Alanus-Ringvorlesung „Liebe und Sterben“

Interview mit Joachim Gerhardt : Alanus-Ringvorlesung über "Liebe und Sterben"

Lutherkirchen-Pfarrer Joachim Gerhardt spricht bei der Ringvorlesung der Alanus Hochschule über Leben und Sterben. Er rät dazu, auch in sehr schwierigen Situationen den Humor zu bewahren

Als Pfarrer der Lutherkirchengemeinde begleitet Joachim Gerhardt (52) die Menschen von der Taufe und Konfirmation über Hochzeit bis hin zum Tod. Gerhardt, verheiratet und Vater von zwei Töchtern, widmet sich an diesem Mittwoch in der Lutherkirchengemeinde im Rahmen der Ringvorlesung „Liebe usw.“ der Alanus Hochschule unter anderem der Liebe und dem Versprechen von Brautpaaren zusammenzubleiben, „bis dass der Tod uns scheidet“. Mit Pfarrer Gerhardt sprach Lisa Inhoffen.

Glauben Sie an die Liebe, „bis dass der Tod uns scheidet“?

Joachim Gerhardt: Absolut. Liebe ist und bleibt die stärkste Emotion, das stärkste Gefühl, das wir haben. Liebe ist stärker als der Tod, sage ich am Grab – und das glaube ich. Mein eigener Konfirmationsspruch, den ich mir als 14-Jähriger ausgesucht habe, lautet: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Kor 13,13). Der stimmt für mich bis heute.

Ist so ein Satz angesichts der viel längeren Lebenserwartung der Menschen heute noch zeitgemäß?

Gerhardt: Liebe wandelt sich mit den Jahren. Das habe ich bei meinen Eltern erlebt, das erlebe ich bei mir. Dankbarkeit wird immer wichtiger, und das ist auch ein Gefühl der Liebe. So möchte ich sagen: Liebe verändert sich, aber sie hört niemals auf. Ich glaube, der Satz gilt eher umgekehrt: Wer nicht mehr liebt, stirbt schon zu Lebzeiten.

Ist es nicht besser, auseinanderzugehen, als auf Teufel komm raus zusammenzubleiben?

Gerhardt: Ich rate Menschen, die Flinte nicht zu früh ins Korn zu werfen. Das gilt für fast alle Krisen im Leben. Wir sagen: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Manchmal stirbt sie auch zu früh. Allerdings: „Auf Teufel komm raus“ sollte keiner zusammenbleiben, auch wenn ich nicht an den Teufel glaube. Der sind wir – wenn überhaupt – selbst. Wenn sich Paare nur noch gegenseitig verletzen, sollten sie schauen, dass er und sie sich Hilfe holen. Unsere evangelische Eheberatungsstelle in Bonn ist da vielen eine ganz große Hilfe. Es kann am Ende auch die Entscheidung stehen, getrennte Wege zu gehen. Aber man soll die Achtung nicht aufgeben vor dem Menschen, den man geliebt hat.

Sind die Menschen heute vielleicht nicht mehr so bindungsfähig?

Gerhardt: Unser Liebesbild ist sehr romantisiert. Wo die Bibel von Liebe und Nächstenliebe spricht, geht es nicht um Poesiealbumsworte, sondern um soziale Verantwortung füreinander. Das ist ganz wichtig. Darum heißt liebevolle Begleitung am Sterbebett auch nicht grenzenlose Aufopferung, sondern einfühlsames Wertschätzen. Das bedeutet: einen Menschen in den Arm nehmen, Gefühle zeigen, für ihn und mit dem anderen beten; schauen, dass es ihm möglichst gut geht.

Was verbindet Paare, die bis zum Tod zusammenbleiben?

Gerhardt: Helmut und Loki Schmidt haben einmal gesagt: Wir haben nie aufgehört, uns für den anderen zu interessieren. Eine sehr weise und biblische Sicht.

Wie wichtig ist der Glaube im Leben und beim Sterben?

Gerhardt: Sterbende wollen oder sollen loslassen, sich fallen lassen, heißt es oft. Das sagt sich so einfach, ist aber schwer. Denn die Frage ist: Wohin? Darum ist der Glaube, dass da „gute Mächte“ sind, die mich auffangen, so wichtig. Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Der Glaube, also das Vertrauen, dass ich gehalten bin, ist so lebenswichtig, gerade auch im Sterben.

Welche Tipps geben Sie jungen Brautpaaren?

Gerhardt: Ich sage: Bewahrt euch Humor! Und das gilt auch am Sterbebett. Warum nicht mal etwas zum Schmunzeln? Das Leben bleibt komisch, bis zuletzt. Das zu sehen, macht auch den Sterbeprozess leichter – für alle. Wir werden an dem Abend musikalisch begleitet und hören Chansons von Jacques Brel, durchaus mit einem Augenzwinkern zum Thema. Musik verbindet Himmel und Erde und von der Liebe kann man am besten singen.