Station für Neugeborene: Ein Besuch auf der Neonatologie am Uniklinikum Bonn

Station für Neugeborene : Ein Besuch auf der Neonatologie am Uniklinikum Bonn

Die Frauenklinik des Universitätsklinikums Bonn ist führend im Bereich der Neonatologie. Notfälle mit Frühgeborenen oder kranken Neugeborenen sind dort der Alltag.

Das Telefon klingelt. Ein Notfall: Einlieferung einer Schwangeren in der 22. Schwangerschaftswoche. Die Mutter von ungeborenen Zwillingen hat Blutungen, ist nicht ansprechbar und der Vater ist momentan telefonisch nicht erreichbar. Das Telefonat, das Professor Andreas Müller während des Gesprächs mit dem GA erreicht, ist für ihn Alltag. Seit 2014 ist er der Leiter der Neonatologie und der Pädiatrischen Intensivmedizin im Universitätsklinikum Bonn, einer Abteilung, die mittlerweile führend in ganz Deutschland ist.

Jedes zehnte Kind wird in Deutschland vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren, etwa 10 000 gelten mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm als extreme Frühgeburt. „Die Schallgrenze liegt bei 1500 Gramm Geburtsgewicht. Wir behandeln im Jahr etwa 100 Kinder unter diesem Gewicht“, sagt Müller. „Der Schwerpunkt der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin ist in Bonn in den 90ern entstanden und war eines der ersten Zentren in Deutschland für dieses Fachgebiet. Neben den Frühgeborenen haben wir uns auch auf Neugeborene mit Fehlbildungen spezialisiert“, beschreibt Müller die Schwerpunkte.

Alleine im Jahr 2018 hatte die Frauenklinik des Universitätsklinikums Bonn (UKB) um die 2000 Geburten zu verzeichnen, 600 bis 700 von ihnen wurden als Frühgeborene oder kranke Neugeborene auf der Neonatologischen Intensivpflegestation (NIPS) versorgt. Aus ganz Deutschland kommen inzwischen die Familien, wenn bereits im Mutterleib Fehlbildungen beim Fötus festgestellt wurden, denn auf die Behandlung solcher Fälle hat man sich in Bonn spezialisiert. Diese Behandlung beginnt nicht erst nach der Geburt, denn viele Erkrankungen können durch intra-uterine Eingriffe behandelt werden oder aber (beispielsweise bei einer Wachstumsretardierung) durch eine kontrollierte frühzeitige Entbindung des Kindes. Denn so unnatürlich es auch erscheint: Manchmal kann das Kind im Inkubator besser versorgt werden als im Mutterleib.

Familien kommen aus ganz Deutschland

Das Universitätsklinikum Bonn verfügt über eine hervorragende Ausstattung und Experten auf dem Gebiet der Ultraschalltechnik. „Die Entscheidung, wann es sinnvoller ist, ein Kind früher zu entbinden, ohne ihm zu schaden, ist eine schwierige Gratwanderung und nur möglich durch die vielen sehr guten Kolleginnen und Kollegen der Pränataldiagnostik unter Leitung von Professor Ulrich Gembruch, die wir im Haus haben“, sagt Müller. „Es zeichnet uns aus, dass wir durch die große Anzahl quasi Tag und Nacht pränatale Ultraschallkontrollen durchführen können.“

Doch nicht nur hinsichtlich der medizinischen Ausstattung und des Forschungsstands sind die Neonatologen in Bonn deutschlandweit führend, sondern auch in Umgang und Einbeziehung von Eltern und Geschwistern. Ein enges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen Ärzten und Eltern ist gerade im Hinblick auf lebenswichtige Entscheidungen unbedingt notwendig und heute die Regel.

In Bonn werden die Eltern von Frühgeborenen und Kranken jedoch auch aktiv in die Behandlung ihrer Kinder einbezogen. So sollen sie kleinere Maßnahmen und Handgriffe selbst durchführen – nicht zuletzt, um auf die Versorgung des Kindes nach der Entlassung vorbereitet zu sein.

