Alanus-Ringvorlesung über die Liebe : Heimatliebe - eine schwierige Beziehung

Alanus-Ringvorlesung über die Liebe : Heimatliebe - eine schwierige Beziehung

Professor Thomas Schmaus setzt sich bei der Alanus-Vorlesung mit der Heimatliebe auseinander. GA-Redakteur, Musiker und Heimatexperte Jörg Manhold ergänzt das Programm.

„Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.“ Mit diesen Worten hat Martin Walser 1967 einen Begriff abgelehnt, für den eigentlich gar keine klare Definition existiert. Was ist schon Heimat? Ein Ort oder auch ein Gefühl der Sicherheit und der Vertrautheit, der für die eigene Identität prägend war? Oder engt Heimat ein, weil sie alles ausgrenzt, was an neuen Impulsen hineinzudrängen versucht, weil sie sich Veränderungen widersetzt und auf Traditionen vertraut? Ist sie vielleicht all das gleichzeitig, eine Münze mit zwei Seiten? Oder noch mehr?

Sie ist nicht einfach zu greifen, die Heimat, schon gar nicht in einer Zeit, in der mal wieder Kräfte vom politisch rechten Rand an ihr zerren und sie zu vereinnahmen suchen – und so ist auch der Begriff der Heimatliebe alles andere als unproblematisch. Diesem Dilemma will sich nun Professor Thomas Schmaus annehmen, der im Zuge der Ringvorlesung an der Alanus Hochschule an diesem Mittwoch, 30. Oktober, den Themenkomplex aus philosophischer Sicht betrachten und dabei im Gespräch mit dem GA-Redakteur, Musiker und Heimatexperten Jörg Manhold verschiedene Dimensionen der Heimat unter die Lupe nehmen wird.

„Die Heimatliebe ist in Deutschland unheimlich aufgeladen, positiv wie negativ“, konstatiert Schmaus. „Das hat natürlich mit dem Missbrauch des Heimatbegriffes in der Nazizeit zu tun, oder auch mit krampfhaftem Festhalten an Traditionen.“ Dazu komme eine gewisse Unschärfe des Begriffs, der schnell missverstanden werde. „Viele Kritiker verbinden Heimatliebe mit Patriotismus und darüber mit einem wie auch immer gearteten Nationalstolz, dabei ist dieser nationale Ansatz eigentlich sekundär. Primär hat Heimatliebe einen Regionalbezug“, sagt der Philosophie-Professor. 

Jede Gegend hat ihre Besonderheiten und Eigenarten, ihre speziellen Bräuche und Rituale und oft auch einen eigenen Dialekt, kurzum zahlreiche kleine und große Geheimnisse, die sich nur den Eingeweihten erschließen und dank derer sich eine Gemeinschaft mehr oder weniger stark von anderen abgrenzt. Für manche gilt: Nur wer diese Informationen quasi mit der Muttermilch einsog, kann sich als vollwertiges Mitglied fühlen. Doch nur jene Regeln, die ohne Zwang ausgeübt werden, bleiben ein Leben lang in guter Erinnerung. „Vor allem junge Menschen wollen ja irgendwann ausbrechen“, erklärt Schmaus. „Wenn dann Heimat in erster Linie mit erstarrten Denk- und Verhaltensweisen assoziiert wird, bekommt das Wort eine negative Färbung. Vermisst man hingegen liebgewonnene Traditionen, hat man ein eher positives Bild.“

Ohnehin sind Verlustgefühle eine der zentralen Triebfedern für ein sich entwickelndes Heimatgefühl. „Viele Menschen haben Angst davor, den narrativen Rahmen für die frühesten Erzählungen über die eigene Person zu verlieren“, so Schmaus. „Das kann durch Entwurzelung entstehen, aber auch Zuwanderung wird als Gefahr für die gewohnte Lebensart gesehen, was vor allem rechtsradikale Kräfte ja leider immer wieder ausnutzen. Dabei ist es für Heimat essenziell, dass sie sich verändern darf. Das haben auch die Bläck Fööss verstanden, die in ‚En unserem Veedel‘ den Wandel der Stadt Köln Anfang der 70er Jahre thematisieren und letztlich zu dem Schluss kommen, dass der Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Viertel nicht durch ein paar neue Hochhäuser, neue Mitbürger oder neue Einflüsse zerstört wird.“

Eine wichtige Schlussfolgerung, die das jeweilige Heimatbild nur stärken kann – und zumindest in der Musik findet derzeit genau das statt. Aufgebohrte bayrische Blasmusik sorgt für Party-Stimmung, Alphörner treffen auf Techno-Beats, Dialekte auf Grooves aus der ganzen Welt. „In der Soziologie gibt es dafür den Begriff der Glokalisierung“, führt Schmaus aus. „Weltoffenheit und Respekt verbinden sich mit einer regionalen Verwurzelung. Daraus kann wirklich etwas Schönes entstehen.“

Aufgrund des starken Interesses haben die Veranstalter die Vorlesung am Mittwoch ab 19.15 Uhr in das Foyer des Campus II in der Villestraße in Alfter verlegt.

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