Jobaussichten für Akademiker: Die Abschlussnote wird überschätzt

Jobaussichten für Akademiker : Die Abschlussnote wird überschätzt

Ein Kölner Wirtschaftswissenschaftler befragte 101 Unternehmen – vor allem aus der Region Köln-Bonn – nach ihren Präferenzen bei Abschlüssen und Hochschul-Arten.

Wer einen attraktiven Berufseinstieg im Umfeld der Rechtswissenschaften, der Natur- und Ingenieur- sowie der Wirtschaftswissenschaften sucht, der hat mit einem Master-Abschluss deutlich bessere Chancen als mit einem Bachelor. Bei Sprachen, Geistes-, Sozial- und Gesundheitswissenschaften spielt der höhere Abschluss als Kriterium zur Einstellung hingegen eine geringere Rolle. Zu diesem Ergebnis kommt eine Stichprobenstudie, für die der in Pützchen lebende Wirtschaftswissenschaftler Professor Christian Ernst von der Technischen Hochschule Köln zusammen mit Lorena Durst 101 Unternehmen vor allem aus der Region Köln-Bonn online befragt hat.

Am größten ist der Unterschied bei den Juristen. Hier setzt die Hälfte der Unternehmen (49 Prozent) auf einen Master-Abschluss. Bei allen übrigen Fächern hat die Mehrheit der Befragten keine Präferenz. Allerdings schätzen 34 Prozent bei den Wirtschaftswissenschaften, 35 Prozent bei den Naturwissenschaften und 36 Prozent bei den Ingenieurwissenschaften einen Master. Die Präferenzen für FH-Abgänger liegen hingegen insgesamt im einstelligen Bereich. Lediglich bei Informatik setzen elf Prozent der Unternehmen bevorzugt auf sie.

Ernst ging es in seiner Untersuchung vor allem um die Frage, ob Unternehmen Präferenzen zwischen Fachhochschul- und Universitätsabsolventen erkennen lassen sowie zwischen Bachelor- und Master-Abschlüssen. „Meines Erachtens ist es wichtig, dass Studierende die Sichtweise der Unternehmen kennen lernen, um dies bei ihrer Studien- und Karriereplanung berücksichtigen zu können“, sagt er zu seiner Motivation.

Immerhin jedes dritte Unternehmen erklärte, Absolventen mit Master könnten bei ihnen auf ein höheres Gehalt hoffen als ihre Bachelor-Kollegen. 28 Prozent sahen das immerhin teilweise so. Allerdings glaubten nur neun Prozent, dass ein Master-Student mit seinen theoretischen Kenntnissen einem Bachelor-Absolventen mit zwei Jahren Berufspraxis überlegen ist (teilweise so sahen es 19 Prozent). Mit praktischer Berufserfahrung lässt sich die fehlende Master-Studienzeit also durchaus ausgleichen. Allerdings muss ein Bewerber mit Bachelor zunächst einen Arbeitgeber von sich überzeugen, bevor er die Praxiserfahrung im Job sammeln kann.

„Unternehmen suchen Akademiker, ohne zu sehr zu differenzieren“

Gerade für Studenten ist von Interesse, auf welche Kriterien Personalverantwortliche bei der akademischen Ausbildung achten. Dabei suchen sie offensichtlich nicht nach gut qualifizierten Allroundern, sondern nach künftigen Mitarbeitern, die möglichst ohne Einarbeitung in ihrer Stelle einsteigen können. Die Art des Studienabschlusses rangiert bei den befragten Unternehmen deshalb nur auf dem vierten, die Abschlussnote auf dem sechsten Platz. Am wichtigsten sind ihnen Studienschwerpunkte, die zum Unternehmen beziehungsweise zur künftigen Tätigkeit passen, gefolgt von relevanten Praktika und Sprachkenntnissen. Weniger interessieren sie sich für das Thema der Abschlussarbeit.

Offensichtlich überschätzt werden Auslandsaufenthalte. Sie rangieren weit abgeschlagen auf dem achten Rang – vor sozialem Engagement und der Bewertung der jeweiligen Hochschule in einschlägigen Rankings.

Der akademischen Ausbildung insgesamt geben die Unternehmen erschreckend schlechte Noten. Am ehesten vermitteln die Hochschulen ihrer Ansicht nach noch strukturiertes Arbeiten. 87 Prozent sehen das an den Universitäten gegeben, 63 Prozent an den Fachhochschulen. Ein fundiertes Fachwissen sehen bei den Uni-Abgängern nur 57 Prozent, bei den Fachhochschülern nicht einmal die Hälfte der potenziellen Arbeitgeber (45 Prozent).

Nur bei 29 Prozent der Unternehmen gelten Uni-Absolventen als teamfähig, dagegen immerhin 60 Prozent der Fachhochschüler. Auch mangele es an Durchsetzungsvermögen: Dies unterstellen nur 27 Prozent der Unternehmen den Fachhochschülern und 19 Prozent den Uni-Abgängern. Immerhin drei Viertel der Befragten schätzen die praktische Orientierung im FH-Studium. Die Universitäten fallen in diesem Punkt bei den Firmen glatt durch. Nur fünf Prozent sind mit der Praxisorientierung der universitären Ausbildung zufrieden.

„Es drängt sich insgesamt betrachtet der Eindruck auf, dass viele Unternehmen Akademiker suchen, ohne im Detail zu sehr zwischen Universität und Fachhochschule sowie Bachelor und Master zu differenzieren“, resümiert Studienautor Ernst. Lediglich wenn das Jobprofil eine bestimmte Qualifikation nahelege, wie etwa in Bereichen mit Forschungsbezug, dann suchten Personaler offenbar gezielt nach Kandidaten mit beispielsweise einem Master-Abschluss einer Universität.

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