Uni Bonn: So sieht Rektor Michael Hoch die Zukunft der Hochschule

2019 zur Exzellenzuniversität gewählt : So sieht Rektor Michael Hoch die Zukunft der Uni Bonn

Die Uni Bonn hatte im Jahr 2019 reichlich Grund zu feiern. Im Sommer wurde die Hochschule zur Exzellenzuniversität gewählt. Für Rektor Michael Hoch ist es der Beginn einer ganz neuen Entwicklung.

Für die Universität Bonn war 2019 ein Erfolgsjahr: Jetzt steht die Hochschule auf einer Stufe mit den Münchener oder Berliner Hochschulen. Doch es gab auch Anlass zur Reflexion über Wissenschaft und Ethik. Martin Wein lässt mit Uni-Rektor Michael Hoch das Jahr Revue passieren:

Die Bescherung für die Universität Bonn kam in diesem Jahr schon mitten im Sommer. Seither dürfen Sie sich Exzellenzuniversität nennen. Kann man sich als Rektor überhaupt noch mehr wünschen?

Seit 2015 Rektor der Universität Bonn: Michael Hoch. Foto: Martin Wein, Bonn

Michael Hoch: Für die Universität war das ein herausragendes Ereignis. Wir waren mit sechs Exzellenzclustern und dem Exzellenz-Titel die erfolgreichste Hochschule im Wettbewerb. Mehr kann man sich in der Tat kaum wünschen. Aber: Es bleibt spannend. Die Prämierung war schließlich der Beginn einer ganz neuen Entwicklung.

Kann man von einem Quantensprung sprechen?

Hoch: Es ist in jedem Fall ein Meilenstein in unserer Geschichte. Vor allem auch deshalb, weil die Förderung grundsätzlich auf Dauer angelegt ist. Daher sind wir sehr glücklich, jetzt dabei zu sein.

Was ist seither geschehen? Wurden bereits neue Stellen geschaffen?

Hoch: In den Clustern hat es schon Einstellungen auf allen Karrierestufen gegeben. Viele Professuren sind ausgeschrieben.

Mit ihrem Erfolg wurden Sie persönlich in einem Wettbewerb der ZEIT und des Centrums für Hochschulentwicklung zum Hochschulmanager des Jahres gekürt. Gab es schon Abwerbeversuche? Oder kommen jetzt die Kollegen zum Coaching?

Hoch: Ich bin der Uni Bonn sehr verbunden. Abwerbeszenarien wären schlecht für die Hochschulentwicklung. Auch mit Ratschlägen an andere halte ich mich zurück. Wir haben mit unseren spezifischen Bedingungen und einer veränderten Governance diese Auszeichnung erreicht.

Was war aus der Rückschau der entscheidende Punkt zum Erfolg?

Hoch: Als Rektorat haben wir die richtigen herausragenden Persönlichkeiten identifiziert, die in der Lage sind, wissenschaftliche Themen zu besetzen und gleichzeitig Teams um sich herum zu organisieren, um diese auszugestalten. Danach haben wir die entstehenden Initiativen mit Ressourcen ausgestattet, ohne dass der Erfolg garantiert war.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden einzelne Disziplinen wie Genetik oder Ihr eigenes Fachgebiet – die Biowissenschaft – sehr stark in den Fokus der Förderung gerückt. Sie haben mit den Cluster-Anträgen einen stark interdisziplinären Ansatz verfolgt. Sehen Sie insgesamt einen Trend zu ganzheitlicherer Wissenschaft?

Hoch: Davon bin ich überzeugt. Denken Sie an Megathemen wie Nachhaltigkeit oder Künstliche Intelligenz und Gesellschaft. Allerdings kann nur interdisziplinär herausragend arbeiten, wer auch im eigenen Fach herausragend ist. Deswegen versuchen wir, mit unserem Zukunftskonzept für die Hochschulentwicklung einerseits die Disziplinen zu fördern, aber gleichzeitig auch Innovationsräume über die Fachbereiche hinweg zu schaffen.

Bei ihrer Forschung berühren viele Wissenschaftler zunehmend ethisch-moralische Fragen. Sucht die Wissenschaft da ausreichend den gesellschaftlichen Diskurs?

Hoch: Wir haben für unser Zukunftskonzept einen Dreiklang vorgeschlagen: Wir wollen, erstens, Spitzenwissenschaftler rekrutieren, zweitens Netzwerke stärken und drittens die Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Gesellschaft verbreiten. Wir müssen lernen, noch besser mit der Gesellschaft zu kommunizieren.

