Bonner Professorin im Kongo: Biochemie bei Taschenlampenlicht

Bonner Professorin im Kongo : Biochemie bei Taschenlampenlicht

Als das Ende ihrer Berufszeit in greifbare Nähe rückte, stand für Brigitte Schmitz ein Entschluss fest. Die Bonnerin wollte etwas Neues wagen, möglichst mit Bezug auf ihr Fachgebiet. Und so hat die ehemalige Professorin der Uni Bonn das Biochemiepraktikum der Medizinerausbildung im Kongo etabliert.

Durch eine Freundin kam die Pensionärin mit dem Dekan der Medizinischen Fakultät einer privaten Universität in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, in Kontakt. Das studentische Pflichtpraktikum in Biochemie ist dort zwar vorgesehen, war aber zu dieser Zeit noch nicht etabliert. Deshalb wagte sich Schmitz daran, die Organisation des Projektes und die Vorbereitung von einem Teil der Versuche zu übernehmen.

Zu Beginn ihres Vorhabens flog sie 2013 erstmals nach Kinshasa, um sich mit der kongolesischen Universität auszutauschen. Die erste Reise wurde vom Bonner Senior Expert Service finanziert. „Dafür musste ich Französisch lernen, das hatte ich zuletzt in der Schule“, erzählt Schmitz. Die dortigen Zustände sind mit den europäischen Standards nicht zu vergleichen: Verschmutzte Holztische und Gardinen vor den Fenstern passen nicht in unser Bild von einem wissenschaftlichen Labor.

Für Schmitz gab es auch aus anderen Gründen in Afrika viel zu tun. Die Versuchsanleitungen in französischer Sprache mussten geschrieben und Geräte und Chemikalien erst beschafft werden – was mit Hilfe von Brot für die Welt auch gelang. Als 2014 das erste Praktikum in Kinshasa stattfand, hatten die afrikanischen Kollegen vereinbarte Vorbereitungen nicht getroffen, wie etwa Versuchsbeschreibungen anzufertigen.

Bei der Ankunft der Professorin war nichts getan: Alles musste gereinigt und aufgebaut werden und die restlichen Versuchsanleitungen geschrieben werden. Aber die Bonnerin lernte, sich nicht entmutigen zu lassen, und so konnten insgesamt 250 Medizinstudenten im ersten Jahr in Kinshasa das prüfungsrelevante Praktikum absolvieren.

Dieses deckt die biochemischen Schwerpunkte des Studiums ab, unter anderem dazu gehören die Molekularbiologie und die Enzymkinetik. „Aufgenommen wurde es mit großer Begeisterung. Es ist so: Die Studenten konnten etwas Neues lernen und waren glücklich, in einem Labor zu stehen und Experimente durchzuführen.“ Für Schmitz war es besonders wichtig, das Interesse für die Biochemie zu wecken. Das scheint geglückt: „Die Studenten wollten noch mehr Möglichkeiten zum Experimentieren“, sagt die Initiatorin des Projekts.

2015 etablierte die ehemalige Bonner Professorin dasselbe Praktikum an einer Universität in Bukavu, im Osten des Kongo. „Der nicht nur in dieser Region des Kongo stattfindende Machtkampf zwischen den zahlreichen Rebellengruppen, der Regierung und den Nachbarländern um die reichen Bodenschätze, geht mit blutigen Massakern und systematischen Vergewaltigungen von Frauen einher und prägt das Bild der überwiegend in Armut lebenden Bevölkerung. Das ist der Fluch des Kongo; er ist reich an Bodenschätzen, aber die Bevölkerung profitiert nicht davon“, berichtet Schmitz von ihrem Einsatzgebiet.

„Ich habe mich oft gefragt: Was machst du hier eigentlich? Aber ich kann eben keine Brunnen bauen, das habe ich nicht gelernt.“ Dafür konnte sie ihre langjährige, unter anderem in Cambridge und New York gesammelte biochemische Erfahrung in Afrika weitergeben. Sie schulte vor allem die Assistenten, studierte Chemiker und Biologen im Unterrichten der Studenten und zeigte, wie diverse technische Laborgeräte funktionieren. „Außerdem habe ich bewirkt, dass Medizinassistenten eingestellt werden. Das sind Medizinstudenten, die schon im klinischen Teil ihrer Ausbildung sind“, erläutert die Professorin. Diese hätten mit Freude und Engagement die Jüngeren unterrichtet.

„Das biochemische Praktikum ist wichtig für eine bessere Medizinerausbildung“, sagt Brigitte Schmitz. Sie ist sicher, dass es dauerhaft etabliert wird und in ein bis zwei Jahren von den Assistenten ohne ihre Unterstützung durchgeführt werden kann. Obwohl Schmitz viel Armut und Leid gesehen hat, hat sie auch einiges positiv beeindruckt: „Das Lachen, die positive Lebenseinstellung trotz der Umstände ist bewundernswert. Da könnten wir Deutsche uns mal durchaus eine Scheibe abschneiden.“ Entschlossen blickt sie in die Zukunft: „Es gibt noch einige harte Nüsse, aber ich denke, dass ich die knacken werde“. Dazu gehören vor allem organisatorische Angelegenheiten.

Seit 2014 finanziert der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) aus Mitteln des Johann-Gottfried-Herder-Programms für Hochschullehrer im Ruhestand das Vorhaben. „Ich kann jedem empfehlen, sich nach der aktiven Laufbahn einem Projekt zu widmen. Es muss ja nicht direkt der Kongo sein.“

Für das Reisen im Alleingang müsse man eine Portion Mut und Abenteuerlust mitbringen. Der Kongo fordere viel Kreativität und Improvisationsgeschick, denn auch bei Stromausfall und ohne Wasser wollen die Versuche durchgeführt werden. Aber Schmitz lässt sich keinesfalls entmutigen: Mit dem Taschenlampenlicht eines Smartphones und in einem Labor mit Holztischen und Gardinen kann man immer noch für Biochemie begeistern.

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