Leidenschaft für den Journalismus: Workshop für geflüchtete Medienschaffende an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Leidenschaft für den Journalismus : Workshop für geflüchtete Medienschaffende an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Gemeinsam mit Studierenden der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg nehmen rund zehn Flüchtlinge an einer Weiterbildung für Journalisten und Medienschaffende teil. Und der Workshop läuft besser als erwartet.

„Ich wollte mich wieder lebendig fühlen“, sagt Jinane Merhej voller Inbrunst. In ihrer Heimat, dem Libanon, gehörte der journalistische Alltag für die 42-Jährige zur Routine. Nach ihrer Flucht vor rund einem Jahr hat sie eine Möglichkeit gefunden, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Gemeinsam mit Studierenden der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg nimmt die Libanesin mit rund zehn weiteren Flüchtlingen an einer Weiterbildung für Journalisten und Medienschaffende teil.

Seit April treffen sich etwa 25 Teilnehmer wöchentlich zum Workshop. Die eine Hälfte der Gruppe sind Studierende der Studiengängen Technikjournalismus sowie Technik- und Innovationskommunikation, die andere Hälfte sind geflüchtete Journalisten. Themen werden in Gruppen recherchiert, Interviews geführt, Videos produziert sowie Radio-beiträge erstellt.

Hauptziel der Weiterbildung ist es, internationale und interkulturelle Kompetenzen zu vertiefen. Gegen Ende des Sommers soll dann zudem eine Internetseite mit Artikeln, Fotos und Videos zeigen, wie die Flüchtlinge ihre ersten Monate in Deutschland erlebten, welche Veränderungen es in Syrien seit 2010 gegeben hat und wie unterschiedlich das Konsumverhalten zwischen verschiedenen Kulturen sein kann.

Dabei steht nicht nur das Endprodukt im Vordergrund. „Wir möchten den Flüchtlingen natürlich helfen sich zu integrieren, aber es geht vor allem darum, wie Flüchtlinge in ihrer Heimat journalistisch ge-arbeitet haben und was wir daraus lernen können“, erklärt Alexander Graskamp, Technikjournalismus-Student im vierten Semester.

Mit seinem Team um Jinane Merhej und Pascal Sevadouno will Graskamp herausfinden, warum das deutsche Konsumverhalten oftmals konträr zu dem der Flüchtlinge ist. Ihre These: Geflüchtete staunen über die deutsche Konsumverschwendung, während die Deutschen sich über Flüchtlinge mit vermeintlich teuren Turnschuhen wundern.

Die Idee zum Thema hatte Pascal Sevadouno aus Guinea, der seit drei Jahren in Deutschland lebt. „Mir ist aufgefallen, dass hier viel weggeworfen wird, was Menschen in anderen Ländern zum Leben brauchen“, sagt Sevadouno. Der Radiojournalist findet, dass jeder bewusst mit seinem Konsumverhalten umgehen muss – aus Verantwortung gegenüber anderen Menschen und der Erde. Warum die einen in Verschwendung leben, die anderen zugleich an der Armutsgrenze, soll eine Umfrage mit 60 Flüchtlingen und Deutschen zeigen.

Mit ihrer Gruppe bilden Jinane, Alexander und Pascal ein Konglomerat, das durch seine Leidenschaft zum Beruf verbunden ist. Dabei lernen beide Seiten das journalistische Handwerk aus einer anderen Perspektive kennen – allein aufgrund teils völlig verschiedener Mediensysteme.

Von diesem Mehrwert sind die Teilnehmer sowie die Initiatoren um Professor Michael Krzeminski von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Peter Schürkes von der Flüchtlingshilfe Rheinbach überzeugt. Der 74-jährige Schürkes engagiert sich in vielen Projekten und ist selbst über den positiven Verlauf des Workshops überrascht: „Es funktioniert besser als erwartet. Vor allem die Arbeit in Kleingruppen ist viel effizienter als eine klassische Vorlesung, weil alle so aktiver mitmachen.“

Deshalb soll das Projekt nach erfolgreichem Abschluss auch im folgenden Wintersemester stattfinden. Wer bis dahin nicht warten will, kann aber auch aktuell dazukommen – und vielleicht etwas über sein eigenes Konsum-verhalten lernen.

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