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Wie sag ich's meinem Kind?: Erste Hilfe bei Schreckensmeldungen

Wie sag ich's meinem Kind? : Erste Hilfe bei Schreckensmeldungen

Die Bonner Entwicklungspsychologin Una Röhr-Sendlmeier erklärt, wie Kinder schlimme Nachrichten verarbeiten. Ein Patentrezept gibt es allerdings nicht.

Selbst als Erwachsener hat man an manchen Tagen das Gefühl, die Welt sei aus den Angeln gehoben. Durch die Digitalisierung ist sie kleiner geworden, und nahezu aus jedem Winkel erreichen uns Nachrichten, Bilder und Videos von Unglücken, Naturkatastrophen und schlimmsten Verbrechen. Eine Distanz zu den Krisen ist kaum mehr spürbar. Erst recht, wenn sich die Dinge in der eigenen Stadt abspielen und Kinder Opfer sind, so wie vor einer Woche beim Familiendrama in Plittersdorf.

Wie reagieren Kinder auf solche Nachrichten? Sollen Eltern sie unbedingt davor schützen oder sie zulassen? Was ist zuträglich, was schadet? Die Unsicherheit vieler Eltern im Umgang mit Schreckensmeldungen ist für die Entwicklungspsychologin Professorin Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn nachvollziehbar: „Kinder wollen viel über ihre Umwelt wissen, sie wollen mitreden und suchen nach Erklärungen für ihre Fragen. Dabei spielen die Medien eine große Rolle.“

Wie genau solche Nachrichten auf Kinder wirken, hänge vom jeweiligen Alter, dem Entwicklungsstand, Wissen und sozialem Umfeld ab. Vorschulkinder von vier bis sechs Jahren beispielsweise haben häufig noch Verständnislücken. „Was sie nicht verstehen, ergänzen sie mit eigenen Erklärungen, die ihrer Erfahrung und auch ihrer Fantasie entspringen, und speichern das so ab. Und: Das, was sie aktiv ergänzen, bleibt länger im Gedächtnis des Kindes.“

Differenziertere moralische Bewertungen, wie sie Erwachsene bei der Verarbeitung von Informationen über ein Verbrechen vornehmen, können jüngere Kinder noch nicht leisten. Als Beispiel führt die Entwicklungspsychologin die Tat eines Mannes an, der seine Kinder aus dem Fenster im dritten Stock warf. Während Erwachsene sich gleich nach den Gründen für sein Verhalten fragen, fassen Kinder je nach Entwicklungsstand diese Nachricht nicht alle als Schreckensmeldung auf.

Verstörende Erkenntnis

„Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren können eine solche Nachricht noch naiv als Beschreibung einer skurrilen und lustigen Anekdote ansehen. Kinder im Grundschulalter nehmen eher als Information auf, dass ein Vater durchaus seine Kinder aus dem Fenster werfen kann.“ Für diese Gruppe könne diese Erkenntnis bedrohlich und verstörend wirken. „Sind die Kinder schon elf, zwölf Jahre alt, begreifen sie die Regelverletzung gegen die Fürsorgepflicht des Vaters und die Gefährlichkeit der Tat, fragen bereits nach den Motiven und Folgen des Handelns“, sagt Röhr-Sendlmeier.

Die Wirkung von Nachrichten sei sehr stark von der Auswahl der Bilder abhängig, die diese begleiten. Dabei gibt es große Unterschiede. „Je plastischer und realistischer die Bilder sind, desto eindringender, erschreckender und faszinierender sind sie für Kinder.“ Grundsätzlich sei es so, dass bewegte Bilder, also Filme und Informationen aus dem Fernseher, intensiver wirken als gelesene.

„Schreckensnachrichten werden durch Bilder in ihrer Wirkung drastisch gesteigert. Sehen Kinder einen Film über eine Überschwemmung, wo ganze Landschaften unter Wasser stehen, Menschen erkennbar in Not oder Panik sind, wirkt das für sie bedrohlich.“ Lesen Kinder aber davon, dann denken sie bei Überschwemmung möglicherweise an eine Badewanne, die überläuft. „Eine überlaufende Badewanne wirkt dann längst nicht so bedrohlich wie Ortschaften, die unter Wasser stehen, wo Menschen in Gefahr sind und Häuser einstürzen“, sagt die Entwicklungspsychologin.

