NRW-Ticket an der Uni Bonn: Angewandte Fahrplanistik

NRW-Ticket an der Uni Bonn : Angewandte Fahrplanistik

Studierende fahren günstig Bus und Bahn. Doch nicht nur sie. Zulassungsfreie Studiengänge sorgen dafür, dass sich auch Menschen einschreiben, die gar nicht studieren, sondern fast gratis den ÖPNV nutzen wollen. Mit unguten Folgen für die Uni.

Nicht jeder, der an der Uni Bonn eingeschrieben ist, hat die Absicht, zu studieren. Klingt komisch, ist aber so. Denn manche wollen einfach nur kostengünstig mit Bus und Bahn fahren. Die Verbindung von zulassungsfreien Studiengängen und dem sogenannten NRW-Ticket macht es möglich. Das Ticket erlaubt es seinen Inhabern, jederzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren – ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Denn Inhaber des Tickets sind Studierende einer Universität, die Kosten für die portemonnaiefreundliche Dauerfahrkarte sind im Rahmen des Semesterbeitrags bereits gedeckt.

An der Uni Bonn beträgt dieser „Sozialbeitrag“ für das kommende Sommersemester 269,48 Euro für jeden Vollzeitstudenten. 169,60 Euro davon fließen in das Semesterticket (das dazu berechtigt, im VRS-Gebiet zu fahren) und in das NRW-Ticket, das für ganz Nordrhein-Westfalen gültig ist. Das bedeutet, dass Studenten der Uni Bonn für etwas mehr als 28 Euro pro Monat unbegrenzt und NRW-weit Busse und Bahnen nutzen können (Fernverkehrszüge wie der ICE sind ausgeschlossen).

Allerdings hat die Sache vor allem für eine Beteiligte einen Haken: für die Universität. Denn sie ist verpflichtet, den Zugang zu einem Hochschulstudium niedrigschwellig zu halten. Deshalb bietet sie manche Fächer ohne Zulassungsbeschränkung (etwa einen Numerus clausus) an. Somit kann sich im Grunde jeder, der berechtigt ist, an einer Hochschule zu studieren, einschreiben – auch wenn er nicht in den Hörsaal geht, sondern nur das günstige Ticket nutzt.

Auf den ersten Blick gibt es sogar aus Uni-Perspektive Argumente dafür. Denn sie ist seitens der Politik gefordert, zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Da ist jeder neue Student zunächst eine positive Nachricht. Zudem bleiben ja rund 100 Euro des Sozialbeitrages übrig, die nicht in die ÖPNV-Tickets fließen, sondern vor allem in Infrastruktur, die den Studierenden zugute kommt, etwa bei Einrichtungen wie den Mensen. „Jemand, der den Beitrag zahlt, nur um Bus und Bahn zu fahren, subventioniert andere Leistungen mit, ohne sie in Anspruch zu nehmen“, sagt Unisprecher Andreas Archut. Eigentlich eine gute Sache.

„Leistungsorientierte Mittelvergabe“

Doch das ist nur die eine Seite. Die Uni wird nicht nur für die Zahl der Erstsemester belohnt, sondern ein Teil des Geldes ist vom Erfolg der Studierenden abhängig – „leistungsorientierte Mittelvergabe“ heißt das. Kriterium dabei ist die Zahl der Studenten, die das Studium in der Regelzeit abschließen. Wer überhaupt nicht wirklich zu studieren vorhat, zieht den Schnitt nach unten und bringt die chronisch klamme Uni so um Geld.

„Wir haben keine Handhabe, mit dem Problem umzugehen“, sagt Archut. „Es gibt keine Verpflichtung zu studieren, und selbst die Anwesenheitspflicht wurde zwischenzeitlich abgeschafft.“ Niemand habe bisher ausgerechnet, wie viele der Eingeschriebenen nicht studieren – weil das anhand der Zahlen, auf die die Uni zurückgreifen kann, gar nicht möglich ist. Im Rahmen der Einschreibung kann man kein Kreuzchen setzen bei „Möchte nur das NRW-Ticket beanspruchen“. Archut hat NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze schon persönlich auf die Problematik angesprochen, doch das Ministerium sehe den Sachverhalt als weniger problematisch.

Anstieg der Studierendenzahlen

Einer der in Bonn zulassungsfreien Studiengänge ist die Evangelische Theologie. Dekan Professor Udo Rüterswörden bestätigt, dass es einen Anstieg der Studierendenzahlen gibt – und auch, dass einige wohl nur wegen des Tickets eingeschrieben sind. „Aber nachweisen können wir das keinem“, sagt Rüterswörden. Seine Fakultät hat mehr als 1100 Studenten – sehr viele für das Fach.

Allerdings führt der Dekan dafür auch andere Gründe an: „Die Landeskirche muss rund 1000 Stellen neu besetzen. Dass es dort Jobs gibt, merken wir. Die Hörsäle sind nicht leer. Ganz im Gegenteil: Ein Seminar mussten wir kürzlich sogar teilen.“ Dennoch verderbe das Phänomen die Statistik. „Die Frage nach der Abbrecherquote kommt bestimmt“, sagt Rüterswörden. „Aber der Steuerzahler muss sich keine Sorgen machen: Wir haben gut zu tun.“

Mehr von GA BONN