Wie ein Mantel aus Blei: Bestseller-Autorin Heide Fuhljahn schildert ihre Erfahrungen mit Depressionen

Wie ein Mantel aus Blei : Bestseller-Autorin Heide Fuhljahn schildert ihre Erfahrungen mit Depressionen

"Aus der Tabuzone herausholen" wollte die Abteilung für Medizinische Psychologie der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bonn das Thema Depression. Und bat im Hörsaal der Neurochirurgie eine Frau zu einer Lesung, die einmal nicht bloß von außen über die weit verbreitete Krankheit dozierte, sondern die selbst betroffen ist.

Und die darüber ebenso packend wie authentisch zu berichten weiß. "Kalt erwischt. Wie ich mit Depressionen lebe und was mir hilft" heißt das Buch der Fachjournalistin Heide Fuhljahn, die sich damit selbst outete. Sie leide eigentlich schon seit der Kindheit unter Depressionen, habe beschwerliche Klinikaufenthalte und jahrelange Therapien in den Knochen, bis sie sich aufmachte, alles hautnah aufzuschreiben. Nämlich das, was die vielschichtige Krankheit im Alltag bedeutet, und vor allem, wie Betroffene dagegen angehen können. Fuhljahns Botschaft: "Depressionen sind heilbar" war sicher das Erfreulichste, was die Zuhörer von der Lesung mitnahmen.

Denn ansonsten ließ Fuhljahn mit jeder Zeile ihres inzwischen als Spiegel-Besteller geadelten Buches keinen Zweifel daran, wie belastend es ist, durch Depressionen immer wieder an den Abgrund zu geraten. "Am schlimmsten ist die Überzeugung, dass es nie wieder aufhört", vermerkt die 39-Jährige. Und hat ihrem überzeugend geschriebenen Buch als Motto eine Erkenntnis Bruno Bettelheims, des Gurus der Psychoanalyse, vorangesetzt: "Liebe allein genügt nicht." Da könnten die Freunde noch so oft sagen: "Das wird schon" oder in der härten Version: "Du spinnst, bist nicht ganz dicht, reiß' dich zusammen."

"Kalt erwischt" sind Fuhljahns Leser und die Zuhörer in der Bonner Neurochirurgie auf jeden Fall in Windeseile: Die Hamburger Journalistin schildert plastisch, wie sich dieser psychische Mantel aus Blei auf jeden neuen Tag legen kann. Wenn nur noch ein morgendliches Notprogramm überhaupt in den Tag hineinzieht, der sich dann zu einem bösen Mix aus Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, Grübelei, Angstattacken und innerer Leere entwickelt. Wenn die Schuldgefühle, man leiste überhaupt nichts mehr, zu einer Lawine werden. Und man vor der Glotze verkümmert. "Das Krankheitsbild ist aber bei jedem Betroffenen anders", so Fuhljahn. Gleich sei nur eines: Der Depressive brauche professionelle Hilfe.

Die 39-Jährige schildert, was die Psychotherapie, die psychiatrischen Ambulanzen, aber auch "die Geschlossene" leisten können und was nicht. Fuhljahn checkt die Hilfen zur Selbsthilfe, die Entspannungstechniken, Yoga, Meditation, Tai Chi, Qigong und wie die aktuellen Methoden alle heißen. Sie gibt aber auch ganz praktischen Rat zu Unterstützungsmöglichkeiten vom Staat, zu Selbsthilfegruppen und Online-Beratung. Dabei hat sich die Journalistin auch den Rat renommierter Experten geholt, was dem umfassenden Buch sehr gut tut.

Doch am stärksten wirkt der Titel, aus dem Fuhljahn derzeit in vielen Städten vorliest, immer dann, wenn das eigene Erleben, der Schmerz, das Leid, aber auch das Glück beschrieben werden, wenn sich plötzlich Tore zur Besserung auftun. Es gebe keine Patentlösungen. Selbstfürsorge müsse zum Lebensprinzip werden, so die Autorin. Man möge sich also selbst grundsätzlich so behandeln, wie man sich gegenüber der besten Freundin verhalten würde. "Gerade Frauen neigen dazu, sich und ihr Leid kleinzumachen", weiß die Autorin. Und Frauen seien leider überproportional von Depressionen betroffen. Es könne deshalb in unserer hauptsächlich nach Leistung strebenden Gesellschaft nicht genug gesagt werden: "Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche oder Faulheit. Nie!"

Die Zuhörer, meist selbst Betroffene und deren Angehörige, waren beeindruckt. Und berichteten der Autorin ihre eigenen Erfahrungen mit dieser so seltsamen Fehlfunktion des Neurotransmittersystems, von der vier Millionen Deutsche betroffen sind.

Info

Heide Fuhljahn: Kalt erwischt. Diana Verlag, 16,99 Euro