Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg: „Viele Betriebe wollen ausbilden und einstellen“

Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg : „Viele Betriebe wollen ausbilden und einstellen“

Oliver Krämer ist der neue Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg. Laut Krämer ist der Fachkräftemangel in den Handwerksbetrieben ein gesellschaftliches Problem.

In seinem Büro ist Oliver Krämer von geballter Handwerkskunst umgeben. Schränke und Regale sind aus massivem Holz gefertigt, darin stehen Objekte wie Rennwagen und eine Zimmermannfigur. Krämer ist seit Mai Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg. Er hat nicht nur das Amt, sondern auch die Einrichtung von seinem Vorgänger Alois Blum geerbt, der nach 19 Jahren in den Ruhestand ging.

Es war ein stiller Wechsel von Blum zu seinem bisherigen Stellvertreter Krämer, ohne große Öffentlichkeit. Der 49-jährige Krämer, der mit seiner Familie in Bad Honnef lebt, ist bereits seit 2001 bei der Kreishandwerkerschaft. Es war Blum, der ihn nach dem Jurastudium engagierte. "Die Chemie stimmte. Ich merkte schnell, dass es das Richtige war", berichtet Krämer. In der Kreishandwerkerschaft geht es häufig um rechtliche Fragestellungen - nicht nur weil sich die Unternehmen mit juristischen Problemen von Vertrags- bis Mietrecht auseinandersetzen müssen. Die Kreishandwerkerschaft nimmt vor dem Arbeitsgericht die Interessen der Betriebe als Arbeitgebervertreter wahr. Krämer übernahm im Laufe der Zeit die Geschäftsführung verschiedener Innungen. Heute übt er diese Funktion noch beim Kfz-Handwerk, bei den Gebäudereinigern und bei den Parkett- und Bodenlegern aus.

Aufregung um "Mondpreise"-Kritik

So geräuschlos die Amtsübergabe im Haus der Kreishandwerkerschaft in Sankt Augustin lief, so groß war die Aufregung wenige Wochen später: In einem GA-Bericht kritisierte der Bonner Stadtbaurat Wolfgang Wiesner, dass Handwerksbetriebe heutzutage angesichts der guten Baukonjunktur teilweise "Mondpreise" verlangten und "ungeniert" in die öffentliche Kasse griffen. Hintergrund waren die massiven Baukostensteigerungen bei der Beethovenhalle und beim Neubau der Viktoriabrücke. Der Vorwurf brachte besonders die Bau- und Ausbau-Innungen auf die Palme - und den neuen Hauptgeschäftsführer Krämer erstmals in die Lage, das Handwerk in der Öffentlichkeit zu verteidigen. An seiner Seite: Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher aus Meckenheim, mit dem er die Doppelspitze der regionalen Zunft bildet.

Der Unmut über die Preis-Vorwürfe sei bei den Betrieben nach wie vor groß, sagt Krämer. Die Probleme bei öffentlichen Bauvorhaben seien eher durch Versäumnisse bei der Vorbereitung, Zusatzwünsche der Auftraggeber oder durch lange Planungs- und Abwicklungszeiträume begründet. Die Handwerksbetriebe seien zu 90 Prozent nicht dafür verantwortlich. Und dennoch hält sich die öffentliche Diskussion um die Preise des "goldenen Handwerks". "Qualität kostet Geld, und das Handwerk ist gut ausgebildet", sagt Krämer. Die Betriebe machten die Preise nicht selbst, sie müssten vielmehr Faktoren wie steigende Zuliefererpreise und die Lohnentwicklung einrechnen.

„Viele Betriebe wollen ausbilden und einstellen“

Krämer ist zu einer Zeit an die Spitze der Kreishandwerkerschaft aufgerückt, in der die Auftragsbücher zwar voll sind, aber quer durch alle Branchen Fachkräfte fehlen. "Viele Betriebe wollen ausbilden und einstellen. Dass sie kein Personal finden, ist kein handwerkliches Problem, sondern ein gesellschaftliches", erklärt er. Zu sehr sei das Bildungssystem inzwischen auf das Studium ausgerichtet. Gleichwohl müsse das Handwerk aktiver für sich, die Vorteile einer Ausbildung und die Karrierechancen werben - schon in den Schulen. "Für das Handwerk spricht nicht nur die Qualität, sondern auch die Regionalität."

Die Kreishandwerkerschaft ist laut Krämer gut aufgestellt. Doch will er sie modernisieren und die Digitalisierung voranbringen, denn darin liege eine große Chance für die Betriebe. Auch lässt er gerade Apps zum Dienstleistungsangebot der Kreishandwerkerschaft beziehungsweise für Azubis entwickeln. Zudem möchte er den Service für die Betriebe verbessern. Unlängst hat er eine Betriebsberatung ins Leben gerufen. Dabei geht es um Themen wie Existenzgründung und Betriebsübergaben.

Nicht so leicht verändern lassen sich die Verkehrsprobleme: Sie sind die Achillesferse der wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Krämer kämpft an mehreren Fronten, ob es um Dieselfahrverbote geht ("Schon jetzt ist der Schaden für das Handwerk enorm") oder um Staus. Er vermisst ein regionales Maßnahmenpaket für die Zeit, in der der Bonner "Tausendfüßler" neu gebaut wird. Ab 2028 steht auch der Neubau der Nordbrücke an. "Die Verkehrsprobleme sind ein Ärgernis und haben erhebliche Auswirkungen auf betriebliche Abläufe." Seine Befürchtung: Wenn der Rhein nicht mehr so leicht passierbar ist, teile sich die Region immer weiter in einen rechts- und einen linksrheinischen Wirtschaftsraum auf.

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