Verängstigte Eltern, die ihr Kind nur aus der Distanz im Inkubator sehen, gibt es im NIPS nicht. „Wir haben schon vor Jahren die Besuchszeiten auf der Station abgeschafft“, sagt Müller und verweist auf ein altes Schild mit den früher geltenden kurzen Besuchszeiten, das er sich zur Erinnerung aufgehoben hat. „Bei uns dürfen die Eltern rund um die Uhr bei ihren Kindern sein.“ Das gerade im Entstehen begriffene neue Eltern-Kind-Zentrum (ELKI) wird dies noch unterstützen. „Das ELKI wird viele Zimmer bieten mit maximal zwei Betten, so dass wir mehr Eltern unterbringen können und diese Rückzugsräume haben. Das wird beispielsweise den Ausbau des “Känguruhen„ ermöglichen“, so der Leiter. Dieser frühzeitige Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Eltern und Kind stabilisiert die Frühchen durch einen ruhigeren Herzschlag ebenso wie in hormoneller Hinsicht. Auch das Stillen, das Müller so früh wie möglich empfiehlt, wird durch das ELKI einfacher. „Die Neonatologie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, und es gab einige sehr wichtige Paradigmenwechsel“, erklärt er. „So können wir zum Beispiel wesentlich mehr Eingriffe minimalinvasiv vornehmen, was natürlich auch die Gefahren für die Frühchen mindert. Allerdings haben wir immer noch sehr mit Darminfektionen zu kämpfen. Hier gibt es nur kleine Fortschritte und – seien wir ehrlich – das Krankenhaus ist nicht die beste Umgebung, wenn der Darm sich noch nicht schützen kann. Der beste Schutz ist Muttermilch, und es ist auch bei Frühchen ab der 24. Woche schon möglich, diese anzulegen.“

Mehr psychologische Beratung

Das neue Eltern-Kind-Zentrum des Klinikums, das planmäßig im Oktober bezogen werden soll, wird auch die psychologische Betreuung der Eltern erleichtern, denn diese wird im NIPS ebenfalls großgeschrieben. „Seit 2014 ist vorgeschrieben, dass es pro 150 Frühgeborene 1,5 Psychologenstellen geben soll. Der Bedarf ist enorm, und ich selbst bin zunehmend begeistert über die Arbeit der Kollegen“, berichtet Müller. Auch den Vätern der Kleinen, die in dieser Phase naturgemäß etwas hintan stehen, wird hier Rechnung getragen. So können sie über ein eigenes Kamerasystem von ihren Mobilgeräten aus einen Blick in die Inkubatoren werfen und so auch auf diesem Weg Anteil am Geschehen nehmen.

Seit mehr als vier Jahren ist Müller nun Leiter des Fachbereichs. Welche Situationen im NIPS haben ihn in dieser Zeit besonders berührt? „Dramen können Sie hier jeden Tag erleben. Eine sehr traurige Situation habe ich mit einem Frühchen erlebt, das bei seiner Geburt gerade einmal 250 Gramm wog. Wir haben intensiv um das Kind gekämpft, aber letzten Endes starb es nach vier Wochen. Ein Trost war für mich, dass die Mutter danach noch gesunde Kinder zur Welt brachte.“

Trotz aller Professionalität gebe es für die Ärzte immer wieder besondere Verbindungen zu Eltern und den kleinen Patienten, fügt der Professor hinzu. „Eine sehr schöne Geschichte ist die eines kleinen Mädchens, das mit einer Zwerchfellhernie zur Welt kam und einen ganz schwierigen Start hatte. Heute ist sie ein gesundes Kind und kommt immer mal wieder zu Besuch. Das sind die Erlebnisse, die mich motivieren, immer weiterzumachen. Natürlich immer in dem Wissen, dass es Grenzen gibt.“

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