Die Welt in einer Scheibe

Die Raubgräber, die sie ausbuddelten, hielten die "Himmelsscheibe von Nebra" zuerst für einen Eimerdeckel - Jetzt berichteten drei Experten in Bonn über den spektakulären Fund

Bonn. Eine einfache Bronzescheibe, 30 Zentimeter im Durchmesser, darauf abgebildet Sonne, Mond und Sterne: Eine eher schlichte Darstellung, auf den ersten Blick. Doch die "Himmelsscheibe von Nebra", gefunden auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt, hat neue Maßstäbe gesetzt. Datiert auf die Zeit um 1600 vor Christus, ist sie eines der ältesten Zeugnisse dafür, wie die Menschen der Vergangenheit den Sternenhimmel zu verstehen suchten.

Seit ihrer Entdeckung zieht sie die unterschiedlichsten Wissenschaftler in ihren Bann: Archäologen, Physiker, Astronomen, Geologen und sogar Psychologen. Doch je mehr die Forscher herausfinden, umso mehr neue Fragen verlangen nach Antworten.

Und auch für Laien ist die Himmelsscheibe ein Quell der Ungewöhnlichkeiten und Mysterien, der die Phantasie beflügelt. Deutlich wurde das auch beim Vortragsabend "Sternstunde der Ur-Europäer" aus der Reihe "Geisteswissenschaften im Dialog" im übervollen Hörsaal des Bonner Kunstmuseums.

Bereits das plötzliche Auftauchen des grüngoldenen Schmuckstücks aus der sprichwörtlichen Versenkung liest sich wie ein Krimi. Selbsternannte Hobby-Archäologen fanden es 1999 bei einer illegalen Raubgrabung auf dem Mittelberg - und gingen damit nicht gerade zimperlich um.

"Die Täter dachten erst, es sei ein alter Eimerdeckel, die Spuren des Hammers sind am oberen Rand sichtbar", sagt Harald Meller, Landesarchäologe des Landesamtes für Archäologie Sachsen-Anhalt und Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle/Saale. "Um sie zu reinigen, haben sie die Scheibe drei Tage lang in Pril eingelegt und mit Ako-Pads behandelt."

Als die Raubgräber dann die Himmelsscheibe zusammen mit bronzenen Schwertern, Beilen, Meißeln und Überresten von Armspiralen für eine Million Mark zum Kauf anboten, konnten die Täter überführt und der Fund letztlich im März 2002 nach Halle gebracht werden.

Doch ist die Scheibe überhaupt echt? Daran bestehen kaum Zweifel, erklärt Professor Ernst Pernicka vom Institut für Archäometrie der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. "Ein Fälscher hätte die typische Legierungszusammensetzung für vorgeschichtliche Bronze und Gold erzeugen müssen. Spätestens beim Arsen, das schwierig zu beschaffen ist, wäre er gescheitert." Ein weiteres Indiz sei die fehlende Radioaktivität im Metall.

Frisch verhüttetes Metall ist radioaktiv, doch davon sei heute nichts mehr nachzuweisen. Das bedeute, dass das Fundstück mindestens 100 Jahre alt sein müsse. "Doch vor 100 Jahren war die Scheibe so nicht herstellbar, da es kaum Wissen über die Bronzezeit gab", sagt Pernicka.

Gegen eine Fälschung spreche außerdem eine besondere Eigenschaft des Reliktes: die Goldeinlegearbeiten der astronomischen Motive. Dies sei für die frühe Bronzezeit in Mitteleuropa sehr ungewöhnlich. Ein Fälscher hätte genaue Kenntnis darüber haben müssen. "Er hätte sich kaum die Mühe gemacht, eine an sich schon verdächtige, ungewöhnliche Herstellungstechnik anzuwenden", meint Pernicka.

Doch die Nebraer Scheibe sah nicht immer so aus, wie man sie heute kennt, sondern ist in verschiedenen Phasen entstanden. Ursprünglich fehlten die Horizontbögen, kamen erst in einer zweiten Phase hinzu. Dafür mussten zwei Sterne entfernt werden, ein anderer wurde einfach versetzt. Wie weit die Phasen auseinanderliegen und warum die Veränderungen vorgenommen wurden, ist unklar.

Das Schiff am unteren Rand ist dann erst in einer dritten Phase hinzugekommen. Das Schiff sei für die Religion der Bronzezeit ein Symbol gewesen, sagt Meller - "ähnlich wie die Kruzifixe und Mariendarstellungen für unsere Religion heute". Es liegt daher nahe, dass die Scheibe ursprünglich eine religiöse und symbolische Funktion hatte.

In einer letzten Phase wurden in den Rand der Scheibe Löcher in grober Manier hineingeschlagen, wovon auch das Schiff nicht verschont blieb. Sollte die Scheibe dadurch eine andere, neue Funktion erhalten, und wenn ja, welche?

Nicht bekannt ist auch die ursprüngliche Farbe der Scheibe. Der grünliche Farbton ist durch Oxidation der Bronze entstanden. Bei ihrer Entstehung war sie entweder schwarz, stellte den Nachthimmel dar, auf dem sich die goldenen Ornamente abhoben. Oder sie besaß einen silberfarbenen Untergrund und zeigte den Taghimmel. Beides ist unklar, und damit auch, wie sich der Schöpfer des frühgeschichtlichen Kunstwerks das Universum vorgestellt hat.

Für Professor Wolfhard Schlosser vom Institut für Physik und Astronomie der Ruhr-Univerisität Bochum ist auch unsicher, ob tatsächlich Sonne und Mond zu sehen sind. Die "Sonne" könnte ein Vollmond sein, die Sichel auch eine teilweise Verfinsterung von Sonne oder Mond.

Kaum Zweifel hat der Astronom jedoch, dass die Sternengruppe die Plejaden darstellt. Denn das Erscheinen dieses Sternbilds am Himmel bestimmte in der Bronzezeit den vor allem für Bauern wichtigen Frühlingspunkt. Trotz vieler Ungereimtheiten zeige die Scheibe aber komplexe astronomische Beobachtungen. "Es ist nicht wie bei älteren Darstellungen, in denen man sieht, dass der Mensch nachts die Sterne und tagsüber die Sonne sah", so Schlosser. "Die Scheibe ist daher die TÜV-Plakette für Stonehenge und alle anderen Denkmäler, ein Beleg für die Astronomie als der ältesten Wissenschaft."

Vom 15. Oktober 2004 bis 24. April 2005 soll die Himmelsscheibe in Halle ausgestellt werden. Infos: www.archlsa.de.

Literatur: Die Himmelsscheibe von Nebra (Sonderdruck aus "Archäologie in Sachsen-Anhalt"), erhältlich für 3,50 Euro beim Landesamt für Archäologie, Richard-Wagner-Straße 9, 06114 Halle, Telefonnummer (03 45) 52 47 30.