Brauchen Hochschulen ein ethisches Leitbild für Forschung und Lehre?

Hoch: Das haben wir bereits. Aber neue Forschungsfelder müssen immer wieder von vielen Seiten aus betrachtet werden – auch ethisch oder sozialwissenschaftlich.

Kontrovers diskutiert wurde der Fall eines Bonner Jura-Professors, der die Türkei in einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen einen inhaftierten Kurdenpolitiker vertritt. Dienstrechtlich ist das nicht zu beanstanden. Aber gefährdet das die wissenschaftliche Integrität?

Hoch: Wir erwarten von jedem Hochschullehrer einen individuellen ethischen Kompass. Jede Professorin und jeder Professor muss sicherstellen, dass ihr oder sein privates Handeln mit ihrem Lehrauftrag vereinbar bleibt. Das war auch in diesem Fall gegeben. Die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit sind für uns als Hochschule sehr hohe Güter, die es unbedingt zu schützen gilt. Wir sehen mit Sorge, was in der Türkei geschieht und schließen uns in vollem Umfang den öffentlichen Stellungnahmen der Hochschulrektorenkonferenz und der Landesrektorenkonferenz an. Wir arbeiten auch sehr intensiv am Programm der Alexander-von-Humboldt-Stiftung für geflüchtete Wissenschaftler mit.

Universitäten sind Stätten der Forschung, aber auch der Lehre. Hat die Politik bei der Exzellenz- Förderung und der Erwartung von Drittmittel-Projekten die Studierenden aus dem Blick verloren und braucht es nicht eine bessere Grundfinanzierung?

Hoch: Es gibt ja durchaus auch Förderinstrumente wie den „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ des Bundes und der Länder. Dort steht die Lehre im Fokus. Mit der Förderung als Exzellenz-Universität setzen wir außerdem Maßnahmen zur forschungsorientierten Lehre um, etwa Stipendienprogramme oder neue Lehrkonzepte. In den kommenden Jahren müssen wir aber auch die bauliche Infrastruktur der Universität für alle sichtbar verbessern. Da brauchen wir die entschlossene Hilfe der Landesregierung.

An welche bemerkenswerten Ereignisse gilt es zum Jahresende sonst noch zu erinnern?

Hoch: Bund und Länder stellen im sogenannten Tenure Track-Programm bis 2032 insgesamt eine Milliarde Euro für 1000 zusätzliche Nachwuchs-Professuren zur Verfügung. In diesem Jahr konnten wir darüber insgesamt 28 zusätzliche Professuren einwerben und waren damit in der zweiten Förderrunde die erfolgreichste Universität.  Aus dem Professorinnenprogramm von Bund und Ländern haben wir mit unserem Gleichstellungskonzept zusätzliche Mittel bekommen, um gezielt Frauen in der akademischen Spitze zu fördern. Im Exist-Programm haben wir erst kürzlich eine Zusage über insgesamt zwei Millionen Euro erhalten, um Unternehmensgründungen aus der Hochschule heraus zu fördern.

Und dann wurden auch Hochschullehrer in höhere Weihen berufen – so Isabel Schnabel ins Direktorium der Europäischen Zentralbank.

Hoch: Es ist für die Universität Bonn großartig, dass jemand aus unseren Reihen auf eine solche Position kommt. Hier in Bonn wird die Berufung andererseits eine Lücke reißen, die wir erstmal wieder füllen müssen. Frau Schnabel ist schließlich eine herausragende Professorin und hat als Sprecherin zusammen mit den Kollegen in Köln das einzige wirtschaftswissenschaftliche Exzellenzcluster in Deutschland auf den Weg gebracht.

Ist das schon ein Wunsch für 2020?

Hoch: Ja auf jeden Fall. Außerdem möchten und müssen wir mit all unseren Universitätsangehörigen die vielen Möglichkeiten erörtern, die sich uns jetzt bieten. Ich habe mir vorgenommen, 2020 alle Institute und Fachschaften zu besuchen um deren Perspektive kennenzulernen. Mein Terminkalender ist damit prall gefüllt, aber die Zeit ist gut investiert. Ich wünsche mir, dass das Klima des Aufbruchs sich fortsetzt. Und ich hoffe, viele kreative Ideen einsammeln zu können, die in die Strategie der Universität eingehen werden.

Bekommt man bei so vielen Vorhaben den Kopf frei für Weihnachten?

Hoch: Es wird ein wenig dauern. Aber auch die Familie und der Freundeskreis sind wichtig. Gerade an den Feiertagen stehen sie im Vordergrund.