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Bonner Neonatologe erhält Förderung von Stiftung

Bonner Neonatologe erhält Förderung : Kälte schützt nicht immer das Gehirn

Der Neonatologe Hemmen Sabir von der Uniklinik Bonn erhält für seine Forschung 1,1 Millionen US-Dollar Förderung von der Bill & Melinda Gates-Stiftung. Er forscht zu Behandlungsoptionen bei Sauerstoffmangel während der Geburt.

Allein die Vorstellung ist für werdende Eltern traumatisch: Im Mutterleib hat sich das Kind gut entwickelt, und bei den Vorsorgeuntersuchungen waren alle Werte normal. Doch während der Geburt kommt es plötzlich zu unvorhergesehenen Komplikationen. In Deutschland erleiden pro Jahr ein bis drei von 1000 zeitgerecht geborenen Kindern einen schweren Sauerstoffmangel unter der Geburt, die Asphyxie. Sie und die damit einhergehende, stark verminderte Durchblutung des Nervengewebes setzen den Zellen des Gehirns enorm zu oder zerstören sie dabei sogar. Folge dieser Unterversorgung ist eine – abhängig von deren Dauer unterschiedlich ausgeprägte – Schädigung des Hirngewebes: die hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (HIE).

Sollte das der Fall sein, wird die Körpertemperatur des Neugeborenen sofort für 72 Stunden auf 33 bis 34 Grad Celsius gesenkt. Etwa sechs Stunden steht das Zeitfenster für diese Therapie offen. So könnte eigentlich vielen der kleinen Patienten geholfen werden. Doch auch die etablierte Standardtherapie wirkt nur in der Hälfte der Fälle.  Herauszufinden, warum dies so ist und welche alternativen Therapieansätze es gibt, hat sich Privatdozent Dr. Hemmen Sabir – Oberarzt der Abteilung für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Bonn (UKB) – zum Ziel gesetzt. Sein Forschungsvorhaben wird von der Bill & Melinda Gates-Stiftung mit 1,1 Millionen US-Dollar sowie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 325 000 Euro gefördert.

Für eine Asphyxie kann es mehrere Ursachen geben: von Nabelschnur- und Plazentakomplikationen bis zu einer kardio-pulmonalen Erkrankung (Herz und Lunge betreffend) der Mutter. Bei 50 Prozent der betroffenen Kinder ist der Sauerstoffmangel für schwere geistige und körperliche Beeinträchtigungen verantwortlich, manche sterben sogar. „Das Riesenproblem ist, dass wir in den ersten Lebensstunden noch nicht sagen können, welches Neugeborene von der therapeutischen Kühlung profitiert und welches nicht“, erklärt Sabir. Der 42-Jährige gehört seit März 2019 zum Team der Neonatologie auf dem Venusberg. Seine Aus- und Weiterbildung in Kinderheilkunde sowie in Neonatologie und Kinderintensivmedizin hat ihn vom Klinikum Bremen-Nord an die Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie und Kinderkardiologie des Universitätsklinikums Düsseldorf geführt; unterbrochen von Forschungsaufenthalten an der University of Bristol (während 2010 bis 2013) sowie an der Universität Oslo (2013 bis 2016).

„Ausschlaggebend, nach Bonn zu kommen, waren für mich neben der überregional renommierten Neonatologie unter Führung von Professor Andreas Müller der hervorragende Ruf der Neurowissenschaften und die enge Vernetzung mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen“, sagt Sabir im Gespräch mit dem GA. „Für die Grundlagenforschung zu meinem Thema sind das geradezu optimale Bedingungen. Zumal mir die Förderung die Möglichkeit gibt, ein eigenes Team zusammenzustellen.“

Bei Untersuchungen zu der entscheidenden Frage, welchem Neugeborenen die Kühlung hilft, und welchem nicht, stieß Sabir auf eine auffällige Gemeinsamkeit. Im Tiermodell fand er schließlich heraus,  dass eine Infektion, der das Neugeborene noch im Mutterleib ausgesetzt war, das Risiko einer HIE erhöht. „Ungewöhnlich dabei ist nicht, dass es zum Beispiel durch einen frühen Blasensprung zu solchen Infektionen kommt“, erklärt Sabir. Der Forscher geht davon aus, dass die Kombination aus Infektion und Sauerstoffmangel eine Kaskade von Entzündungsreaktionen auslöst, gegen deren Eigendynamik schließlich auch die Kühlung wirkungslos ist. „Grundsätzlich gilt, dass Kälte den Metabolismus (Stoffwechsel) verlangsamt“, fügt Sabir hinzu. „Bei einer solchen Kaskade allerdings zielt die derzeit einzige therapeutische Option ins Leere. In einer neuen, auf einem Tiermodell basierten Studie, wollen wir nun die dem zugrundeliegenden Mechanismen verstehen und herausfinden, welche Hirnzellen davon besonders betroffen sind“, sagt Sabir. Sein Interesse gilt auch den Zusammenhängen mit späteren psychischen Problemen oder auch neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer.

Bei der Suche nach Alternativen zur Kühlung rücken auch neuroprotektive Stoffe wie Melatonin oder Koffein ins Blickfeld. Doch die Forschung dazu steht laut Sabir noch am Anfang. Das selbst gesteckte Ziel ist hoch, der Bedarf auch ebenso groß. „Gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern“, so Sabir, „sind viele Kinder von HIE betroffen“. Therapeutische Kühlung wird dort nicht mehr eingesetzt, da sie die Neugeborenen im dortigen Setting eher gefährde. Lösungen anbieten zu können, damit betroffene Neugeborene erst gar nicht Hirnschäden und damit schwere Behinderungen erleiden; das ist sein Wunsch und eine Intention der Stiftung, die seine Forschung fördert.