Charles Darwin und der Neandertaler

Das Landesmuseum widmet dem Begründer der Evolutionstheorie im Jubiläumsjahr eine Veranstaltungsreihe

Bonn. "Es ist, als gestände man einen Mord", bekannte der Evolutionsforscher Charles Darwin, der jahrzehntelang mit der Veröffentlichung seines Hauptwerkes zögerte. Als 1859 endlich "Die Entstehung der Arten" erschien, erntete er neben Zustimmung aus Wissenschaftskreisen auch Spott und Kritik.

Der Mensch als Krone der Schöpfung sollte ein Zufallsprodukt sein? Darwin war sich der Tragweite seiner Theorie besonders in Kirchenkreisen bewusst - dabei hatte er Gott gar nicht in Zweifel gezogen. Seine Theorie, dass sich die Arten durch natürliche Selektion wandeln, ist auch heute noch grundlegend für die moderne Biologie.

Am 12. Februar jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal, und am 24. November vor 150 Jahren erschien sein epochales Hauptwerk. Das LVR-Landesmuseum in Bonn greift das Jubiläumsjahr mit einem Veranstaltungsreigen auf. Das weltberühmte Exponat des Museums, das 42 000 Jahre alte Neandertalerfossil, und die Evolutionstheorie sind untrennbar miteinander verbunden. Charles DarwinDer britische Naturforscher Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 in Shrewsbury geboren und starb am 19. April 1882 in Downe. Er war das fünfte von sechs Kindern des Arztes Robert Darwin. Er studierte Medizin in Edinburgh, dann Theologie in Cambridge und wandte sich zunehmend der Naturkunde zu. 1831 brach er zu einer fünfjährigen Reise mit dem Vermessungsschiff "Beagle" auf. Bereits 1838 entwarf er seine Theorie von der Anpassung der Arten. (sj)Der Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen ordnete das 1856 entdeckte Fossil richtig als Rest eines Urmenschen ein. "Vor dem Hintergrund der revolutionären Erkenntnisse zur Evolution entwickelte sich eine leidenschaftliche, international geführte Debatte", sagt Ralf W. Schmitz, Fachreferent für Vorgeschichte am LVR-Landesmuseum. "Die Überschneidung der Entdeckung des Neandertalers mit der Veröffentlichung der Evolutionstheorie brachte ein Weltbild zum Einsturz."

1871 publizierte Darwin ein weiteres wichtiges Werk, diesmal über die Abstammung des Menschen. "Dabei geht er auch auf den Neandertaler ein und verweist auf die Ergebnisse von Schaaffhausen", berichtet Schmitz. Außerdem habe der mit Darwin befreundete englische Geologe Char-les Lyell den Fundort des Urmenschen besucht. 1877 kaufte das Landesmuseum die 16 Knochen des Neandertalers für 1 000 Goldmark. Das Original des Fossils ist auch heute noch in einer Vitrine im Museum ausgestellt.

Schmitz leitet seit 1991 das Forschungsprojekt Neandertal des LVR-Landesmuseums und hat bei Nachgrabungen mit seinem Kollegen Jürgen Thissen weitere Fragmente des Urmenschen gefunden. Am Mittwoch, 4. Februar, ab 19.30 Uhr berichtet der Projektleiter über "Wege zu Darwin - die Entdeckungsgeschichte des fossilen Menschen" im LVR-Landesmuseum in Bonn. Schmitz präsentiert dabei auch alte Bücher zum Neandertaler und zur Evolution. Zuvor, um 18 Uhr, findet - wie bei allen Vorträgen in dieser Reihe - auch noch eine Führung zum Neandertaler statt.

Zum Geburtstag von Charles Darwin am Donnerstag, 12. Februar, ab 12.30 Uhr stoßen Schmitz und Besucher mit einem Glas Sekt auf den Begründer der Evolutionstheorie an. Beim "Happy Birthday Darwin" berichtet er über Neuigkeiten, die auch Darwin interessiert hätten. Bereits 1996 gelingt das Kunststück, weltweit erstmals einen Erbgutabschnitt des Neandertalers zu entschlüsseln.

"Die Laboranalysen zeigen, dass der Neandertaler kein Vorfahre des modernen Menschen, sondern eine eigene Linie ist", berichtet Schmitz. Die Paläogenetik entwickelt sich rasant weiter, das gesamte Erbgut eines Neandertalers mit 3,5 Milliarden Bausteinen ist entschlüsselt. Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig berichtet am Mittwoch, 11. März, ab 19.30 Uhr über "Erste Erkenntnisse aus dem Neandertaler-Genom-Projekt".

Charles Darwin war nicht der erste Wissenschaftler, der erkannte, dass sich die Arten im Lauf der Zeit allmählich verändern. "Die Evolutionstheorie hat einen Vorlauf von rund 100 Jahren gehabt", berichtet Schmitz. "Der Boden war bereitet, Darwin hat darauf aufbauend seine Beobachtungen konsequent zu Ende gedacht." Warum die Evolution so spät entdeckt wurde und warum viele sie noch heute nicht wahrhaben wollen, ist Thema des Vortrags von Professor Franz M. Wuketits von der Universität Wien "Die Evolutionstheorie - eine Spätzündung der Kulturgeschichte" am Mittwoch, 13. Mai, ab 19.30 Uhr.

Noch immer wird heftig darüber spekuliert, warum die Neandertaler vor 25 000 bis 30 000 Jahren von der Bildfläche verschwunden sind. "Vielleicht hatten sie eine etwas geringere Geburtenrate oder einen größeren Energiebedarf als der moderne Mensch", sagt Schmitz. "Beides könnte zum allmählichen Aussterben des Neandertalers beigetragen haben." Professor Thomas Junker von der Universität Tübingen stellt am Mittwoch, 17. Juni, ab 19.30 Uhr mit seinem Vortrag "Geheimwaffe Kunst oder warum starben die Neandertaler aus?" noch die Fähigkeit zu kulturellen Leistungen als entscheidenden Überlebensvorteil des modernen Menschen zur Diskussion.

Damit endet die Darwin-Reihe im LVR-Landesmuseum. Denn nach den Sommerferien geht der Bonner Neandertaler ausnahmsweise einmal auf Reisen - zur Ausstellung "Eiszeit. Kunst und Kultur" in Stuttgart.