Junge Amerikaner : Aus der Traum

Immer weniger junge Amerikaner können damit rechnen, es einmal besser zu haben als ihre Eltern. Seit Jahren schrumpfen die Einkommen von Berufseinsteigern, während Wohnkosten in Ballungsgebieten sowie Studiengebühren kontinuierlich steigen.

Das hatte er sich irgendwie anders vorgestellt. Anstatt endlich ein Leben in den eigenen vier Wänden zu beginnen, musste Brian im letzten Semester seines Masterstudiums wieder bei den Eltern einziehen. Die Mieten in und um seine Heimat New York konnte er sich einfach nicht mehr leisten. Eine Ein-Zimmer-Wohnung ist unter 2000 Dollar pro Monat kaum zu finden, selbst für ein Doppelzimmer im Studentenwohnheim sind rund 1000 Dollar fällig. Zu viel für den 24-Jährigen, der seinen Lebensunterhalt als Hilfskraft an einem Community College bestreitet.

Hinzu kommen die Schulden. Obwohl seine Eltern einen Teil der Studiengebühren übernahmen, musste Brian für das Master-Examen an einer staatlichen Universität einen Kredit aufnehmen. In den USA ist das nichts Außergewöhnliches. Laut aktueller Berechnungen haben 44 Millionen Amerikaner insgesamt 1,3 Billionen Dollar an Studienschulden angehäuft. Die Universität ist nach dem Eigenheim der zweitgrößte Verschuldungsgrund – noch vor Kreditkarten und Autokauf.

Die Studiengebühren steigen vor allem deshalb, weil staatliche Fördermittel für höhere Bildung seit Jahrzehnten gekürzt werden. Davon betroffen sind überwiegend die kleinen Universitäten, die zwar den Großteil öffentlicher Hochschulen stellen, aber nicht mit bedeutender Forschung glänzen können. Den Verlust machen die Studierenden wett. Im Schnitt tragen 18- bis 35-Jährige eine Last von 41 286 Dollar, die sie – natürlich verzinst – zurückzahlen müssen. Auch Brian wird sein Kredit voraussichtlich bis ins Rentenalter begleiten.

Seine Zukunftspläne hat er deshalb schon lange den Umständen angepasst. Nachdem er ein Jahr lang vergeblich versucht hatte, mit dem Bachelor-Abschluss in Filmwissenschaft einen Job zu finden, ging Brian zurück an die Uni, um den höheren Master-Abschluss nachzuholen. „Mir war schon klar, dass es nicht leicht werden würde als Geisteswissenschaftler, das schreit nicht gerade nach Jobsicherheit“, sagt er. „Am Ende meines Bachelors war ich aber noch relativ optimistisch. Inzwischen weiß ich, dass wohl ziemlich harte Zeiten auf mich zukommen werden.“

An eine Karriere in der Filmindustrie glaubt Brian nicht mehr. Nun hofft er, mit seinem Kommunikationsmaster Arbeit zu finden – auch weil er wieder von zu Hause ausziehen will. Wie viele seiner Altersgenossen hat er sich schon darauf eingestellt, für dieses Ziel bis zu drei Teilzeitjobs anzunehmen. Vollzeitstellen sind rar in einem Markt, der übersättigt ist mit arbeitssuchenden Berufsanfängern.

Millennials – also die Generation, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurde – sind eine der am stärksten von der US-Rezession betroffenen Gruppen. Sie machen 40 Prozent der arbeitslosen Amerikaner aus. Diejenigen, die einen Job haben, sind häufig unterbeschäftigt. Das hat einerseits damit zu tun, dass der Bachelor an Wert verloren hat. Reichte früher noch das High-School-Diplom für den Berufseinstieg, wird nun meist ein höherer Abschluss verlangt.

