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Gebetsräume an Hochschulen: Mit Allah auf dem Campus

Gebetsräume an Hochschulen : Mit Allah auf dem Campus

An der Uni Bonn gibt es sie nicht, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg schon: Gebetsräume an Hochschulen werden bundesweit diskutiert. Kompromisse sind dabei selten.

Mustafa Yousef, ein in Bonn geborener Informatikstudent, lernt gern in der Unibibliothek an der Adenauerallee. Als gläubiger Muslim fühlt er sich zu festen Tageszeiten zum Beten verpflichtet und wünscht dafür einen besonderen „Gebetsraum“ in der Bücherei. Seiner Petition im Internet haben sich bislang mehr als 1700 Unterzeichner angeschlossen. Aber Bibliotheksdirektorin Renate Vogt hat schon klar abgelehnt. Sie sagt: „Religion ist Privatangelegenheit. Wir haben hier ja auch keinen Raucher- oder Yoga-Raum.“

Aber offenbar ist es mit diesem Vergleich nicht ganz so einfach. Der „Rat muslimischer Studierender und Akademiker“, ein Zusammenschluss von rund 40 lokalen Vereinigungen (an fast jedem vierten Standort von Unis und FHs), verweist auf das Bundesverfassungsgericht, wonach die weltanschauliche Neutralität des Staates nicht mit einem prinzipiell areligiösen Standpunkt zu verwechseln ist; vielmehr soll der Staat nicht zuletzt auch in seinen Hochschulen die Glaubensfreiheit unterstützen – anders als das Rauchen oder Yogaübungen.

Yousef findet mehr Verständnis, wenn er bei den Lehrveranstaltungen an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist. Dort gibt es einen „Raum der Stille“, geschnitten wie ein Tortenstück, in der Spitze ein Fenster. Das Zimmerchen ist vielleicht acht Quadratmeter groß und ausgelegt mit Teppichboden zum Niederknien; bis auf eine Schuhablage für ein paar Personen ist der Raum unmöbliert, der einzige Wandschmuck ein kleinrahmiges Bild von Mekka. Jeder, der will, hat Zutritt, also auch Atheisten. Derjenige muss sich nur den Schlüssel beim Pförtner holen.

Das leuchtende Vorbild für Gebetsorte von Muslimen an Hochschulen ist die vor 50 Jahren auf dem Gelände der Technischen Hochschule Aachen errichtete Bilal-Moschee, damals von der Uni, der Stadt und nicht zuletzt ausländischen Geldgebern als Wahrzeichen akademischer Internationalität gefördert. Demgegenüber sind „Räume der Stille“ an manchen Fachhochschulen wie beispielsweise auch in Koblenz oder Mainz und einigen Unis wie in Düsseldorf, Frankfurt oder Göttingen bekenntnisneutrale Kompromisse. „Ein Raum der Stille“, wie ihn die Uni Köln zum kommenden Wintersemester anbietet, sei laut ihrem Sprecher Patrick Honecker „überhaupt kein Gebetsraum“, sondern ein Bereich zum bloßen Abschalten. Da darf dann, anders als an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, eigentlich auch kein Bild von Mekka mehr an der Wand hängen.

Die Uni Bonn kommt bislang ohne eine geistige Still-Zone aus. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) hat das Thema vor ein paar Jahren in einem Berichtsheft (BASTA Nr. 669) pro und contra, aber vorwiegend skeptisch abgehandelt. Eine bekennende Muslima schrieb: „Ich finde, dass die Auslebung des persönlichen Glaubens in der Bibliothek und der Universität nichts zu suchen hat. Meinen Glauben lebe ich zuhause und in der Moschee-Gemeinde.“ Die stellvertretende AStA-Vorsitzende meinte: „Die Universität ist kein Ort, um seine Religiosität offensiv zur Schau zu stellen.“

Alles andere wäre ein historischer Rückschritt, wie ein Blick in die Geschichte der Bonner Uni zeigt: Bei ihrer Gründung 1818 stellte der preußische König und Namensgeber Friedrich Wilhelm III. der früheren katholischen Hofkapelle und nunmehrigen Schlosskirche den Auftrag, „die studierende evangelische Jugend zu einem frommen Leben anzuhalten“. Formell gehört die Kirche bis heute zur Uni, der Rektor hat das Hausrecht. Allerdings haben die Hochschulgemeinden der Protestanten, Katholiken und anderer Religionen ihre Versammlungs- und Gebetsräume heute alle außerhalb der Universität.

Mit der räumlichen Trennung zwischen den zwei Welten des festen religiösen Glaubens einerseits und des immerwährenden wissenschaftlichen Zweifelns andererseits vermeiden die Hochschulen enttäuschende Konflikte. Das zeigen gerade jüngste Erfahrungen. „Wir sehen den Versuch, einen neutralen und allen Glaubensrichtungen zur Verfügung stehenden “Raum der Stille„ zu schaffen, leider als gescheitert an“, erklärte Mitte Februar die Sprecherin der TU Dortmund. Muslimische Studenten hatten den Raum in ihrem Sinne umdekoriert und wie in der Moschee für Männer und Frauen aufgeteilt. „Dieses Vorgehen läuft der im Grundgesetz verbürgten Gleichberechtigung zuwider“, so die Uni-Sprecherin.

Nach ähnlichen Beschwerden schließt jetzt ebenfalls die Uni Duisburg-Essen zwei nur von Muslimen genutzte Gebetsräume. Mitte März hatte auch die TU Berlin das Freitagsgebet, das laut Unipräsident in einer Turnhalle „zwischen der Yoga-Gruppe und einem HipHop-Kurs“ mit durchweg 500 Besuchern stattfand, untersagt. Dort hatten Imame gepredigt, für die sich sogar der Verfassungsschutz interessierte.

Offenbar ist Allah heute nicht mehr allseits so willkommen wie noch vor einem halben Jahrhundert auf dem Campus in Aachen.