Welchen Einfluss hat Mindset auf Geburt? : Bonner Doktorandin untersucht Psychologie der Entbindung

Die Bonner Doktorandin Lisa Hoffmann erforscht, wie Einstellungen und Denkweisen die Entbindung beeinflussen können. Auch zeigt sie in ihrer Studie, dass ein positives Geburtserlebnis ein glückliches Wochenbett der Mütter begünstigt.

Lisa Hoffmann ahnt bereits, was einige ihr vorwerfen werden. In Gesprächen mit anderen Frauen hat sie das schon das eine oder andere Mal erlebt. „Du meinst also, „natürlich“ sei gut und „mit medizinischer Hilfe“ sei nicht so gut, heißt es dann manchmal. Nein, das meint sie nicht. Ihr Forschungsgebiet ist ganz nah dran am Leben – beschäftigt sich genau genommen mit dessen Anfang –; persönlicher und intimer geht es also kaum.

„Gerade beim Thema Geburt, und wie diese verläuft, haben viele Frauen das Gefühl oder die Sorge, bewertet zu werden“, sagt Hoffmann. Das will die Diplom-Psychologin von der Bonner Uni mit ihrer Studie ausdrücklich nicht. Ihr geht es darum herauszufinden, wie das „Mindset“ (also Denkweisen, Ansichten und Verhaltensmuster) die Schwangerschaft, die Geburt selbst und das Wochenbett beeinflussen.

Dazu hat sie rund 320 Paare über mehrere Monate in verschiedenen Fragebögen um Antworten gebeten. Bekommen hat sie die gewünschten Angaben von 311 Frauen und 304 dazugehörigen Partnern. „Eine sehr gute Quote, wir hatten kaum Aussteiger“, sagt die 33-Jährige. Für ihre Studie, die zum Teil in ihre Dissertation einfließt, gab es rund 100 000 Euro Förderung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Da es laut Hoffmann derzeit noch kaum psychologische Untersuchungen zur Geburt gibt, begann sie damit, erstmal das geburtsbezogene Mindset zu definieren. Sie geht davon aus, dass das Mindset zwei Ausprägungen haben kann: „natürlich“ und „medizinisch“. Das „natürliche“ bezieht zwar mit ein, dass eine Geburt in Ausnahmefällen mit Risiken verbunden, aber in der Regel ein natürlicher Vorgang ist, der (wenn überhaupt) nur wenig Unterstützung benötigt. Das „medizinische“ Mindset hingegen kalkuliert die Risiken stärker mit ein und sieht in einer Geburt einen eher medizinischen Vorgang, der nur mit Hilfe von medizinischen Interventionen bewältigt werden kann.

Die Ergebnisse der Studie bekräftigten Hoffmanns ursprüngliche Annahme, dass sich die Erwartungen an die Geburt auf deren Verlauf auswirken. „Es hat sich gezeigt, dass Frauen, die ein natürliches Mindset in der Schwangerschaft hatten, auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine sogenannte »normale« Geburt hatten“, sagt die Psychologin. „Normal“ heiße in dem Fall nach feststehendem Index: keine PDA (Verfahren zur Betäubung von Rückenmarksnerven), keinen Dammschnitt, keine wehenverstärkenden Mittel unter Geburt, keine vaginal-assistierte Geburt, keinen Kaiserschnitt. Frauen mit medizinischem Mindset hingegen hätten eine höhere Wahrscheinlichkeit für medizinische Interventionen bei der Geburt gehabt. Etwa 40 Prozent der Studienteilnehmerinnen berichteten von einer „normalen“ Geburt, 60 Prozent von einer mit den genannten Interventionen. Von allen Antwortgeberinnen haben rund 20 Prozent ihre Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht.

Dass die Rate damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (knapp über 30 Prozent) liegt, erklärt Hoffmann damit, dass an ihrer im Internet beworbenen Umfrage vielleicht eher Frauen mit natürlichem Mindset teilgenommen hätten. Letzteres sei übrigens nichts, wofür oder wogegen man sich frei und bewusst entscheide. „Wir gehen eher davon aus, dass es sich aus eigenen Erfahrungen, Geburtsberichten von anderen und dem gängigen gesellschaftlichen Bild entwickelt“, sagt die Mutter von zwei Töchtern.

Frauen entschieden sich häufig auch gar nicht bewusst von vornherein für eine Geburt mit medizinischer Hilfe. Jedoch könne es durchaus sein, dass eine Schwangere mit einem medizinischen Mindset automatisch eher die Risiken einer Entbindung in den Blick nehme und sich unter der Geburt dann geburtshinderliche Emotionen entwickelten, wie zum Beispiel Ängste. Diese führten dann möglicherweise zu einer Adrenalinausschüttung und einer Hemmung der Oxytocinausschüttung, was dann wiederum eine Intervention nötig mache. Oxytocin ist ein im Gehirn produziertes Hormon, das eine wichtige Bedeutung beim Geburtsprozess einnimmt. Es bringt die Gebärmutter dazu, sich zusammenzuziehen und damit Wehen auszulösen.

Aber nicht nur das Mindset interessierte Hoffmann, sondern auch der mögliche Zusammenhang zwischen dem sogenannten Geburtserlebnis und dem Wohlbefinden im Wochenbett: Frauen mit einem positiven Erleben der Entbindung berichteten häufiger über ein
glückliches Wochenbett und eine starke Mutter-Kind-Bindung als Frauen, die während der Geburt große Ängste und übermäßigen negativen Stress hatten. „Die Ergebnisse der Studie legen auch nahe, dass Frauen mit einem negativen Geburtserlebnis eine höhere Wahrscheinlichkeit für postpartale Depressionen haben“, so Hoffmann.

Eine öffentliche Ergebnispräsentation ihrer Untersuchung mit weiteren Fachvorträgen zur „Psychologie der Geburt“ hat die Doktorandin für den 20. März geplant (siehe Kasten). Ihre Arbeit zum Thema wird sie fortsetzen. So ist nach ihrer Ansicht zum Beispiel noch mehr Forschung zur Entwicklung des Mindsets notwendig – und auch darüber, ob es sich potenziell verändern lässt. „Mich interessiert vor allem, wie sich die Ergebnisse sinnvoll in der Praxis etablieren lassen, um Frauen ein möglichst positives Geburtserlebnis zu ermöglichen“, sagt sie. „Denn die Studie zeigt, wie wichtig dies für das kurz- und längerfristige psychische Wohlbefinden ist.“