Mit Kindern durch die Corona-Krise : „Weg vom Super-Eltern-Anspruch“

Wie kommen Familien ohne Kinderbetreuung durch den Alltag? Wenn sie den Drang zum Perfektionismus aufgeben, sagt die Pädagogikprofessorin Stefanie Greubel

In Zeiten der Corona-Krise sollten Eltern ihre hohen Ansprüche runterschrauben, meint Stefanie Greubel, Professorin für Kindheitspädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter. Sonst werde die Belastung zu hoch. Wie weniger Perfektionismus mehr helfen kann, erklärt die 42-Jährige im Gespräch mit Margit Warken-Dieke.

Die Stadt Bonn bietet eine telefonische Beratung zum familiären Zusammenleben in Zeiten der Corona-Krise an. Warum brauchen wir – auch in diesem Punkt – Hilfe?

Professorin Stefanie Greubel: Ich sehe das im Zusammenhang mit drei gesellschaftlichen Trends. Erstens hat sich in den vergangenen Jahren die Familienzeit durch die Zunahme außerhäuslicher Betreuung hierzulande stetig verringert. Die gemeinsame Zeit in den Familien beschränkt sich oft auf den späten Nachmittag oder Abend sowie das Wochenende. Zweitens sind die Familien in Deutschland und auch in anderen Ländern sehr erfolgreiche Netzwerker geworden. Zur Betreuung schließen sie sich mit befreundeten Familien zusammen, besuchen Vereine oder bitten die Großeltern um Hilfe. Wir sind gut darin – und das meine ich nicht negativ –, nicht nur alleine Zeit mit unseren Kindern zu verbringen, sondern zusammen mit anderen. Und das geht derzeit nicht. Drittens wurde den Eltern in letzter Zeit immer deutlicher vermittelt, dass die Bildung ihrer Kinder eigentlich nicht früh genug beginnen kann und wie wichtig sie ist. Dazu gehört auch, dass alles ein „pädagogisches Event“ sein muss. Scheinbar effektfreie Spiele wie Topfschlagen oder Ähnliches sind nicht mehr beliebt.  Und wenn ein Kind Geburtstag feiert, wird oft professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Viele Eltern trauen sich die Verantwortung einfach nicht mehr alleine zu, wollen perfekte (Bildungs-)Angebote für ihre Kinder schaffen oder haben einfach nicht die Zeit, zu Hause alles zu organisieren.

Und jetzt müssen wir selbst ran, ohne jede Möglichkeit des Outsourcings ...

Greubel: Ja, wir sind es einfach nicht gewöhnt, so viel Zeit mit der engsten Familie zu verbringen und die Erziehung und Betreuung der Kinder komplett selbst in die Hand zu nehmen. Wenn Eltern sich das selbst nicht zutrauen, oder es ihnen nicht zugetraut wird, kann es zu einer sogenannten self-fulfilling-prophecy kommen, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Am Ende der traurigen Entwicklung kann die Überforderung mit den eigenen Kindern stehen. In dem Fall ist wichtig, dass Eltern entsprechende Hilfsangebote wahrnehmen!

Welche Faktoren können diese Negativspirale beschleunigen?

Greubel: Mit der derzeitigen Situation lastet wirklich sehr viel auf den Familien. Negativ kann sich der eigene Anspruch und das Gefühl einer stetigen Überforderung auswirken: Neben der vom Arbeitgeber erwarteten Produktivität im Homeoffice sind die Eltern bei sehr stark eingeschränktem Bewegungsradius für das Betreuungs- und Bildungsangebot der Kinder verantwortlich. Alles in allem eine große Belastung, die zu frustrierenden Situationen führen kann.

„Es ist eine Illusion, im Homeoffice
bei gleichzeitiger Betreuung kleiner Kinder
genauso produktiv zu sein wie sonst“

Wie lässt sich dies verhindern?

Greubel: Sowohl Eltern als auch Arbeitnehmer und Lehrer sollten ihre eigenen Ansprüche überdenken und prüfen, was wichtig und realistisch ist und was nicht. Zunächst einmal ist es eine Illusion, im Homeoffice bei gleichzeitiger Betreuung kleiner Kinder genauso produktiv und schnell zu sein wie sonst. Wer das nicht weiß, dem fehlt der Praxistest. Auch der Wunsch nach der optimalen Begleitung der Kinder beim Homeschooling erzeugt enormen Druck bei den Eltern. Aber auch da sollte das Gefühl unterdrückt werden, alles perfekt machen zu wollen. In normalen Zeiten, wenn wir Erwachsenen auf der Arbeit sind und die Kinder in der Schule, können wir auch nicht in Echtzeit kontrollieren, wie effektiv unsere Kinder lernen. Ich glaube nicht, dass ein Kind die Klasse wiederholen muss, nur weil es jetzt mit dem Homeschooling nicht so toll klappt. Wir sollten Vertrauen in die Lehrer und deren Augenmaß haben, bei Schwierigkeiten den Kontakt zu der Schule suchen und nicht Angst haben, dass das eigene Kind das Einzige ist, welches Schwierigkeiten hat.

