Forschung zu Sehkraft: Uniklinik Bonn bildet Helfer in Indien aus

Forschung zu Sehkraft : Uniklinik Bonn bildet Helfer in Indien aus

Bonner Mediziner des Uniklinikums setzen in Indien auf günstige Diagnose-Verfahren und bilden dort Helfer aus. So könnte die Sehkraft vieler Menschen erhalten werden

Mit Diabetes ist nicht zu spaßen. Ein hoher Blutzuckerspiegel kann auf Dauer Gefäße und Nervensystem schädigen, Depressionen auslösen und sogar zu einer Erblindung führen. Dabei ist die sogenannte diabetische Retinopathie relativ gut behandelbar, wenn man sie nur früh genug erkennt. Doch gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien fehlt es in vielen ruralen Regionen an einer angemessenen medizinischen Versorgung, an Ärzten und Geräten. Daher hat die Uni Bonn zusammen mit dem Sankara Eye Center in Bangalore ein Verfahren entwickelt, mit dem geschultes Hilfspersonal ein Augen-Screening vornehmen kann – und zwar mit Hilfe eines modifizierten Smartphones. Nach einer ersten erfolgreichen Pilotstudie sind die Mediziner derzeit dabei, Arzthelfer in der neuen Technik auszubilden und parallel dazu ein Telemedizin-Zentrum aufzubauen. Und das könnte erst der Anfang sein.

Dr. Maximilian Wintergerst ist vor kurzem aus Indien zurückgekommen. Der Assistenzarzt in der Klinik für Augenheilkunde der Uniklinik Bonn beschäftigt sich seit zwei Jahren mit der smartphonegestützten Ophthalmoskopie (Augenspiegelung) und hat 2017 vier verschiedene Adapter getestet, mit denen eine Smartphone-Kamera Bilder vom Augenhintergrund machen kann. Mittlerweile sind die Untersuchungen von damals ausgewertet, und ein Modell ist für die folgende Phase ausgewählt worden. „Alle vier getesteten Modelle haben gute Ergebnisse geliefert“, erklärt Wintergerst. „Eines haben indische Augenärzte aus nicht mehr als einem LED-Lämpchen, einer Batterie und einem Stück Klebeband zusammengebaut. Diese Teile bekommen Sie schon für 50 Rupien, also weniger als einen Euro, und trotzdem können Sie brauchbare Aufnahmen anfertigen. Kriterien waren für uns daher eher die Ausleuchtung der Netzhaut oder der Bildausschnitt.“ Selbst die teureren Adapter aus Europa sind mit durchschnittlich 400 Euro übrigens immer noch günstiger als die sonst in Augenarztpraxen üblichen Spezialkameras.

Nachdem die Qualität der Aufnahmen grundsätzlich überzeugt hat, gehen Wintergerst und seine Kollegen aus Bangalore einen Schritt weiter. Augenärztliches Hilfspersonal soll nun in die Lage versetzt werden, in verschiedenen Screening-Camps in der Region um die Metropole die Augen-Screenings durchzuführen und die Bilder zur Kontrolle an ein telemedizinisches Zentrum zu übermitteln. Dort werden sie von Augenärzten begutachtet, die im Falle einer diabetischen Retinopathie eine Behandlung initiieren können.

„Theoretisch lassen sich auch andere Erkrankungen auf diese Weise diagnostizieren, etwa ein Schaden am Sehnerv auf Grund eines Glaukoms“, so Wintergerst. „Insofern hat dieser Ansatz das Potenzial, die Augenheilkunde deutlich zu verändern. Zunächst wollen wir aber das Konzept anhand der diabetischen Retinopathie in der Praxis überprüfen – immerhin ist in Südindien jeder Zehnte zuckerkrank, und von diesen leidet jeder Dritte unter einer Schädigung der Netzhaut.“ Es sei schon viel wert, könne man dieses Problem in den Griff bekommen. „Priorität hat nun der Aufbau des Telemedizin-Zentrums, denn erst dann können wir die Aufnahmen auswerten“, so Wintergerst. „Außerdem werden noch in diesem Jahr Kollegen aus Indien nach Bonn kommen, um bei uns entsprechend geschult zu werden.“ Und Wintergerst? Wird sich in ein paar Monaten erneut auf den Weg nach Bangalore machen, um mit Hilfe eines Smartphones sein Engagement gegen die Blindheit fortzuführen.

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