Die mannigfaltigen Tics der Kreativen

Viele Künstler litten unter psychischen Störungen - Experten diskutierten auf dem Königswinterer Petersberg, ob diese Erkrankungen die Kehrseite der Kreativität widerspiegeln

Königswinter. Wolfgang Amadeus Mozart war ein Ausnahmekomponist, Thomas Edison ein genialer Erfinder und Thomas Mann ein beeindruckender Schriftsteller: Sie alle litten, wie viele andere namhaften Persönlichkeiten, unter psychischen Störungen. Gibt es da einen Zusammenhang? Ist eine psychische Erkrankung möglicherweise sogar die Voraussetzung für ein außergewöhnliches schöpferisches Wirken?

Diese Fragen haben Ärzte und Psychotherapeuten auf dem Petersberg in Königswinter diskutiert. Das Symposium über "Kreativität und psychische Krankheit" hatten die Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitäten Bonn und Köln organisiert.

"Wir wollen versuchen, das Leid und die Ausgrenzung psychisch Kranker zu vermindern, indem wir zeigen, dass auch berühmte und erfolgreiche Persönlichkeiten von solchen Erkrankungen betroffen sind", sagt Professor Wolfgang Maier, Direktor der Bonner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Bei 30 bis 50 Prozent der berühmten Kreativen wie Maler, Schriftsteller oder Komponisten tauchen diese so genannten bipolaren Störungen auf. Dabei neigen die Betroffenen zu Schwermütigkeit und Depressionen, wechseln dann aber zu ausgeprägten euphorischen Phasen, voller Tatendrang und Schaffenskraft.

So hat Robert Schumann während dieser Stimmungshochs besonders viele seiner Werke komponiert. Es gibt aber auch extremere Beispiele psychotischer Erkrankungen, die mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder völligem Realitätsverlust einhergehen - wie bei dem Schriftsteller und Lyriker Robert Walser und dem Dichter Friedrich Hölderlin, die an Schizophrenie litten.

Besonders beeindruckend ist das Beispiel von Wolfgang Amadeus Mozart, der - wie Thomas Edison, - wahrscheinlich das so genannte Tourette-Syndrom (TS) hatte. Durch eine Überproduktion des Botenstoffs "Dopamin" im Gehirn, kommt es dabei zu unkontrollierten Ausbrüchen verschiedener Art.

"Es gibt Patienten, die schreien plötzlich beleidigende und obszöne Worte heraus. Es kommt zu unkontrollierten Bewegungen, die Betroffenen legen sich plötzlich auf den Boden oder müssen ihr Gegenüber berühren", erläutert Professor Werner Felber von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Carl Gustav Carus in Dresden. "Nicht alles ist aber ein TS. Das ständige Augenblinzeln von Boris Becker zum Beispiel ist vielmehr ein Tic, er bellt ja schließlich nicht ins Mikrophon."

Die Betroffenen leiden dabei besonders unter der Reaktion ihrer Mitmenschen, wie wahrscheinlich auch Mozart. Seine Briefe sind voller Obszönitäten, oft schlug er plötzlich Purzelbäume, stieß Laute aus und war ständig in Unruhe. Die Folge war eine gesellschaftliche Ächtung, wegen der er offenbar keine Anstellung fand und schließlich in Armut verstarb.

Und das, obwohl er gleichzeitig auch phänomenale Leistungen an den Tag legte. Mozart lernte das Klavier-, Geige- und Orgelspiel fast ohne zu üben, und spielte selbst die schwersten Bachfugen fehlerfrei vom Blatt. Überhaupt, am Klavier war nichts mehr von seinen Tics zu sehen. Auch sein Gedächtnis funktionierte in einer fast überirdischen Weise. Denn er komponierte alle Stücke im Kopf, behielt sie über Wochen im Gedächtnis, um sie dann auf Papier zu bringen.

"Um Außergewöhnliches zu schaffen, bedarf es eines intelligenten Menschen, der ohnehin schon kreativ ist", sagt Felber. "Wenn es dann noch zur Veränderung seiner Hirnfunktion kommt, die das Denken beschleunigt, wie beim TS, ist er zu etwas in der Lage, das er vorher nicht konnte."

Das funktioniere aber auch nur, wenn die Krankheit nicht zu ausgeprägt sei und den Betroffenen nicht behindere. Psychiater und Therapeuten sollten in solchen Fällen darüber nachdenken, zurückhaltender bei der Behandlung dieser Krankheiten zu sein, um das vorhandene kreative Potenzial nicht zu zerstören.

Psychische Erkrankungen können Kreativität freisetzen, müssen es aber nicht, meint Felber. Auffällig sei aber die Häufigkeit eines möglichen Zusammenhangs. Außerdem habe eigentlich jeder seine Art der Persönlichkeitsstörung, den "normalen" Menschen gebe es nicht. Doch nicht jede Störung müsse auch gleich behandelt werden. "Der eine sammelt irgendetwas wie ein Weltmeister, das ist nicht schlimm. Andere horten ihren Müll in der Wohnung, was weniger angenehm ist. Es kommt einfach darauf an, wie sehr diese Störung einen selbst und die Mitmenschen einschränkt."

Viele Fragen bleiben dennoch offen: Hätten die schillernden künstlerischen Persönlichkeiten ihre großen schöpferischen Leistungen auch ohne psychische Störung erbracht? Was wäre gewesen, wenn Thomas Mann, der zeitlebens seine Homosexualität unterdrücken musste, sich hätte "outen" können? Oder was wäre, wenn Mozart kein TS gehabt hätte? "All das kann man letztlich nicht mehr beantworten", sagt Felber. "Aber ein Künstler braucht einen Anstoß, eine Art Stachel, und das kann eben auch eine solche Erkrankung sein."

Mehr von GA BONN