Andererseits ist die Nachfrage nach ungelernten Kräften seit der Finanzkrise stark angestiegen, während der Arbeitsmarkt für junge Absolventen immer noch leidet. Vor allem Geisteswissenschaftler im Alter von 20 bis 30 – Menschen wie Brian – müssen deshalb mit Aushilfs- oder Teilzeitjobs über die Runden kommen. In den USA, wo Sozialleistungen nur den Ärmsten der Armen gewährt werden, bedeutet das auch, weder Kranken- noch Rentenversicherungsschutz zu genießen.

Die immer prekärer werdende Lage der Millennials rückte in den Fokus der Wissenschaft. Eine Gruppe renommierter Ökonomen und Soziologen veröffentlichte kürzlich eine entsprechende Studie. Die zeigt, dass die Aufstiegsmöglichkeiten seit Ende des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich gesunken sind. Während ein im Jahr 1940 geborenes Kind noch mit 92-prozentiger Wahrscheinlichkeit mehr als seine Eltern verdiente, haben Berufseinsteiger heute nur eine 46-prozentige Chance darauf.

Ein Rechenspiel des Informatikers Randy Olson verdeutlicht, was das für den Alltag junger Akademiker wie ihn bedeutet. Bilanz: Um ein Jahr Uni mit einem Studentenjob zu finanzieren, hätte er 1979 insgesamt 203 Stunden auf Mindestlohnniveau arbeiten müssen. 2013 wären dafür 1420 Stunden nötig gewesen – mehr als 27 Stunden pro Woche.

Diese Feststellung ist schwer vereinbar mit dem Bild vom Tellerwäscher, der sich zum Millionär hocharbeitet – ein Traum, der das amerikanische Nationalbewusstsein prägt wie kaum ein anderes Ideal. Im Umkehrschluss gilt: Wer im Leben versagt, hat einfach nicht hart genug gearbeitet. Wenngleich diese Binsenweisheit nie ganz der Realität entsprach – ethnische Minderheiten hatten es immer bedeutend schwerer in Amerika – bröckelt der Glaube an den American Dream nun auch spürbar im Herzen der weißen Mittelklasse. Umfragen belegen, dass junge, gut ausgebildete Amerikaner zwar gerne heiraten, ein Haus kaufen und eine Familie gründen würden. Sie schrecken jedoch vor den immensen Kosten zurück.

Brian zum Beispiel müsste theoretisch heute schon für die Ausbildung seiner potenziellen Sprösslinge sparen, obwohl er selbst in Schulden schwimmt. Im Präsidentschaftsvorwahlkampf hat er deshalb den Sozialdemokraten Bernie Sanders unterstützt. Sanders‘ Versprechen, Studiengebühren an staatlichen Universitäten abzuschaffen, fand großen Nachhall unter jungen Amerikanern. Auch wenn Brian kein Fan von Donald Trump ist, konnte er Hillary Clinton ähnlich wenig abgewinnen. Für ihn fehlte es der Kandidatin an Verständnis für seine Lebensrealität. Sanders hingegen sprach aus, was viele Millennials empfinden: Der Amerikanische Traum ist offenbar für andere reserviert.

Die Chancen, dass sich die Lage unter dem neuen Präsidenten verbessern wird, stehen eher schlecht. Betsy DeVos, die Trump zur Bildungsministerin machen will, kommt aus einer milliardenschweren Familie, in der sich nach eigener Aussage niemand fürs Studieren verschulden musste. Darüber hinaus ist wenig bekannt über Betsy DeVos‘ Haltung zum Thema Studiengebühren. Es ist jedoch zu vermuten, dass die Verfechterin von Privatschulen als bessere Alternative zur öffentlichen Bildung nicht plant, den Universitätsbesuch künftig kostenlos zu machen.

Damit rechnet auch Brian. Auf die Frage, ob er seine Zukunft eher als halb volles oder halb leeres Glas betrachtet, antwortet er mit einem langen Schweigen. Dann sagt er: „Ich sehe das Glas so, wie es ist. Ich möchte mehr Wasser hineingießen. Aber es ist einfach keins da.“