Kunstprofessor in Bonn

Joseph Eduard d’Alton nahm Evolutionslehre vorweg

Bonn. Joseph Eduard d’Alton kam 1818 aus Geldnot als Kunstprofessor nach Bonn und nahm die Evolutionslehre vorweg.

Joseph Eduard d’Alton (1772-1840) hatte es mit den Augen. Wohl eine Farbfehlsichtigkeit ließ den Mann irischer Abstammung die Welt weniger bunt wahrnehmen als andere Menschen. Eine Karriere als Maler war ihm damit trotz seiner Ausbildung an der Kaiserlichen Akademie in Wien verbaut. D’Alton trug es mit Fassung, denn Kunst könne man schließlich auch genießen ohne sie zu vermehren, ließ er wissen.

Dass der Offizierssohn aus Aquileia 1818 als einer der Gründungsprofessoren der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn dennoch für das Fach Kunstgeschichte berufen wurde, verdankte er seiner peniblen Beobachtungsgabe, seinem Kopistentalent und einigen glücklichen Fügungen. Wie der emeritierte Bonner Paläontologe Professor Wighart von Koenigswald jetzt in einem Beitrag für die „Koenigiana“ des Museums Koenig (erscheint im November) herausgestellt hat, verdankt auch die Zoologie dieser Berufung eine ganze Menge.

Denn d’Alton, der sich schon früh für Pferdezucht und die Naturgeschichte der Reittiere begeistert hatte, brachte mit seinen anatomischen Abbildungen vollständiger Tier-Skelette die Disziplin ein ganzes Stück voran – und setzte dabei schon ein halbes Jahrhundert vor Charles Darwin die Prinzipien der Evolution bei Säugetieren instinktiv voraus.

1821 verlegte Eduard Weber in Bonn die ersten beiden Lieferungen dieser groß angelegten „Vergleichenden Osteologie“, die d’Alton zusammen mit Christian Heinrich Pander entworfen hatte. Beide hatten sich in Würzburg bei dem Anatomen Ignaz Döllinger kennengelernt, der Pander d’Alton als Illustrator für dessen Dissertation empfohlen hatte.

2000 Hühnereier im Brutkasten

Über eine reine Auftragsarbeit ging das gemeinsame Vorgehen schnell weit hinaus: Das Trio brütete gemeinsam insgesamt 2000 Hühnereier in einem Brutkasten aus und öffnete sie jeweils nach definierten Abständen. So entstanden die „Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Hühnchens im Eye“ und brachten das Prinzip der Keimblatt-Entwicklung zutage, das Zoologen bis heute verwenden.

Döllinger war es auch, der Pander und d’Alton den Floh einer vergleichenden Knochenkunde von Säugetieren ins Ohr setzte. Er sah bei Pander die nötigen Finanzmittel – schließlich mussten die Skelette in den großen Naturkundemuseen von Paris, Madrid, London, Leiden und Groningen in Augenschein genommen werden – und bei d’Alton das nötige künstlerische Geschick für die Kupferstiche.

Kurz nach Ende der Inspektionsreise zwangen private Gründe Pander indessen zurück in seine Heimatstadt Riga. Für Bonn ein Glück, denn d’Alton, der sich zuvor als Verwalter fürstlicher Pferdezucht-Gestüte über Wasser gehalten hatte und schon in den Napoleonischen Kriegen einmal finanziell vor dem Nichts gestanden hatte, saß nun wieder ohne Finanzier da.

Goethe empfahl d'Alton an Schlegel weiter

So nahm er mit einem Empfehlungsschreiben seines Weimarer Gesprächspartners Johann Wolfgang von Goethe im Gepäck das Angebot des Kunsthistorikers August Wilhelm Schlegel zur Mitarbeit in Bonn dankend an. Die noch unbekannte Hochschule gewährte ihm die außerordentliche Professur sogar ohne vorherige Promotion.

Im Herbst 1919 las d’Alton bereits „Über das Zeitalter der klassischen Kunst und Perikles, in Beziehung auf die Atheniensischen Erwerbungen des Lord Elgin“. Karl Marx gehörte später zu seinen Hörern, und die Prinzen-Brüder Albrecht und Ernst hinterließen sogar Mitschriften seiner Vorlesungen für die Nachwelt. An d’Altons Kunstgeschmack lassen die durchaus zweifeln, war er doch vor allem Antike und Renaissance zugetan, verschmähte das Mittelalter und die Gegenwart und unterhielt seine Studenten am liebsten mit Anekdoten über die Künstler. Schon Goethes Sekretär Johann Peter Eckermann beschrieb d’Alton als „liebenswürdig, geistreich und von einer Redegabe und einer Fülle hervorquellender Gedanken, dass er wohl wenige seinesgleichen hat und man nicht satt wird, ihm zuzuhören“.

Für die Osteologie leistete d‘Alton indessen unzweifelhaft Großartiges. Bis 1838 – zwei Jahre, bevor er an einer chronischen Halsentzündung verstarb und auf dem Alten Friedhof begraben wurde – arbeitete er an seinem großen vergleichenden anatomischen Tafelband. Die Tiere zeigte er darin nicht nur in nackten Skeletten, sondern umgab sie mit einem Körperschatten, der auch die Beschaffenheit des Fells jeweils erkennen ließ. „Dadurch werden die Abbildungen ästhetisch sehr ansprechend, bringen aber gleichzeitig zum Ausdruck, dass Knochen, Muskeln und alle Organe eine Einheit bilden und sich gegenseitig in ihrer Funktion erklären“, urteilt Koenigswald 200 Jahre später anerkennend.

Der Text lasse das Verständnis der Autoren für die Formenvielfalt der Säugetiere und deren Beziehungen zueinander erkennen. Koenigswald schreibt: „Für sie gehörten alle Arten irgendwie zusammen und haben sich im Zuge einer fortschreitenden Metamorphose unter dem Einfluss der Umwelt verändert.“ Die Evolutionstheorie von Charles Darwin stand damit nicht als plötzliche Revolution im Raum. Nur hatte niemand vorher die ganze Wahrheit offen ausgesprochen.

Auch als Hochschullehrer in Bonn behielt d’Alton seine biologischen Erkenntnisse nicht für sich. In den Vorlesungsverzeichnissen finden sich seine Veranstaltungen über „Die Metamorphose der organischen Formen“ oder die „Naturgeschichte der Haustiere“. Nachdem er 2000 angebrütete Eier gedötscht hatte, war er bei Hühnern schließlich unzweifelhaft Experte.