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Interview mit Werner Bahlsen: Keksfabrikant Bahlsen will NS-Vergangenheit aufarbeiten

Interview mit Werner Bahlsen : Keksfabrikant Bahlsen will NS-Vergangenheit aufarbeiten

Keksfabrikant Werner Bahlsen will die Fakten zur Zwangsarbeiterschaft in seinem Unternehmen auf den Tisch bringen, sagt er. Im Interview spricht er über die Schwächen der CDU und den Klimaschutz.

Nach vier Jahren an der Spitze des CDU-Wirtschaftsrates tritt Keks-Fabrikant Werner Bahlsen ab, als Nachfolgerin steht Astrid Hamker zur Wahl. Mit dem 70-Jährigen sprach Kristina Dunz.

Herr Bahlsen, mit welchem Appell scheiden Sie als Präsident des CDU-Wirtschaftsrates aus dem Amt?

Werner Bahlsen: Die Politik sollte sich mehr auf einen Dialog einlassen und mehr unternehmerischen Sachverstand aufnehmen. Wir bieten das mit dem Wirtschaftsrat durch unsere Bundesfachkommissionen an und stehen im engen Austausch. Wir beziehen ordnungspolitisch klare Positionen, aber diese große Koalition beherzigt die Regeln der sozialen Marktwirtschaft zu wenig. Diese große Koalition hat alle unsere Befürchtungen bestätigt, ja sogar übertroffen. Wenn wir mehr zusammen kämen, könnten wir nach Lösungen suchen und Lust auf Zukunft machen. Und dafür müssen wir mit der jungen Generation sprechen, wie die sich das vorstellt.

Welche Versäumnisse muss die Union auf ihr Konto nehmen?

Bahlsen: In den letzten zehn Jahren hat die Union einen schleichenden Prozess erlebt, der den Markenkern der CDU verwässert hat. Das sehe ich als Markenartikler höchst kritisch. Wenn ich eine Marke nicht mehr klar definieren kann, wird sie beliebig. Die Gefahr sehe ich für die CDU.

Was muss sich ändern?

Bahlsen: Wir sind jetzt an einem Punkt, wo sich die Spielregeln komplett ändern und wir die Zukunft neu denken müssen. Ein Weiter-so kann es nicht geben.

Was ist mit dem Klimaschutz?

Bahlsen: Wir sind dafür, dass der effektive CO2-Verbrauch bepreist wird. Aber es kann angesichts der höchsten Strompreise in einem Industrieland nicht einfach noch oben drauf eine zusätzliche Klimasteuer gesetzt werden. Wir müssen einen Anreiz geben, weniger CO2 zu produzieren, aber intelligent und nicht wieder als nationaler Alleingang, sondern in Europa gemeinsam. Das ist Marktwirtschaft. Wir als Wirtschaftsrat haben uns immer mit Energiepolitik intensiv beschäftigt, also auch mit erneuerbaren Energien und dem Gesetz dazu, das ein massiver Eingriff in die Wirtschaft ist. Das kann man richtig finden, nur man muss marktwirtschaftliche Lösungen finden.

Was kann die Union von den Grünen lernen?

Bahlsen: Früher gab es einen Alfred Dregger und einen Norbert Blüm, die die Flügel der Partei abdeckten. Das gibt es heute nicht mehr. Eine breit aufgestellte Volkspartei wie die CDU wäre aber gut aufgestellt, wenn sie authentische Persönlichkeiten hätte, die für bestimmte Bereiche kompetent sind. Eine CDU zu führen, ist eine Sisyphusaufgabe. Die Linke weiß genau, was sie will, und die Grünen haben ein Thema. Und eine Volkspartei kann sich nicht auf ein einzelnes Thema konzentrieren. Von den Grünen lernen? Die haben ein Thema, da sind sie konsequent. Mir fehlt dabei die Ausgewogenheit und der Realitätsbezug. Robert Habeck würde notfalls über Enteignungen nachdenken. Da hört es bei mir auf. Unser Wohlstand kommt aus den 22 Prozent Industriewertschöpfung. Darum beneiden uns andere Länder. Aber die Grünen oder die Linken haben keine schlüssige Antwort, wie wir das bleiben können. Die SPD verabschiedet sich auch immer mehr in ihrem Denken von der Volkspartei eines Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder.

Was wollen Sie damit sagen: Firmen seien keine Spielweise für Unternehmerkinder?

Bahlsen: Ich habe meine Kinder so erzogen, dass sie freie Menschen werden. Deshalb sind sie auch auf die internationale Schule gegangen, wo Persönlichkeitsentwicklung ganz oben steht. Wenn ein Unternehmer sein Kind zwingt, in den Betrieb einzusteigen, obwohl es lieber Sportwissenschaften studieren will, bringt das dem Unternehmen nichts. Und das ist auch eine Vergewaltigung des eigenen Kindes.

Wie kam es zu den Äußerungen Ihrer Tochter über die Vergangenheit Ihres Unternehmens in der Nazi-Zeit, wonach Bahlsen Zwangsarbeiter gut behandelt hat?

Bahlsen: Lassen Sie mich klarstellen: Die Menschen waren Zwangsarbeiter. Sie waren nicht freiwillig bei uns. Deshalb können wir nicht sagen, dass wir uns nichts haben zu Schulden kommen lassen. Wir haben einen Historiker beauftragt, der die Firmengeschichte im Nationalsozialismus grundsätzlich aufarbeitet. Da kommen vielleicht noch unangenehme Fakten heraus. Aber was auf den Tisch kommt, kommt dann auf den Tisch.

Warum jetzt erst?

Bahlsen: Nachdem wir uns zunächst zu wenig darum gekümmert haben, wollen wir jetzt sicherstellen, dass unsere Geschichte gründlich untersucht wird. Ich habe meinen Vater erlebt als jemanden, der den Menschen zugewandt war. Meine Eltern haben mir aber nicht alles erzählt, was im Krieg war. Wie viele anderen Eltern auch nicht. Verena ist eine junge Frau, die darüber nachdenkt, wie Wirtschaft unsere Gesellschaft voranbringen kann. Die Äußerungen haben von den USA bis Israel ihren Widerhall gehabt. Aber sie hat es nicht besser gewusst. Wir haben das selbst nie ausführlich untersuchen lassen. Auch das war ein Fehler. Das war blauäugig. Ich war blauäugig. Jetzt machen wir das.