Wie kommen wir mit den Kindern zu Hause gut durch den Tag?

Greubel: Da Kinder durch Kita und Schule an eine gewisse Struktur gewöhnt sind, ist es sinnvoll, diese grob beizubehalten. Zur gewohnten Zeit aufstehen, frühstücken, Schul- oder Spielzeit, je nach Alter. Schulkinder sollten sich einen individuellen Lernplan mit Pausenzeiten und Unterbrechungen gestalten. Kita-Kinder sind aus meiner Sicht besonders spannend: Sie verstehen manchmal besser als Erwachsene, warum neue Regeln entstehen, und tolerieren ab einem bestimmten Alter oft auch einen Belohnungsaufschub. Das heißt, wenn sie sich darauf verlassen können, dass die Mutter in einer Viertelstunde mit Verstecken spielt, sind sie häufig in der Lage, sich in der Zwischenzeit selbst zu beschäftigen.

„Es schadet den Kindern nicht,
wenn sie sich mal langweilen. Daraus
entwickeln sie viele kreative Ideen“

Aber das klappt doch nicht immer?

Greubel: Nein, natürlich nicht, das ist auch abhängig vom Temperament des Kindes. Wir brauchen für die neue Situation eine Eingewöhnungszeit, anfangs wird es ruckeln und auch mal Krach geben. Das ist normal und OK. Wichtig ist auch hier, dass wir unseren Perfektionismus und den Super-Eltern-Anspruch in den Griff bekommen. Eltern müssen beispielsweise erleben, dass ihr Nachwuchs trotz einer pädagogisch wertvollen Backaktion oder eines virtuellen Museumsbesuchs unausgeglichen ist – auch für die Kinder ist die jetzige Situation völlig ungewohnt. Viele wollen lieber in die Kita, zur Schule oder sich mit ihren Freunden treffen und sind verwirrt, dass das im Moment nicht geht. Wichtig ist, dass die Erwachsenen das nicht persönlich nehmen, sondern die Empfindungen der Kinder spiegeln: „Ich kann verstehen, dass du frustriert bist, ich fühle genauso.“ Das verbindet und vermittelt dem Kind: „Zusammen kriegen wir auch das hin“ – was sehr wichtig in einer Situation ist, in der alle angespannt und nervös sind. Wir sollten versuchen, gelassen zu bleiben, unseren Kindern Mut zusprechen und bei all dem Durcheinander in der Welt zu Hause für sie ein wohlwollendes Klima schaffen.

OK, der virtuelle Museumsbesuch kommt vielleicht nicht so gut an. Was dann?

Greubel: Es hilft, sich an das zu erinnern, was wir früher gerne gemacht haben, die sogenannten einfachen Sachen. Zum Beispiel im Wohn- oder Kinderzimmer eine Höhle bauen oder Türme aus allen möglichen Sachen – egal, wie es danach dort aussieht. Kita-Kinder übernehmen auch gerne kleine Hilfsausgaben im Haushalt, zum Beispiel die passenden Socken von der Wäscheleine zusammenzusuchen und vielleicht schon zu zählen – das ist frühkindliche Bildung par excellence. Und neben den verschiedenen Bildungsangeboten sollten wir den Kindern in diesen verrückten Zeiten auch gestatten, einfach mal auf dem Sofa rumzuhängen, dort eine Pizza zu essen und mit uns zusammen pädagogisch ganz und gar sinnfreie Filme zu sehen. Und es schadet den Kindern auch nicht, wenn sie sich zwischendurch mal langweilen. Daraus entwickeln sie wieder viele neue kreative Ideen.

Wie lange können Eltern und Kinder diese Ausnahmesituation aushalten?

Greubel: Da bin ich ganz zuversichtlich. Haben sich die neuen Strukturen und Rituale erst einmal etabliert, werden die Familien sicher einen guten Weg finden, mit der Situation auch länger umzugehen. Und wer weiß, vielleicht wird dann auch der nächste Kindergeburtstag wieder zu Hause und nicht im Museum gefeiert.