Was ist, wenn Kinder auf dem Schulweg mit schockierenden Schlagzeilen und Fotos aus Zeitungskästen konfrontiert sind? „Die meisten Kinder sehen das, lassen sich aber in der Regel nicht darauf ein.“ Sie schützen sich selbst, indem sie nicht weiterlesen, wenn der Inhalt sie stark ängstigt. Eltern sollten ihre Kinder nicht vorsorglich mit belastenden Nachrichten informieren, nur um sie nicht dem Halbwissen ihrer Mitschüler auszuliefern. „Wir sollten die Kinder nur dann auf das Schlechte in der Welt vorbereiten, wenn es für sie relevant ist. So ist es richtig, Kinder frühzeitig darüber zu informieren, dass sie nicht mit Fremden mitgehen dürfen.“

Kinder vor bedrohlichen Informationen schützen

Junge Kinder aber mit Kriegsnachrichten und -bildern zu konfrontieren, verunsichere sie, weil für sie die Schrecklichkeiten schwer zu verarbeiten sind und nicht einschätzbar ist, wie real die Bedrohung für sie selbst ist. „Deshalb ist es die zentrale Aufgabe von Eltern und Pädagogen, Kinder vor gewalthaltigen, bedrohlichen Informationen zu schützen. Unsere Forschung zeigt, dass in Familien, in denen es Regeln für den Medienkonsum gibt, die Kinder weniger diesen Eindrücken ausgesetzt sind – auch ohne direkte Beaufsichtigung.“

Der Schutz der Kinder vor belastenden Einflüssen solle jedoch nicht dazu führen, Kinder unter eine Käseglocke zu setzen. Schließlich sei es auch Aufgabe, sie zu mündigen Bürgern zu erziehen. Wenn Kinder Fragen stellen, sollen sie auch Antworten erhalten, die aber nicht mit dramatischen Inhalten überfrachtet sind. „Haben Kinder zum Beispiel vom Plittersdorfer Familiendrama erfahren, kann man ihnen ruhig erklären, dass es sich um die Tat eines sehr verwirrten, kranken und bösen Mannes gehandelt hat und dass man selbst mit solchen Menschen keinen Kontakt hat.“

Kindern spezielle Kindernachrichten und je nach Alter begleitet seriöse Tageszeitungen lesen zu lassen und Radio zu hören, sei grundsätzlich unproblematisch, sagt Röhr-Sendlmeier. Jedoch sollten die Radionachrichten nicht unbedingt beim Frühstück laufen, wenn die Eltern keine Auswahl der Inhalte treffen können. Diese Vorsichtsmaßnahmen sollen nicht die Welt beschönigen. „Bestimmte Dinge passieren; das kann man auch ruhig erklären, ohne die Kinder zu beunruhigen.“

Die Schwierigkeit, wegzusehen

Wichtig ist, Kindern Ansprechpartner zu sein und sie falls nötig zu beschützen. Dazu gehöre auch bei älteren Kindern und jungen Jugendlichen, den Zugang zum Internet einzuschränken. „Haben sie erst einmal ein Smartphone und sind auf Facebook oder WhatsApp gemeldet, wird es für Eltern schwieriger, sie zu schützen.“ Dabei sei es genau dort nötig, da der Jugendschutz oft unterlaufen werde. Brutale Bilder und Filme werden gepostet und weitergeleitet.

Für Kinder und Jugendliche ist es dann schwierig, wegzusehen. „Das Böse und Gewalt üben eine Faszination auf Kinder aus, weil das Böse oft als das Starke dargestellt wird. Das bewundern die meisten Kinder. Schwäche lehnen sie ab. Das kann folgenreich sein, weil ständige Gewalt auf Dauer zu Abstumpfung und Empathielosigkeit und zu Nachahmungen führen kann. Ähnlich wirkt auch ein hoher Konsum von PC- und Konsolenspielen mit Gewaltinhalten.“