kannte. Zum Beispiel, dass sich Veilchenextrakt verfärbt, wenn ein Salz nicht neutral ist. Das Interesse kann man nur durch Phänomene wecken - dann ist man auch eher bereit, Formeln zu lernen.

GA: Ist das dann Alchemie?

Schwedt: Wenn Sie Alchemie mit zwei "l" schreiben, dann stimmt Letzteres.

GA: Was unterscheidet Ihre Vorträge von einer Experimentalvorlesung an der Universität?

Schwedt: Ich verwende keine Laborgefäße, sondern zum Beispiel Weingläser - wie Goethe es bereits gemacht hat. Alle Versuche sind ungefährlich, alle kann man in der Küche machen. Alle Stoffe, die ich benutze, stammen nicht aus dem Chemikalienhandel, sondern aus dem Supermarkt oder der Apotheke. Man kann mit einer einfachen Kerze oder Kastanien wunderbare Experimente machen.

GA: Welche Zielgruppen möchten Sie ansprechen?

Schwedt: Am liebsten alle - jung und alt.

GA: Was steht im Vordergrund: Das Spektakel oder die hehre Wissenschaft?

Schwedt: Ich bin eher der Wissenschaftler, der verständlich und unterhaltsam Chemie vermitteln möchte. Show-Effekte allein bringen meiner Erfahrung nach nichts, da die Inhalte zu kurz kommen. Experimente sollten das Prinzip vermitteln und nicht nur den Effekt. Wenn meine Zuschauer hinterher selbst die Versuche ausprobieren, dann ist es gut gelaufen.

GA: Wie kamen Sie selbst zur Chemie?

Schwedt: Mich begeistert der Anreiz, etwas selber zu machen. Mit zehn Jahren habe ich einen Chemiebaukasten bekommen. Das war der Anfang.

GA: Werden Sie von Ihren Kollegen kritisiert, weil Sie sich auf "unwissenschaftliches Terrain" vorwagen?

Schwedt: Anfangs gab es Kritik. Doch mit dem Erfolg änderte sich die Meinung. Meine Vorführungen sind wissenschaftlich fundiert, da sie auf eigenen Untersuchungsergebnissen beruhen.

Bei manchen Experimenten brauche ich 50 Anläufe, bis ich einen Weg gefunden habe, chemische Zusammenhänge einfach darzustellen. Denn die Ergebnisse müssen eindeutig sein, um sie vermitteln zu können. Eine schwachgelbe Reaktion nützt mir nichts, sie muss quietschgelb sein. Eine Gasblase bringt nichts, es soll schäumen.

GA: Sie haben bisher fast 500 Experimente zu mehr als 30 Themen vorgeführt. Wird das auf Dauer langweilig?

Schwedt: Nein, es war immer spannend. Die Orte sind sehr verschieden - vom Keller über Schulaulen bis hin zu alten Apotheken in Museen. Auch das Publikum reagiert verschieden. Am schönsten sind die staunenden Gesichter der Kinder, die meist auch nach dem Vortrag zu mir kommen und mehr wissen wollen.

GA: Sie richten derzeit im Deutschen Museum Bonn ein Supermarktlabor ein. Was hat es damit auf sich?

Schwedt: In Clausthal konnten wir bereits vor sieben Jahren ein Supermarktlabor einrichten, weil wir dafür die Mittel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft bekommen haben. Inzwischen sind etliche dieser Einrichtungen entstanden.

Die Idee, auch im Deutschen Museum Bonn ein solches Labor zu errichten, gibt es schon länger. Nun hat uns die Telekom-Stiftung das Geld dafür zur Verfügung gestellt. Voraussichtlich im März 2007 soll das Labor eröffnet werden.

GA: Was erwartet die Besucher?

Schwedt: Die bekannten Supermarktprodukte in Regalen und außerdem mehrere Experimentiertische, an denen verschiedene Altersstufen Versuche selbst durchführen können.

GA: Was soll im Supermarktlabor untersucht werden?

Schwedt: Zum Beispiel die Frage, wie man Stärke von Mehl unterscheiden kann. Man gibt eine Probe in eine heiße Pfanne - beim Mehl wird sie braun, weil sich die darin enthaltenen Eiweißstoffe verfärben. Jeder der Weihnachtsplätzchen backt, nutzt also Chemie.

GA: Am Donnerstag, 16. November, halten Sie ab 19 Uhr im Deutschen Museum, Ahrstraße 45 in Bonn, einen Experimentalvortrag zu "Goethes chemischen Experimenten". Was führen Sie vor?

Schwedt: Literatur und Experimente. Ich werde original Goethe zitieren und die dazugehörenden Experimente vorführen. Welche Versuche Goethe durchgeführt hat, kann man an seinem Tagebuch nachvollziehen - etwa zur flüchtigen Luftsäure.

GA: Was ist das?

Schwedt: Kohlendioxid - aber diesen Begriff gab es damals noch gar nicht.

Zur Person

Georg Schwedt, geboren am 3. Juli 1943 in Hessisch Oldendorf/Weser, studierte Lebensmittelchemie und Chemie in Braunschweig, Gießen und Göttingen. Nach seiner Promotion war er Abteilungsleiter für Umweltschutz und leitete ein Zentrallabor.

1976 wurde er Fachhochschullehrer und Professor an der Universität-Gesamthochschule in Siegen. 1980 wechselte er nach Göttingen, 1983 nach Stuttgart. Von 1987 bis 2006 forschte und lehrte er als Professor für Anorganische und Analytische Chemie an der TU Clausthal.