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GA-Interview zur Gesundheitsversorgung: Kassenpatienten besuchen mehrere Ärzte

GA-Interview zur Gesundheitsversorgung : Kassenpatienten besuchen mehrere Ärzte

Frank Bergmann, Vorstandschef der Kassenärzte Nordrhein, spricht über die Konkurrenz von Gesundheitsseiten im Internet und das Problem durch Patienten versäumter Termine.

Kassenpatienten haben unlängst bei einer Befragung kritisiert, dass sie länger warten müssen. Gibt es eine Zwei-Klassen-Medizin im Wartezimmer?

Frank Bergmann: Nein, es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin. Die niedergelassenen Ärzte entscheiden bei der Behandlung grundsätzlich nach Dringlichkeit und Schwere der Erkrankung. Bei Patienten, die nicht akut behandelt werden müssen, kann es aus ganz unterschiedlichen Gründen Unterschiede geben – einer ist, dass manche Ärzte für Privatversicherte separate Sprechstunden anbieten. Das kann man ihnen nicht verdenken, schließlich werden sie für Privatpatienten anders honoriert.

Insbesondere bei Fachärzten klagen Patienten über lange Wartezeiten. Verdienen die so viel besser als Hausärzte, dass sie früher schließen können?

Bergmann: Dass Hausärzte generell finanziell schlechter gestellt sind als Fachärzte, ist ein Mythos. Hausärzte erzielen vergleichbare Umsätze wie viele Facharztgruppen. Die längeren Wartezeiten bei Fachärzten haben vor allem mit der aufwändigeren Diagnostik und weniger Akutpatienten zu tun. Hausärzte können mehr Patienten an einem Tag behandeln.

Der Gesetzgeber hat Terminservice-Stellen eingerichtet, damit Patienten schneller Termine bekommen. Was ist Ihre Erfahrung damit?

Bergmann: Die KV Nordrhein beschäftigt allein für die Vermittlung acht Mitarbeiterinnen, die 2017 gut 15 000 und im ersten Halbjahr dieses Jahr rund 10 000 Termine vermittelt haben. Auch wenn die Zahl durch die Vermittlung auch von Psychotherapie tendenziell steigt, ist das im Verhältnis zu fast 70 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr in Nordrhein sehr überschaubar. Ein großes Problem ist, dass 15 Prozent der Patienten ihre vermittelten Termine nicht wahrnehmen. Und das, obwohl immer mehr Patienten bei Beschwerden gleich mehrere Fachärzte konsultieren, weil sie etwa durch Infos im Internet verunsichert werden und Sorge vor einer schweren Erkrankung haben.

Dr. Google erhöht die Zahl der Hypochonder?

Bergmann: Wir stellen jedenfalls fest, dass Halbwissen manche Patienten – oft zu Unrecht – beunruhigt. Sie lassen sich vom Orthopäden, Augenarzt und Neurologen durchchecken, obwohl sie nur einen harmlosen Spannungs-Kopfschmerz haben. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig der Hausarzt als Lotse im System ist.

Nun will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Terminservice-Stellen ausweiten. Bisher zielen sie auf Fachärzte, künftig auch auf Hausärzte. Was halten Sie davon?

Bergmann: Die geplante Ausweitung geht am Problem vorbei und schafft nur neue Bürokratie. Bei den Hausärzten gibt es kein Wartezeiten-Problem. Die Gefahr besteht, dass für akut oder schwer kranke Patienten weniger Zeit bleibt, weil die Terminservice-Stellen den Ärzten ohne die Möglichkeit einer qualitativen Beratung und Bewertung immer mehr Patienten vermitteln.

Zudem sollen Ärzte verpflichtet werden, fünf Stunden pro Woche für eine offene Sprechstunde ohne Termin vorzusehen.

Bergmann: Es ist richtig, dass die Ärzte für dieses zusätzliche Angebot extra honoriert werden, wobei viele schon heute offene Sprechstunden anbieten. Doch die Vorgaben sind praxisfremd und viel zu bürokratisch. Wir als KV möchten nicht die Sprechstunden-Polizei spielen, die prüfen muss, wie viele Patienten in der normalen und wie viele in der offenen Sprechstunde gekommen sind.

Sind Sie enttäuscht, dass ausgerechnet ein Christdemokrat wie Spahn sich solche Bürokratie ausdenkt?

Bergmann: Ja, gerade von einem CDU-Minister hätte ich weniger Gängelung erwartet und mir gewünscht, dass er das Problem beherzter angeht. Aber auch er muss den Koalitionsvertrag erfüllen, in den die SPD solche Forderungen hineinverhandelt hat. Damit geht die Regierung weitere Schritte in Richtung Bürgerversicherung.

Sie kommen gerade aus Honorarverhandlungen mit den Kassen. Was erwartet die Ärzte in Nordrhein?

Bergmann: Die niedergelassenen Ärzte in Nordrhein sind seit 2009 schlechter bezahlt worden als Kollegen etwa in Bayern, Baden-Württemberg und anderen Regionen. Rückwirkend für 2017 konnten wir einmalig einen Konvergenzbetrag von 64 Millionen Euro und damit eine Annäherung an den Bundesdurchschnitt erreichen. Dazu kommt eine Steigerung für dieses Jahr um 56 Millionen Euro – bei einer Gesamtvergütung der rund 20 000 Niedergelassenen von über vier Milliarden Euro pro Jahr. Gleichwohl unterliegen wir nach wie vor der Budgetierung, deren Abschaffung wir fordern. Ein nordrheinischer Facharzt bekommt nur 83 Prozent seiner Leistungen bezahlt. Das muss sich ändern.

Woran liegt es, dass für Klinik-Ärzte und -Pflegekräfte mehr möglich ist?

Bergmann: Wir Niedergelassene dürfen anders als Mitarbeiter eines Krankenhauses nicht streiken, um Forderungen durchzusetzen. Umso wichtiger ist eine faire Vergütung, in der anders als heute auch alle Leistungen bezahlt werden.

Mehr Geld gibt es für innovative Ärzte aus dem Innovationsfonds. Wie viel geht davon nach Nordrhein?

Bergmann: Das lässt sich aufgrund der vielen Projektpartner und der bundesweiten Verzahnung nicht genau beziffern. Im Innovationsfonds stehen jährlich 300 Millionen Euro zur Verfügung. Die Projekte, an denen die KV Nordrhein neben anderen derzeit beteiligt ist, werden mit rund 37 Millionen Euro über den gesamten Projektzeitraum gefördert.

Was hat der Patient davon?

Bergmann: In Nordrhein nehmen zum Beispiel schon 2300 schwer erkrankte Patienten und über 200 Praxen an einem neuen Projekt zur neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung teil. Die eingeschriebenen Patienten bekommen schneller Termine und eine bessere Akutversorgung. Die behandelnden Ärzte und Therapeuten stimmen sich eng ab und begleiten die Patienten durch das System.

Was halten Sie von der elektronischen Patientenakte, die Kassen vermehrt anbieten, damit der Patient zentral Röntgenbilder, Befunde, Verschreibungen sammeln kann?

Bergmann: Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Doch daneben wird es weiter Arzt-Akten in den Praxen geben. Der Arzt muss auch künftig bestimmen, welche Daten er in Absprache mit dem Patienten in die elektronische Patientenakte gibt. Das darf kein Automatismus sein. Und das Ganze muss technisch einfach sein. Bürokratie haben Ärzte jetzt schon zu viel. führte das Gespräch.