Die Uni hilft beim Ausstieg aus der Sucht

Die Uni hilft beim Ausstieg aus der Sucht

Zwei Bonner Mediziner testen eine neuartige Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikament - Die Forscher suchen noch Testpersonen: Die Teilnahme ist kostenlos

Bonn. Schon beim Frühstück kehrt ohne einen verstohlenen Schluck aus der Flasche keine innere Ruhe ein. Dann drängt sich ein weiterer Gedanke auf: Wie lässt sich am Arbeitsplatz die nächste Dosis nehmen, ohne dass es die Kollegen bemerken?

Und: Ist noch genügend Alkohol für den Abend im Haus? Treffs mit Freunden im Kino oder Theater haben schon lange nicht mehr stattgefunden - zu stark ist der Drang nach Hochprozentigem. "Bei mehr als vier Millionen Menschen liegt Alkoholabhängigkeit oder -missbrauch vor", sagt Christian G. Schütz, Oberarzt an der Bonner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. "Jeden Tag sterben in Deutschland etwa 110 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums."

Der Oberarzt unternimmt mit seiner Mitarbeiterin Andrea Welskop eine Studie zur Alkoholabhängigkeit. Die Wissenschaftler wollen eine neuartige Kombination aus Verhaltenstherapie und einem suchtdämpfenden Medikament erproben. Bisher beruhe die Therapie im wesentlichen auf einer kurzen, "stationären Entgiftung" im Krankenhaus und einer mehrwöchigen "stationären Entwöhnungstherapie" in einem Alkohol-Rehazentrum, erläutern die Ärzte.

"Forschungsziel dieser für Patienten kostenlosen Behandlung ist herauszufinden, welche Therapieform im ersten halben Jahr der Abstinenz am wirkungsvollsten ist", erläutert Schütz. Dieses erste Halbjahr ist für den Erfolg der Therapie besonders wichtig, weil die Rückfallgefahr in dieser Zeit sehr hoch ist.

Als Probanden der Studie sucht Schütz alkoholabhängige Menschen. Ihnen will er durch das Forschungsprojekt ein maßgeschneidertes Therapiekonzept anbieten. "Voraussetzung ist, dass die Patienten in unserer Klinik eine Entgiftung durchführen oder sich nach einer Entgiftung in einem anderen Krankenhaus innerhalb von zwei Wochen bei uns melden."

Die Teilnehmer sollen zwischen 18 und 55 Jahre alt sein und nicht an ernsthaften inneren Erkrankungen leiden (wie Leberzirrhose oder Herz-Kreislauf-Krankheiten). Nicht teilnehmen darf, wer wegen psychischer Erkrankungen Medikamente nimmt.

Sechs Monate dauert die Entwöhnung, dazu gehört einmal pro Woche eine Verhaltenstherapie einzeln oder in einer Gruppe. "Die Betroffenen müssen nicht alleine durchhalten, sondern nur eine Woche, bis zum nächsten Therapiegespräch", schildert Welskop den Vorteil.

Damit die Betroffenen ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen nachkommen können, laufen die Therapiegespräche donnerstags von 16.30 bis 18 Uhr. "Selbstverständlich gilt Schweigepflicht", ergänzt Welskop. In der Therapie lernen die Probanden, mit ihrer Sucht umzugehen und "trocken" zu bleiben: Sie sollen "Experten ihrer eigenen Krankheit werden".

Dazu gehört Selbstmanagement: Wie kann ich vermeiden, rückfällig zu werden? Was mache ich, wenn meine Gedanken nur noch um Alkohol kreisen? Wie baue ich das vernachlässigte soziale Netz wieder auf? Wie bewältige ich meine Probleme, die mich in die Sucht führten? Die Patienten sollen außerdem eigene Motive für eine lebenslange Abstinenz finden. "Das ist besonders wichtig, da bei ''trockenen'' Alkoholikern auch nach Jahren häufig eine minimale, auch unabsichtlich konsumierte Menge Alkohol zur Aktivierung des Suchtgedächtnisses führt", warnt Schütz.

Das heißt: Im Extremfall kann ein einziger Schluck den Rückfall in die Sucht auslösen. Unterstützend zur Verhaltenstherapie kommt das suchtlindernde Medikament Acamprosat zum Einsatz. "Es hat sich in Studien und im praktischen Einsatz als gut verträglich erwiesen", sagt Welskop.

Damit die Wissenschaftler die Wirkung von Medikament und Therapie besser einschätzen können, gibt es drei Gruppen von Probanden: Einige erhalten Einzelgespräche und das Medikament. Andere werden in Gruppen therapiert und mit Acamprosat behandelt. Eine dritte Gruppe erhält "Placebos" - Tabletten ohne Wirkstoffe: So bleibt die Studie von Erwartungen unbeeinflusst. "Weder Patient noch Arzt wissen, wer das Medikament oder das Placebo bekommt", erläutert Welskop die so genannte "Doppelblindstudie".

Die Ärzte interessiert auch, wie sich die Patienten während der Therapie - beispielsweise hinsichtlich Impulsivität und Entscheidungsprozessen - verändern. Dazu führen sie psychologische Tests mit Fragebögen durch und untersuchen mit bildgebenden Verfahren, die ohne Röntgenstrahlen arbeiten, die Vorgänge im Gehirn. Davon versprechen sich die Wissenschaftler Hinweise darauf, wie sie die Therapie noch individueller auf die verschiedenen Patienten abstimmen können.

Wer teilnehmen möchte, kann sich bei der Fachambulanz für Alkohol der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie melden, Telefon (02 28) 2 87 12 00.

Wer ist Alkoholiker

Ein Symptom des Alkolismus ist, dass immer höhere Dosen erforderlich sind, bis die Wirkung der Droge eintritt. Bleibt die regelmäßige Alkoholzufuhr aus, reagiert der Körper mit Zittern der Hände, Herzrasen, Schwitzen, Übelkeit, Schlafstörungen, ängstliche oder bedrückte Stimmung, Bewusstseinsstörungen und Krampfanfällen.

Die "psychische Abhängigkeit" zeigt sich darin, dass sich Menge, Beginn und Ende des Trinkens nicht mehr kontrollieren lassen und der Kranke alle anderen Interessen zunehmend vernachlässigt.

Kurz zusammengefasst: "Trinken trotz besseren Wissens." Nach Ansicht der Ärzte von der Bonner Universitätsklinik kann jeder Alkoholiker "trocken" werden.

Alkoholismus ist jedoch eine chronische Erkrankung. Rückfälle sind auch nach langen Phasen der Abstinenz nicht selten. Manche Patienten brauchen deshalb wiederholte Behandlungen.

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