Essay zum Studium in Bonn: Einfach irgendwas studieren

Essay zum Studium in Bonn : Einfach irgendwas studieren

Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für die Uni – mit Folgen, wie unsere Autorin Maike Walbroel weiß. Sie ist 20 Jahre alt und seit vier Jahren Studentin in Bonn. Grundsätzlich ist sie sehr zufrieden – wären da nicht die vollen Hörsäle und viele unmotivierte Kommilitonen, die mit ihren Grundsatzfragen ganze Seminare aufhalten. Oft fühlt sie sich dann in ihre Schulzeit zurückversetzt.

„Wie viele Kursteilnehmer haben ein NRW-Abitur?“ Als sich bis auf zwei Studierende alle melden, seufzt der Dozent. „Das dachte ich mir. Also fangen wir ganz von vorne an.“ Äußerungen der Resignation wie diese sind kein Einzelfall. Viele Lehrende an Universitäten haben die Erfahrung gemacht, dass immer mehr junge Leute studieren, denen selbst grundlegendes Wissen aus der Schule fehlt.

Gerade das NRW-Abitur steht im Verdacht, besonders leicht zu sein. Wirklich verallgemeinern kann man dies natürlich nicht – aber an der Uni zeigt sich rasch, mit welchen unterschiedlichen Voraussetzungen Abiturienten ihr Studium beginnen. Während die einen von einem Bachelor-Studiengang enttäuscht sind, in dem sie sich kaum mit Inhalten auseinandersetzen, ist so mancher Kommilitone schon damit überfordert, die mit römischen Zahlen bezeichneten Hörsäle zu finden.

Manche Studenten können keine römischen Zahlen lesen

Wenn immer mehr Schüler eines Jahrgangs das Abitur erwerben und eine Ausbildung überhaupt nicht in Erwägung ziehen, bedeutet das zwangsläufig, dass auch viele junge Leute ein Studium aufnehmen, die dafür schlichtweg nicht geeignet sind. Wissen – oder in diesem Fall: mangelndes Wissen – ist natürlich kein Kriterium. Wissen lässt sich auch nachträglich erwerben, dafür ist ein Studium da. Aber wenn die Bereitschaft fehlt, Wissenslücken selbstständig zu füllen, sich zu informieren und gegebenenfalls etwas mehr Zeit zu investieren, dann lässt das doch sehr daran zweifeln, ob für den- oder diejenige(n) ein Studium tatsächlich das Richtige ist.

Jahr für Jahr gibt es weniger Schulabgänger, aber Jahr für Jahr erhalten immer mehr junge Leute das Abitur. Laut einem Bericht des Spiegel sind im vergangenen Jahr von bundesweit angebotenen 520.000 Lehrstellen rund 41.000 unbesetzt geblieben. Weil der Großteil eines Jahrgangs studieren kann und ein Studium so zur Norm wird, schließen viele eine Ausbildung von Anfang an kategorisch aus. Wem vermittelt wird, dass man mindestens einen Bachelor-Abschluss braucht, um genug zu verdienen, der überlegt nicht lange – zumal der Großteil der immer jünger werdenden Abiturienten noch unentschlossen ist, wie es weitergehen soll.

Während es unter jungen Leuten vollkommen legitim ist, keinen Zukunftsplan zu haben außer einem vagen „Ich will irgendetwas studieren“, belächeln viele ihre Altersgenossen, die eine Ausbildung anstreben. Allgemeiner Tenor: „Wie kann man etwas tun, wofür man überqualifiziert ist?“ – das ist die Haltung vieler Abiturienten gegenüber einer Ausbildung.

Abgesehen davon, dass es in vielen Ausbildungsberufen an qualifiziertem Nachwuchs fehlt und auf der anderen Seite auch nicht so viele Akademiker gebraucht werden, sind viele Studierende frustriert. Beinahe jeder Dritte bricht sein Studium ab. Dazu zählen Studierende, die ihr Fach wechseln, aber eben auch jene, die – oft erst nach einigen Semestern – bemerken, dass ein Studium einfach nichts für sie ist.

Vom Studium überforderte Studenten bremsen die anderen

Mit Mitte 20 ist es aber schwieriger, sich umzuorientieren und die Hemmschwelle höher, doch noch eine Ausbildung zu beginnen; wer sein Studium abbricht, fürchtet, als Versager dazustehen. Da dies aber kein Einzelfall ist, hat beispielsweise die Industrie- und Handelskammer eigene Orientierungsprogramme für Studienabbrecher entwickelt. Wie theoretisch ein Studium ist, merken viele junge Leute erst nach einigen Semestern. Bei einer Ausbildung oder einem Dualen Studium hingegen kann das Gelernte direkt angewendet werden.

Dass Studierende sich überfordert fühlen und mit ihrer Studienwahl unglücklich sind, ist aber nicht nur für sie selbst frustrierend. Sie halten mit ihren grundlegenden Fragen die anderen auf. Zur Aufgabe von Dozenten gehört es nicht, den Studierenden von einem Studium abzuraten. Langfristig verschlechtert sich so nicht nur das Klima, sondern auch das Niveau der Lehrveranstaltungen.

Würden Ausbildungsberufe bei Abiturienten beliebter, dann müssten Dozenten nicht mehr den Schulstoff wiederholen und im Germanistik-Seminar säßen deutlich weniger Studierende, die nach mehreren Semestern immer noch damit überfordert sind, das Prädikat eines Satzes zu finden. Spätestens, wenn wie vorhergesagt in 20 Jahren 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, wird es an den Unis erst recht interessant.