Büchner-Preisträger lehrt in Bonn: „Das Nachdenken über Poesie hört nie auf“

Büchner-Preisträger lehrt in Bonn : „Das Nachdenken über Poesie hört nie auf“

Der Autor Marcel Beyer, Büchner-Preisträger des Jahres 2016, wird neuer Thomas-Kling-Poetikdozent an der Uni Bonn. Seine Antrittsvorlesung hält er am 6. Mai

Hochkarätige Verstärkung erhält die Universität Bonn im Wintersemester 2019/20: Mit Marcel Beyer übernimmt ein bedeutender Autor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur die hiesige Thomas-Kling-Poetikdozentur. Das 2011 von der Kunststiftung NRW geschaffene Literaturstipendium wird damit zum neunten Mal vergeben. Zur feierlichen Antrittsvorlesung am Montag, 6. Mai, wird Beyer ab 19 Uhr im Festsaal der Universität Bonn, Am Hof 1, zum Thema „Schrift und Schnitzer“ sprechen.

Die Laudatio hält die Bonner Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Kerstin Stüssel. Grußworte sprechen Prorektor Professor Stephan Conermann, Professor Volker Kronenberg als Dekan der Philosophischen Fakultät und Dr. Ursula Sinnreich, Generalsekretärin der Kunststiftung NRW.

Beyer selbst, der 1965 in Baden-Württemberg geboren wurde, bis 1996 in Köln und seither in Dresden lebt, freut sich auf Nachfrage sehr über die Berufung. „Eine Poetikdozentur unter dem Namen Thomas Kling: Das heißt, zwei Bewegungen des großen Dichters folgen zu können, zu dürfen“, sagt der Autor.

„Einmal der Grundlagenforschung in Sachen Poesie, und einmal, nicht zu vergessen, der Lehre vom Umgang mit Dichtung, mit Sprache, mit Mündlich- und Schriftlichkeit in der konkreten Seminarsituation mit Studierenden.“ Beides erscheine ihm wichtig, sagt er.

„Es interessiert mich, wie Studierende heute lesen, forschen, die Welt betrachten“

Denn zum einen höre das Nachdenken über die Poesie niemals auf. Und es sei gut, herausgefordert zu sein, dies vor einem wachen Publikum zu tun. „Und zum anderen interessiert es mich, nun bald 30 Jahre nach Abschluss meines eigenen Literaturwissenschaftsstudiums zu erfahren, wie Studierende heute lesen, forschen, die Welt betrachten, Werkzeuge für den Umgang mit Text entwickeln“, erläutert Beyer.

Er hat von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen studiert und seine Magisterarbeit über die Schriftstellerin Friederike Mayröcker geschrieben. In der Antrittsvorlesung in Bonn wolle er den poetologischen und praktischen Hintergrund der Poesie präsentieren und im Seminar die praktische Auseinandersetzung mit Schreibverfahren üben. Diese Kombination, „eins greift ins andere“, sei für ihn die besondere Konzeption dieser Poetikdozentur, hat Beyer der Professorin Stüssel erläutert.

Beyer hat kürzlich den angesehenen Lessing-Preis des Freistaats Sachsen erhalten. „Wenn Goethe in seinen letzten Lebensjahren forderte: “Ein Mann wie Lessing täte uns not„, so vermag kaum ein Schriftsteller unserer Zeit dieser Mahnung so zu entsprechen wie Marcel Beyer“, betonte die Jury.

Über seinen letzten Roman „Das blindgeweinte Jahrhundert“ urteilten die Feuilletons, der Autor sei in seiner Poetik selbstbewusst und zugleich politisch hellwach. „Marcel Beyer ist ein gewiefter Literatur-Free-Jazzer, improvisiert in alle Richtungen und, ohne dass man es merkt, ist da plötzlich wieder diese bestechende Melodie.“ 2016 erhielt Beyer eine der höchsten Auszeichnungen für deutschsprachige Literaten, den Georg-Büchner-Preis.

Ein wilder Ritt durch die Sprache der Gegenwart

„Seine Texte widmen sich der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der sie dem Sound der Jetztzeit nachspüren“, hatte das die dortige Jury begründet. In seiner Büchner-Dankesrede hatte Beyer einen Ritt durch die Gegenwartssprache geboten, in die sich ein Schriftsteller offenbar wie ein Hund verbeiße. Sprache versetze ihn in Euphorie und gleichzeitig in Apathie.

Ein Autor brauche das „Kalbsdeutsch und Erbsenfresserdeutsch“ so dringend wie das „Hammelfleischdeutsch“, erlebe das „Leoprintdeutsch der Krawallfernsehfamilien“ ebenso wie das „48-Stunden-Deo-Deutsch der Zeitgenossen, die vor lauter Nationalempfinden schwitzen“. Wer schreibe, kenne „das dampfende Kartoffelsuppen- und Semmelknödeldeutsch“ ebenso wie „diese grundverunglückte Heiligabendsprache, die Deutschlandretter mit einem Dschihadistenernst zelebrieren, dass mir das Blut in den Adern gefriert“.

Beyers Texte seien nun nicht nur von Thomas Klings Sprache reflektierendem Verfahren geprägt, sie exponierten auch ihr eigenes Medium und setzten sich mit Musik und bildender Kunst kooperativ auseinander, begründet die Kunststiftung NRW, warum die Wahl auf den Neu-Dresdner fiel.

Beyers Texte erforschten aktuelle, historische und neuerdings verstärkt politische Phänomene ebenso wie die kulturpoetischen Parameter naturwissenschaftlichen Arbeitens. „Beyers Schreiben ist genreübergreifend angelegt: Erzählprosa, Lyrik, Libretto und Essay haben darin gleichen Rang. Und es wird von ungewöhnlich offenen poetologischen Selbstauskünften begleitet.“

Die Thomas-Kling-Poetikdozenturist nach dem 2005 verstorbenen Lyriker und Essayisten Thomas Kling benannt, der zehn Jahre auf der Raketenstation der Stiftung Insel Hombroich lebte und dessen Sprachkunst neue Maßstäbe setzte. „Die Dozentur ehrt den Dichter Thomas Kling, einen seine Generation prägenden Sprachkünstler, der im Rheinland lebte und viel zu früh verstarb“, sagt Fritz Behrens, Präsident der Kunststiftung NRW, dazu. „Unsere Förderung zielt auf die Schnittstelle zwischen Literatur und Wissenschaft.“ Man wolle angehenden Literaturwissenschaftlern die Möglichkeit bieten, konkrete dichterische Praxis und ästhetische Theorie miteinander in Verbindung zu bringen. „Das Konzept der Thomas-Kling-Poetik-Dozentur zeigt lebendige Wirkung und findet großen Anklang bei den Studierenden.“

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