Eine Sache der Ehre

Tagung zum Westfälischen Frieden in Bonn

Flugblatt von 1648: Der Friedensreiter von Münster bringt den „ratificirten, underschriebenen vnd mit grossen Frewden Publicierten hochwerthen lieben Frieden“.

Flugblatt von 1648: Der Friedensreiter von Münster bringt den „ratificirten, underschriebenen vnd mit grossen Frewden Publicierten hochwerthen lieben Frieden“.

Bonn. Der 24. Oktober 1648 war ein wichtiger Tag, nicht nur für die Bevölkerung des Heiligen Römischen Reiches. Denn damals wurde der Westfälische Frieden und somit das Ende des 30-jährigen Krieges besiegelt.

Eine Tagung am kommenden Wochenende, veranstaltet von der Uni Bonn, wird sich mit diesem Thema beschäftigen. Ralf-Peter Fuchs, Historiker und Dozent, ist Experte für die Frühe Neuzeit und wird einen Teil der Veranstaltung moderieren.

Herr Fuchs, was ist Frieden?

Ralf-Peter Fuchs: Heutzutage versteht man darunter den Verzicht auf militärische Auseinandersetzung, also die Abwesenheit von Krieg. Während der frühen Neuzeit bedeutete es noch mehr: nämlich das harmonische Miteinander der Menschen, die in einem Land lebten. Jeder Fürst sah sich als Verantwortlicher, diesen Frieden in seinem Land herzustellen.

Und was ist der Westfälische Frieden?

Fuchs: Ein Friedensschluss, der in drei Verträgen dokumentiert wird. Zum einen schloss der römisch-deutsche Kaiser Ferdinand III. mit König Ludwig XIV. von Frankreich sowie Königin Christina von Schweden Frieden. Der dritte Vertrag wurde zwischen Spanien und den Niederlanden geschlossen. Eigentlich sollte es noch einen vierten Friedensvertrag zwischen Spanien und Frankreich geben, aber das hat nicht geklappt.

Worum geht es in den Verträgen?

Fuchs: Um eine ganze Menge. Hauptpunkte sind aber die Beilegung der Religionskonflikte im Reich, Gebietsabtretungen des Reiches an den König von Frankreich und finanzielle und territoriale Entschädigungen der Schweden.

Haben Sie Beispiele?

Fuchs: Die Schweden wollten eine Entschädigung dafür, dass sie die protestantischen Stände im Reich unterstützt hatten, und Frankreich wollte eine Sicherung der eigenen Grenzen. Vor allem ging es dabei um Gebiete in Lothringen und im Elsass. Damit hat sich der französische König dann auch durchgesetzt. Die Religionskonflikte versuchte man beizulegen, indem man den Anhängern der Konfessionen feste Räume zuwies und sie rechtlich gleichstellte.

Welche direkten Folgen gab es für die Bevölkerung?

Fuchs: Während des 30-jährigen Krieges hielten sich die Soldaten an der Bevölkerung schadlos. Nachdem die Kriegskassen leer waren, haben sie sich alles, was sie brauchten, von der Bevölkerung geholt: Geld, Nahrungsmittel, Unterkünfte. So kamen Seuchen in die Städte und damit auch der Tod. Die Auswirkungen des Krieges für die Bevölkerung waren verheerend. In manchen Gebieten im Reich gingen die Bevölkerungszahlen stark zurück. Als der Frieden geschlossen war, wurden Freudenfeuer und Feiern veranstaltet. Wobei es noch einige Zeit – ungefähr bis in die frühen 1650er – dauerte, bis die Soldaten abgezogen waren.

Wie lief der Westfälische Friedenskongress ab?

Fuchs: Die eigentlichen Friedensverhandlungen begannen 1645. Stattgefunden hat der Kongress an zwei Orten. Für die protestantischen Kriegsbeteiligten stellte man Osnabrück und für die katholischen Münster zur Verfügung. Es ging außerdem darum, die Gesandten der verschiedenen Mächte standesgemäß unterzubringen. Bevor die politischen, die somit kriegsrelevanten, Einzelheiten besprochen wurden, ging es um Rang, Ehre und Repräsentation. Das erklärt, warum die Verhandlungen bis 1648 andauerten. Zunächst musste geklärt werden: Wer wird mit welchem Titel angesprochen? Wer sitzt wo am Tisch und wer darf überhaupt teilnehmen? Das dauerte Wochen, sogar Monate. Es wurde viel Wert auf Rang und Ehre gelegt. Besonders der Umgang miteinander war sehr wichtig.

Wo sind die Unterschiede zu heutigen Konferenzen?

Fuchs: Der Ehraspekt und die Etikette spielen auch heute noch eine große Rolle. Beim G20-Gipfel in Hamburg hat man wieder gemerkt, wie wichtig das Inszenierungsbedürfnis ist – vor allem gegenüber der Presse. Insgesamt ist es heute aber etwas informeller. Früher gehörte Prunk und die Inszenierung selbst noch mehr zum diplomatischen Handeln dazu.

Finden Sie, heutige Politiker sollten sich etwas von ihren Vorgängern aus der Neuzeit abgucken?

Fuchs: Manchmal. Zuweilen hat man den Eindruck, dass man die Kunst der Diplomatie verlernt hat. Heute erlebt man eher Irritierendes. Wie zum Beispiel der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Presse über Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht, das ist durchaus ein Versuch der Diskreditierung. Auch gehen die westlichen Staatschefs nicht immer diplomatisch in der Presse mit ihren Kollegen um. Aber ich bin Experte für das 17. Jahrhundert. In dieser Zeit haben Ehrverletzungen und Missachtungen Anlass zum Krieg gegeben. Deswegen wurde die Friedensdiplomatie in dieser Zeit enorm weiterentwickelt.