Universität Bonn: Rückkehr nach 82 Jahren

Universität Bonn : Rückkehr nach 82 Jahren

Es hat gut acht Jahrzehnte gedauert: Seit Dezember 2015 gibt es an der Universität Bonn wieder eine jüdische Hochschulgruppe. Zukünftig soll "Hillel Hub" das jüdische Studentenleben in der Beet-hovenstadt etablieren.

Sie studieren Medizin, Physik und Geowissenschaften. Sieben jüdische Frauen und Männer haben die Gruppe Mitte des vergangenen Monats ins Leben gerufen. "Seither wachsen wir stetig", erzählt Ilana L., die ihren Nachnahmen nicht in der Zeitung veröffentlichen möchte. Willkommen seien nicht nur Studenten jüdischen Glaubens, sondern jeder, der sich mit dem Judentum verbunden fühle. Um Mitglied zu werden, müsse man jedoch an der Uni Bonn eingeschrieben sein.

Zusammen mit zwei Kommilitonen initiierte die 22-jährige Medizinstudentin die Gründung der Bonner "Campus-Organisation", wie sich die Gruppe selbst bezeichnet. Kennengelernt hatten sich die Drei als Stipendiaten des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES), dem Begabtenförderwerk der jüdischen Gemeinde in Deutschland.

Ziel von Hillel Hub sei es, ein gemeinsames Forum für religiöse, kulturelle und soziale Veranstaltungen zu schaffen. "Es wäre schön, wenn wir auf diesem Weg das jüdische Gemeindeleben der Stadt wieder aufbauen könnten", sagt Ilana L.. Dieses sei bisher nur wenig ausgeprägt. Wer sich danach sehne, müsse deshalb auf größere Nachbarstädte ausweichen. Darüber hinaus biete Hillel Hub eine Willkommensplattform für jüdische Studierende aus dem Ausland.

"Die Hochschulgruppe bringt die Studenten zusammen - sie ist ein Ansprechpartner, an den man sich jederzeit wenden kann", sagt Mitinitiator Daniel Dejcman. Wichtig sei außerdem, auch den interreligiösen und interkulturellen Dialog mit anderen Organisationen zu fördern.

Um jene Vorhaben zu verwirklichen, soll es zukünftig regelmäßige Treffen geben. Das erste gemeinsame Fest ist bereits geplant: Am Montag, 25. Januar, wird ab 18 Uhr zusammen "Tu Bishvat" gefeiert - das Neujahrsfest der Bäume. Genauere Informationen zum Fest und der Hochschulgruppe erhalten Interessierte nur auf Anfrage bei Hillel Hub. In einer Zeit religiös motivierter Unruhen habe die Gruppe Bedenken, derartige Angaben der Öffentlichkeit preiszugeben, sagt Ilana L..

Hillel ist die erste Hochschulgruppe jüdischer Studenten in Bonn seit der Zeit des National-

sozialismus. Gegründet wurde sie bereits 1923 in den Vereinigten Staaten. Seither entwickelte sich Hillel International nach eigenen Angaben zur weltweit größten jüdisch-universitären Organisation. 2014 wurde das erste deutsche Hillel Hub in Heidelberg eröffnet.

Ein Blick in die Geschichts-

bücher zeigt: Mit Heinrich Heine und Karl Marx finden sich zwei bekannte Persönlichkeiten jüdischer Konfession oder Herkunft unter den Alumni der Uni Bonn. Noch während der Weimarer Republik existierten hier drei jüdische Studentenverbindungen - Rheno-Silesia, Kadimah und Jordania. Heutzutage sind nur noch wenige gesicherte Informationen über sie zu finden.

Fest steht, dass Rheno-Silesia am 3. Mai 1899 gegründet wurde. Unter dem Wahlspruch "Nunquam retrorsum" ("Niemals zurück") gehörten sie dem "Kartell-Convent" (KC) an - ein Zusammenschluss aus sieben Verbindungen, deren Ziel es war, ein selbstbewusstes und emanzipiertes Judentum zu fördern. Dabei stützten sie sich auf die Tradition der Corps. Eine Tatsache, die sich im "Wille zur unbedingten Satisfaktion" und in der strengen Beachtung der Couleur-Pflicht ausdrückte.

"Es waren schlagende Verbindungen, die sich fest an die Regeln des studentischen Verhaltenskodexes hielten", erklärt Doktor Thomas Becker von der Uni Bonn. Trotzdem blieb die Hoffnung auf Anerkennung durch nicht-jüdische Studentenverbindungen unerfüllt. Für sie waren Juden nicht satisfaktionsfähig. Dennoch zeigte sich die älteste jüdische Studentenverbindung der Stadt mit 155 Alten Herren, 22 Aktiven und 20 Inaktiven im Wintersemester 1930/31 stark vertreten.

Die am 14. Januar 1909 gegründete Kadimah war Mitglied im "Kartell Jüdischer Verbindungen", einem Dachverband, der stärker zionistisch ausgerichtet war als der KC. Ein Umstand, der zu Spannungen untereinander geführt haben soll, sagt Becker. Jordania, organisiert im "Bund zionistischer Korporationen", konzentrierte sich schließlich noch intensiver auf den Zionismus und die Auswanderung nach Palästina.

Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es an der Universität Bonn eine kleine Gruppe jüdischer Studenten. Sie hielten untereinander engen Kontakt und verfolgten das gemeinsame Ziel, auszuwandern. Ein Umstand, der - so vermutet Becker - wohl auch für die meisten jüdischen Studierenden an den anderen Hochschulen in der ehemaligen britischen Besatzungszone gegolten haben dürfte. Mit der Neugründung von Hillel Hub Bonn wollen die Mitglieder nun das jüdische Zusammenleben neu aufblühen lassen.

Wer mit Hillel Hub in Kontakt treten möchte, kann dies per E-Mail an jhg_hillel@uni-bonn.de tun.

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