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Die Neuordnung des Bonner Raums unter der Lupe

Studenten bewerten Bonn-Gesetz : Die Ippendorfer warten schon 50 Jahre auf ihr Geld

Umstrittene kommunale Neuordnung: Studenten des Geographischen Seminars der Uni Bonn haben Folgen und Ergebnisse des Bonn-Gesetzes von 1969 bewertet

Fünf Jahrzehnte nach dem Bonn-Gesetz von 1969 und der Verschmelzung der Städte Bonn, Beuel und Bad Godesberg sowie von sechs Gemeinden des vorherigen Amtes Duisdorf ziehen Studenten der Uni Bonn in einem Projektseminar zur Humangeographie bei Professor Winfried Schenk ein ambivalentes Fazit.

Sie sind zwar überzeugt: Die vorherige Stadt Bonn hätte mit ihren lediglich 31 Quadratkilometern Fläche die erweiterten Funktionen der provisorischen Bundeshauptstadt ohne ihr enormes Wachstum flächenmäßig und infrastrukturell nicht umsetzen können. Andererseits seien die weitreichenden Versprechungen, die den Städten und Gemeinden im Gegenzug gemacht wurden, nur teilweise umgesetzt worden, erläuterten die Studenten jetzt bei der Präsentation ihrer Ergebnisse im Geographischen Seminar.

Die Eingemeindung wurde als „Zusammenschluss auf Augenhöhe“ verkauft

Die Bonner Stadtverwaltung hatte die Vorgänge im Jahr 1969 nicht als Eingemeindung dargestellt, sondern als Zusammenschluss auf Augenhöhe. Durch die neue Südbrücke an der bisherigen Stadtgrenze zu Bad Godesberg sollte sich das Zentrum der Stadt ins benachbarte Regierungsviertel verschieben. Bonn habe dabei kein geringeres Opfer zu bringen als die übrigen Städte und Gemeinden, hieß es seinerzeit in einer Stellungnahme aus dem Bonner Rathaus. Vor allem unterstellte man der Bevölkerung den Willen zur Neuordnung: „Er [der Bürger, Anm. d. Red.] versteht die Argumente derjenigen nicht, die den einheitlichen Wirtschafts- und Aufgabenraum, die Gesamtstadt, in (der) Verwaltung weiter aufgesplittert lassen wollen“.

Mit der Neuordnung hatte man sich viel vorgenommen, um den erwarteten Bevölkerungszuwachs infrastrukturell aufzufangen. Neben den bestehenden Einrichtungen waren unter anderem fünf zusätzliche Altenheime, sechs Hallen- und Freibäder, ein Ausbau der Kanalisation und des Hochwasserschutzes und ein Tunnel für die Bahnstrecke durch das Stadtgebiet vorgesehen. Zu vielen dieser Vorhaben ist es nicht gekommen.

Vor allem Bad Godesberg wurde „vollkommen auf den Kopf gestellt“

Besonders kritisch fällt die Bilanz der Studenten für Bad Godesberg aus. Die ehemals selbständige Stadt sei „strukturell und funktional vollkommen auf den Kopf gestellt“ worden. Der Geist des Bonn-Gesetzes, das eine Gleichbehandlung aller vier neuen Stadtbezirke vorsah, habe sich nicht erfüllt. So fehle das ungenutzte Rathaus als Bezugspunkt zur lokalen Identifikation. Indem die Stadt Bonn die Kurfürstenquelle aufgegeben und das Kurfürstenbad ersatzlos geschlossen habe, seien Entwicklungen im Fremdenverkehr und im Gesundheitswesen ausgebremst worden. Auch der Abzug städtischer Dienststellen wie der Bürgerdienste mindere die Lebensqualität.

Positiv hervorgehoben wurde die verkehrliche Entlastung durch den Godesburger Straßentunnel und die seinerzeitige Belebung des gesellschaftlichen Lebens durch Bundesbehörden und diplomatische Vertretungen. Insgesamt aber habe die ehemalige Stadt Beuel deutlich stärker vom Zusammenschluss zu „Groß-Bonn“ profitiert. Allerdings haben die Studenten auch nur Bad Godesberger Zeitzeugen und Experten zum Thema befragt.

Die Gemeinden Buschdorf, Lessenich, Röttgen und Ippendorf hatten versucht, im Vorfeld des Bonn-Gesetzes mit eigenen Vorabverträgen mit der Stadt Bonn Elemente ihrer Eigenständigkeit zu sichern und möglichst viel für die eigene Bevölkerung herauszuholen. Bei ihrer exemplarischen Beschäftigung mit Ippendorf und Röttgen kommen die angehenden Geographen zu dem Schluss, dass sich diese Hoffnungen nur teilweise erfüllt haben.

Zwar wurde Röttgen mit den Buslinien 24 und 27 wie vereinbart im 20-Minuten-Takt gut ans Bonner Zentrum angebunden. Zu der vertraglich zugesicherten weiträumigen Ortsumgehung über die Ferdinandstraße ist es in Röttgen aber nicht gekommen. Der vertraglich festgeschriebene dörfliche Charakter beider Stadtteile ohne starke Verdichtung habe sich nur bedingt erhalten, wobei unklar ist, ob es dazu nicht auch ohne eine Eingemeindung gekommen wäre.

Flossen fünf Millionen Mark nach Röttgen? Heute ist das unklar

Auch der Erhalt und Ausbau der Naturräume Katzenlochbachtal, Melbbachtal und Kottenforst zu Naherholungsgebieten sei bedingt gelungen. Im Melbbachtal habe die Bebauung – teilweise bis an den Bachlauf heran – dauerhaft Schaden angerichtet. Zudem hatten sich die Gemeinderäte seinerzeit auch viel Geld für den Ausbau ihrer Infrastruktur aus der Bonner Stadtkasse erhofft. Fünf Millionen Mark (nach heutiger Kaufkraft rund 12,5 Millionen Euro) sollte Röttgen dafür erhalten. 2,5 Millionen Mark (6,25 Millionen Euro) waren für Ippendorf vorgesehen. Allerdings seien diese Beträge seinerzeit nicht mit der Landesregierung abgestimmt gewesen – und zumindest im Falle Ippendorfs definitiv auch nie geflossen. In Röttgen sei die Zahlung zumindest nicht nachvollziehbar.

Innerhalb der Jahrzehnte ist es in den Stadtteilen dennoch zu einem Identitätswechsel gekommen, der die auslaufende lokale politische Repräsentation in eigenen Ortsräten mit eigenen Ortsbürgermeistern offenbar entbehrlich macht. Nach Beobachtungen der Studenten sehen sich Ippendorfer und Röttgener heute als Bonner. Und letztere stellen mit Ashok Sridharan ja auch derzeit den OB. Die Ergebnisse des Projektseminars sollen bald in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv in einer allgemeinverständlichen Publikation veröffentlicht werden.