Bücher nach 70 Jahren wiederentdeckt: Diese verschollenen Schätze sind zurück in Bonn

Bücher nach 70 Jahren wiederentdeckt : Diese verschollenen Schätze sind zurück in Bonn

645 verschollene Bücher sind nach rund 70 Jahren nach Bonn zurückgekehrt. Unter den Schriften finden sich wahre Schätze. Wir stellen einige von ihnen vor.

Welche Handschrift unter den jetzt nach Bonn zurückgekehrten 645 verschollenen Büchern ihr persönliches „Schätzchen“ ist? Birgit Schaper, Leiterin der Handschriftenabteilung der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB), muss nicht lange nachdenken. „Von ungeheurem materiellen und ideellen Wert ist der erste von drei Teilbänden einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert von Thomas von Aquins Summa theologica“. Damit sei diese kostbare Quelle in Bonn wieder vollständig.

Wie berichtet, konnte die Uni jetzt die Wiederkehr von 645 nach dem Krieg verschwundenen Büchern feiern. „Das war für uns natürlich wie Weihnachten. Ein Drittel unserer Verluste ist damit in der ULB zurück.“

Nach Schätzungen gingen den Bonner Instituten insbesondere durch den verheerenden Bombenangriff vom 18. Oktober 1944 bis zu 180.000 Bände unwiederbringlich verloren. Andere Bücher waren zum Schutz in Depots ausgelagert: Von dort verschwanden viele dann nach 1945 gerade in der Zeit der belgischen Besatzung.

In den letzten Jahren wurden von ehemaligen US-Soldaten oder ihren Nachkommen einzelne Bücher bereits wieder nach Bonn gebracht – aber die aktuelle Rückführung der 645 Exemplare ist natürlich als Sensation zu bezeichnen. Elf mittelalterliche und zwei neuzeitliche Buchhandschriften sind darunter, zwei mittelalterliche Urkunden des Klosters Val-dieu bei Lüttich und 39 „Inkunabeln“ (also Frühdrucke aus der Zeit 1450 bis 1500), zählt Schaper auf.

Eine spannende Detektivgeschichte

Dazu kämen gedruckte Bücher des 16. bis 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt französischsprachige Literatur. Hier seien zahlreiche vor allem ornithologische Tafelwerke zu nennen, die aus der Bibliothek des berühmten Naturforschers und Reisenden Maximilian zu Wied stammen. Die Rückführung selbst sei wie eine spannende Detektivgeschichte abgelaufen, bestätigt Schaper.

Im Herbst 2017 habe sich das Londoner Auktionshaus Sotheby’s in Bonn gemeldet: Es sei ein wertvoller Bücherschatz aus belgischem Privatbesitz aufgetaucht, den man auf Grund eines verbliebenen Signaturschilds in Bonn verorte. ULB-Dezernent Michael Herkenhoff habe sich mit ihr und einem weiteren Kollegen alsbald nach London aufgemacht, erzählt Schaper.

Einen Tag lang hätten sie alle 150 Stücke aus Belgien übergeprüft. „Wir wissen ja genau, was und wo wir es suchen müssen: also Stempel etwa auf der Rückseite des Titelblatts“, sagt die ULB-Vertreterin. Und siehe da: „Da hatte sich jemand große Mühe gegeben, alle Besitzbeweise zu tilgen. Aber wir haben trotzdem noch Spuren gefunden.“ Daraufhin habe Sotheby's den Kontakt zur Besitzerin Tania Grégoire hergestellt. „Und die ist aus allen Wolken gefallen. Wir kennen sie und glauben ihr, dass sie nichts wusste“, berichtet Schaper.

400 Bücher lagerten in Umzugskartons in einer Garage

Die nächste Recherchefahrt des Teams habe dann im Mai 2018 nach Brüssel zu Grégoire geführt. Die hatte neben Sotheby’s auch einem belgischen Auktionshaus einzelne Stücke angeboten. „Und dann zeigte sie uns ihre Garage, wo in Umzugskartons weitere an die 400 Bücher lagerten“, erinnert sich Schaper und kann es im Rückblick auch kaum mehr fassen.

„Die Rückgabe konnte dann mit der belgischen Besitzerin schnell und einvernehmlich geklärt werden“, hatte ULB-Direktor Ulrich Meyer-Doerpinghaus Mitte April erklärt. Bei der offiziellen Übergabe waren Grégoire und ihre Tochter Natacha Cadonici zu Gast.

Auf die Frage, wie viel die Bonner für die Rückgabe zahlen mussten, antwortet Schaper: Man habe sich auf eine Aufwandsentschädigung zu einem angesichts des immensen Werts „sehr geringen Betrag“ geeinigt.

Einigung ist immer besser – denn wenn sich Besitzer querstellten, müssten Bibliotheken über viele Jahre die ursprünglichen Eigentumsverhältnisse gerichtlich nachweisen. Nun müssten also die 645 guten Stücke alle gesäubert werden, damit kein Schimmel ins Haus komme. „Wir lagern Handschriften hier in extra klimatisierten Räumen.“

Einige Bände müssten sicher auch restauriert werden, fährt Schaper fort, bevor die Leser sie nutzen können. Bei wertvollen Bänden gehe das selbstverständlich nur in speziell überwachten Sonderlesesälen, erläutert sie. Und besondere „Schätzchen“ wie die lange verschollenen Handschriften? Die seien so wertvoll, dass man sie demnächst nur per Mikrofilm betrachten könne, meint Schaper. Es sei denn, es wolle jemand genau die Beschaffenheit der Originale wissenschaftlich untersuchen. Schaper stellt klar: „Es ist ein Spagat zwischen Benutzung und Sicherheit der Aufbewahrung, den wir täglich vollführen.“

Einige wertvolle Schätze

  • Eine Terentius-Handschrift des 13. Jahrhunderts in gotischer Minuskel, erworben 1818 aus der Bibliothek des Philologen Gottlieb Christoph Harleß (Signatur: ULB Bonn, S 89)
  • Ein koloriertes Gebetbuch aus dem 17. Jahrhundert aus dem Besitz des ersten Oberbibliothekars Friedrich Gottlieb Welcker (ULB Bonn, S 388)
  • Musaeus‘ „Opusculum de Herone et Leandro“, eines der ersten mit griechischen Lettern gedruckten Bücher, entstanden 1495/97 in Venedig (ULB Bonn, Inc. 810 r)
  • Eine Urkunde des Klosters Val-dieu von 1255 (ULB Bonn, Lv 1222)
  • Ein kostbares ornithologisches Tafelwerk: Die siebenbändige Ausgabe von John James Audubon „The birds of America from drawings made in the United States and their territories“ (ULB Bonn, Qa 1051)

Die ULB präsentiert ausgewählte Rückkehrer der Öffentlichkeit: an den Sonntagen 2., 16. und 30. Juni, jeweils ab 11 Uhr im Curtius-Lesesaal, ULB, Adenauerallee 39-41, Bonn.

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