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"Studieren ohne Grenzen" in Bonn: Schlemmen für den guten Zweck

"Studieren ohne Grenzen" in Bonn : Schlemmen für den guten Zweck

30 Bonner WGs besuchen sich zum Essen und unterstützen so einen Verein, der Studenten in Krisengebieten hilft, das Studium zu finanzieren.

Nicht zu wissen, was auf den Tisch kommt, ist ein Erlebnis. Nicht zu wissen, wer für einen kocht, eine Herausforderung. „Schlemmen ohne Grenzen“ lautet der Name des Projekts, mit dem der Verein „Studieren ohne Grenzen“ in zahlreichen deutschen Unistädten beweist, dass die Studentenküche Raffinessen abseits von Tiefkühlpizza und Dosenravioli zu bieten hat.

In Bonn schärften nun 30 WGs und ihre 84 Bewohner die Messer, um Studenten aus anderen Wohngemeinschaften für einen Menügang zu bekochen. Das Prinzip ist einfach: Jede WG kocht einmal selbst. Statt abzuwaschen, wechseln Koch und Gast für die weiteren Gänge des dreiteiligen Menüs in eine fremde WG der Stadt, die „Studieren ohne Grenzen“ zuvor zugeteilt hatte. Einmal muss jeder Bewohner selbst an den Kochtopf, um sich anschließend von fremden Studenten bekochen zu lassen – „außer man verpflichtet seinen Mitbewohner zum Kochen“, sagt Mitorganisatorin Luisa Denter mit einem Augenzwinkern.

„Pro Gang planen wir zwei Stunden ein“, sagt Denter und gibt zu, dass gute Gespräche während des Abendessens manchen Zeitplan zunichte machen können. „Nach dem Dessert geht es dann zum Feiern in die Diskothek Carpe Noctem“, erklärt sie. Spätestens dort treffen Koch und Gast ein zweites Mal aufeinander. Drei Euro kostet die Teilnahme an dem Event. Da die Ehrenamtlichen des Vereins die teilnehmenden WGs lediglich vermitteln und keine Kosten anfallen, fließen die Beiträge in kostenaufwendigere Projekte von „Studieren ohne Grenzen“.

Für die Bonner Lokalgruppe steht dabei das Studienstipendium im Mittelpunkt, das an ausländische Studenten in Krisengebieten, darunter Afghanistan, dem Kongo oder dem Irak, vergeben wird. Der Erfolg der Aktion hat eine baldige Wiederholung schon fast gesichert.

„Ziel unserer Engagements ist es, postkoloniale Züge der Entwicklungsarbeit zu überwinden und in den Ländern beheimatete Studenten zu unterstützen, die soziale Eigeninitiative bewiesen haben“, erklärt Denter. Sechs Studenten unterstützt die Bonner Lokalgruppe, die sich in ihrer Arbeit auf Afghanistan spezialisiert hat, derzeit. Abhängig vom aktuellen Wechselkurs, im Schnitt mit 75 Euro pro Monat, können die Studenten, darunter angehende Ökonomen und Sprachwissenschaftler, ihr Studium vor Ort finanzieren und verpflichten sich im Gegenzug, soziale Projekte vor Ort aufzubauen oder zu betreuen.

Getreu des Namens des Vereins sei die Unterstützung dazu angelegt, Grenzen zu überwinden, auf die die Studenten in ihrer Arbeit bislang stießen, wie Denter erklärt: „Unsere Bewerber haben Englischnachhilfe vor Ort gegeben, politische Diskussionsrunden gestaltet oder Alphabetisierungskurse für Mädchen ohne Schulbildung entwickelt.“ Mit letzterem konnte die neueste Stipendiatin – die Journalismusstudentin Roya – das deutsche Auswahlkomitee überzeugen. Sie will damit ihren Beitrag leisten, der mit 70 Prozent hohen Analphabetenrate in Afghanistan mit Schreibkursen zu begegnen.

Die Lokalgruppen, die es weltweit gibt, profitieren vom kulturellen und fachlichen Austausch mit den Studenten vor Ort. „Mitglieder unserer Lokalgruppe behandeln das Land Afghanistan teilweise in ihrem Studiengang und können so auf dem kurzen Weg wertvolle Informationen erhalten“, sagt Denter.

Neben der Vergabe von Stipendien gibt es eigene Arbeitsgemeinschaften, die ausschließlich mit dem Fundraising und der Öffentlichkeitsarbeit betraut sind. Über Spenden und Patenschaften finanziert der Verein die Stipendien im Ausland, aber auch Aktivitäten innerhalb der Lokalgruppen. Immer haben die Veranstaltungen einen Bezug zum Partnerland, zuletzt waren das in Bonn ein Filmabend zum Thema Frauenrechte in Afghanistan mit anschließender Diskussionsrunde und ein Länderabend im Universitätsclub, über den auch afghanische Medien und die Deutsche Welle in der Landessprache Dari berichtet hatten.

Denter betont, dass die Initiative Krisengebiete aus einer Per-spektive zeige, die „den Blickwinkel auf Perspektiven der Länder abseits der Katastrophenmeldungen aus den Medien lenkt“. Vom intensiven Austausch zwischen den Bonnern und ihren Stipendiaten in Afghanistan zeugen die hochkarätigen Unterstützer, die als Paten fungieren oder fachliche Expertise bieten. „Unsere sechs Stipendiaten studieren alle an der Universität von Herat. Die Entwicklungshilfeorganisation Help unterstützt uns vor Ort, der Vizekanzler der Universität ebenfalls“, berichtet Decker. Damit die Fortschritte überprüfbar sind, verpflichtet sich jeder Stipendiat zu ausführlichen Berichten alle drei Monate.

Regelmäßig veranstaltet die Lokalgruppe Bonn von „Studieren ohne Grenzen“ Vorträge und Themenabende. Zum Filmabend lädt die Initiative für Dienstag, 24. Mai, 20 Uhr, ins Woki, Bertha-von-Suttner-Platz 1-7.

Weitere Informationen im Internet unter www.studieren-ohne-grenzen.de