Tod im Internet: Die "Ortslosigkeit" der Erinnerung

Tod im Internet : Die "Ortslosigkeit" der Erinnerung

Patrick Nehls studierte Medienwissenschaften an der Universität Bonn. In seiner Abschlussarbeit analysierte er, wie Menschen auf Instagram mit Tod und Trauer umgehen. Der 26-Jährige möchte über "Erinnerung und translokale Vergemeinschaftung in sozialen Netzwerken" promovieren.

Tod und Trauer sind im digitalen Zeitalter angekommen. Zwar gibt es schon seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts virtuelle Friedhöfe und Gedenkportale, auf denen man seine Erinnerungen an Verstorbene hinterlassen und ihnen imaginär eine Kerze anzünden kann. Auch eingemeißelte oder -gefräste QR-Codes auf Grabsteinen, die man per Smartphone einlesen kann, um mehr über den Toten zu erfahren, mögen manchen Friedhofsbesucher noch ein wenig verwirren, sind aber nichts grundlegend Neues mehr.

Doch erst mit dem Siegeszug der Sozialen Medien erlebt das Trauern im Internet einen regelrechten Boom, der Tod wird durch neue Rituale online ganz anders sichtbar. "Es trauert heute jeder, wie er will", sagt Patrick Nehls dazu: Der Student der Medienwissenschaften an der Universität Bonn erkennt eine zunehmende "Ortslosigkeit der Erinnerung" einerseits und eine steigende Bedeutung sozialer Netzwerke als Teil des Alltags andererseits. Die Sichtweise auf den Tod sei dabei offen.

Für seine Masterarbeit hat Nehls daher einen ganz speziellen Blick auf Instagram geworfen. Der 26-Jährige wollte wissen, wie junge Leute auf der Foto-Plattform mit dem Thema Sterben heute umgehen. "Die Menschen suchen sich immer öfter alternative Orte zum Trauern", sagt er. Instagram sei dabei für viele ein individuelles Ausdrucksmittel, bei dem neue Sinngemeinschaften und Erinnerungskulturen entstünden. "Das sind neue Trauerräume, die genauso etwas ausmachen wie die altbekannten Grabsteine auf den Friedhöfen im analogen Leben."

Nehls untersuchte für seine Arbeit alle Einträge auf Instagram mit dem Hashtag #beerdigung. Dabei kam er auf rund 2800 Einträge. Die meisten davon seien eindeutig von Privatpersonen ohne kommerzielles Interesse. Hin und wieder würden aber auch Floristen oder Bestatter über Instagram Werbung für ihre Dienste machen. Dass der Tod und der Umgang damit mittlerweile für viele auch online zum Geschäft geworden ist, davon ist auch Nehls überzeugt.

Hauptmotive der digitalen, privaten Trauergemeinde sind noch immer die traditionell überlieferten, klassischen Symbole. Dazu zählen Blumen, Kerzen, Sprüche, Fotos der Verstorbenen - inzwischen aber auch Selfies vor oder während der Beerdigung. Bei diesen Selfies hat Nehls zwei Gattungen ausgemacht. Bei den einen steht - wie bei Instagram üblich - die Art und Weise der Darstellung, etwa die Trauermode oder der Blumenschmuck, im Vordergrund. Bei den anderen inszenieren sich die Menschen bewusst als Trauernde. Auch Beileidsbekundungen und im Einzelfall Beleidigungen in Kommentaren hat Nehls gefunden. Oft wird auch die Todesursache thematisiert. So gibt es immer wieder den

Hashtag #stopcancer. Ein ebenso häufiges Narrativ wie die direkte Ansprache an den Toten ist die Präsentation des familiären Zusammenhalts, etwa mit gemeinsamen Familienfotos oder Botschaften von mehreren Personen wie "Wir vermissen dich".

Eine Instagram-Nutzerin hat vom Todestag ihrer besten Freundin an ein Jahr lang in einem "Tagebuch der Gefühle" ihre Gedanken und Erinnerungen an die Verstorbene veröffentlicht, um selbst einen Weg zurück ins Leben zu finden, wie es heißt. Darüber hinaus haben ihre Kurzgeschichten auch andere Nutzer des Online-Fotodienstes erreicht. "Da finden Leute zusammen, die gar nichts miteinander zu tun haben", berichtet Nehls. Da sie ähnliche Schicksale erlebten, entstünden so jedoch geteilte Sinngemeinschaften. "Das Internet hat für Trauernde keine örtliche und zeitliche Beschränkung. Der Friedhof ist weit weg.

Auf Instagram treffen sich Gleichgesinnte schneller und teilen den Raum der Erinnerungen." Nehls sieht darin eine Gemeinschaft der Lebenden und Toten. Er plädiert dafür, sich dem Thema des digitalen Sterbens ernsthaft und kritisch zu widmen. "Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was mit unserer Online-Identität passiert. Denn die Chronik vergisst nichts", sagt er.

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