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Interview: Soziologin untersucht den rheinischen Straßenkarneval

Interview mit Soziologin : Warum im rheinischen Karneval eigene Regeln gelten

Die Soziologin Yvonne Niekrenz hat in ihrer Dissertation den rheinischen Straßenkarneval untersucht. Ihre Bilanz: Einmal im Jahr über die Stränge zu schlagen, macht gesellschaftlich durchaus Sinn.

Alaaf! Die Rostocker Soziologin Yvonne Niekrenz hat den rheinischen Straßenkarneval wissenschaftlich untersucht. Ihre Dissertation heißt „Rauschhafte Vergemeinschaftungen“. Warum das Karnevalfeiern etwas Rauschhaftes hat und wieso es gesellschaftlich durchaus Sinn macht, in der fünften Jahreszeit über die Stränge zu schlagen, erklärt sie im Gespräch mit Bettina Thränhardt.

Wie sind Sie zum Thema rheinischer Straßenkarneval gekommen?

In Ihrer Dissertation hat die Soziologin Yvonne Niekrenz den rheinischen Straßenkarneval untersucht. Foto: Silke Paustian

Yvonne Niekrenz: Mich hat interessiert, warum Menschen bei bestimmten Gelegenheiten Konventionen hinter sich lassen und es auch zu einem intensiven Gefühl von Gemeinschaft kommt, obwohl man sich (noch) gar nicht kennt. Dazu gehört auch der Überschwang, vielleicht mal so ein bisschen über die Stränge schlagen, die Affekte nicht so kontrollieren wie im Alltag. Das ist eine echte Außer-Alltäglichkeit, die da stattfindet.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang ja auch von „rauschhafter Vergemeinschaftung“. Was meinen Sie denn genau damit?

Niekrenz: Mit Vergemeinschaftung meine ich ein intensives Wir-Gefühl und eine Zusammengehörigkeit, die zumindest für die Zeit des Events dauert. Das rauschhafte Element ist im Grunde so eine Art Entrückung von der Alltagswelt. Man lässt den Alltag mit seinen Regeln hinter sich, das heißt zum Beispiel, dass man Alkohol schon morgens um elf trinkt, das heißt aber auch, dass man einander duzt, obwohl man sich sonst eher siezen würde. Das heißt auch eine Art der körperlichen Nähe, man hakt einander unter und schunkelt oder gibt Bützjer oder so.

Worin zeigt sich der Rausch noch?

Niekrenz: Ein ganz wichtiges Element von Karneval sind die Kostüme, die ja auch sozusagen von der Alltagswelt ablösen. Man ist ein anderer oder stellt eine andere Person dar. Mit dem Rauschhaften hängt aber auch eine gewisse Manipulation zusammen, beispielsweise durch Alkohol, an dem ich mich natürlich auch berausche. Aber auch die Kostüme, das Bunte, das Tanzen, die körperliche Nähe zu anderen, alles das sind Elemente des Rauschhaften.

Karneval ist also ein Ausnahmezustand. Warum braucht der Mensch den ab und zu?

Niekrenz: Ich würde zum einen auf einer individuellen Ebene gucken: Warum braucht das Individuum das? Zum anderen würde ich auf einer sozialen, gesellschaftlichen Ebene gucken. Der Mensch als Individuum braucht es sicherlich, um sich ablösen zu können, ablösen zu dürfen vom Alltag. Das sind ja gewissermaßen Ausnahmen oder Enklaven von der Alltäglichkeit, die auch mal entlasten von Zwängen und Verpflichtungen im Alltag, die es ermöglichen, Regeln zu übertreten oder über das Übliche hinaus zu gehen.

Welche Bedeutung hat der Ausnahmezustand auf gesellschaftlicher Ebene?

Niekrenz: Auf einer gesellschaftlichen Ebene kennen wir solche Zeiträume des Außer-Alltäglichen schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte. Das Feiern gehört eigentlich für alle Kulturen dazu. Es muss immer auch Zeiträume des Feierns, des Überschwangs und des Außer-Alltäglichen geben, weil sich dort Gemeinschaft und letztendlich auch Gesellschaft wieder erneuern kann. Dazu gehört auch, dass Regeln übertreten werden. In dem Moment, wo die Regeln übertreten werden, werden sie ja gerade als solche sichtbar. Und indem man sagt, dass am Aschermittwoch alles wieder vorbei ist, werden sie letztlich auch anerkannt.

Sie waren in verschiedenen
Orten im Rheinland unterwegs. Welche regionalen Unterschiede gibt es denn da?

Niekrenz: Der augenfälligste Unterschied besteht sicherlich zwischen den Metropolen und den ländlichen Regionen. Die Karnevalsmetropolen sind Anlaufpunkt für Touristen, das bedeutet eine andere Inszenierung eines karnevalistischen Selbst. Die Vereine in ländlichen Gebieten können durch das andere Publikum letztlich einen anderen Straßenkarneval auf die Beine stellen als das zum Beispiel in Köln der Fall ist, wo mit Absperrgittern und so weiter gearbeitet werden muss, auch einfach aus Sicherheitsgründen. Das hat schon eine andere Dimension. Im Ländlichen ist es Straßenkarneval zum Anfassen, die Leute kennen einander, sie freuen sich, dass sie auf die Straße kommen und einander treffen.