Bonner Forscher über Arbeitsmarkt-Wunder: Immer weniger Menschen werden arbeitslos

Bonner Forscher über Arbeitsmarkt-Wunder : Immer weniger Menschen werden arbeitslos

Forscher der Uni Bonn und der TU Dortmund haben Zusammenhänge zwischen Hartz IV und dem Arbeitsmarkt-Wunder untersucht: Seit 2005 haben sich in Deutschland die Arbeitslosenzahlen halbiert.

Die Arbeitsmarktreform Hartz IV hat sich positiv auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt. Seit 2005 hat sich die Zahl der Arbeitslosen etwa halbiert. Für diese Entwicklung sind laut einer neuen Studie aber nicht etwa mehr Jobvermittlungen verantwortlich. Entscheidender ist, dass einfach nicht mehr so viele Menschen arbeitslos werden. Zu diesem Schluss kommen zumindest Ökonomen der Universität Bonn und der TU Dortmund.

Ein Forscherteam hat die Erwerbsverläufe von Millionen von Beschäftigten aus den Daten der Bundesagentur für Arbeit von 1993 bis 2014 analysiert. „Wir bewerteten nicht, ob die Hartz IV-Reform gut oder schlecht war – wir untersuchten den Wirkmechanismus“, sagt Professor Moritz Kuhn vom Institut für Makroökonomik und Ökonometrie der Universität Bonn.

Angst vor Abgleiten in Hartz IV

Hartz IV wurde von der rot-grünen Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Durch die Reform, nach Urheber Peter Hartz benannt, wurden Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zusammengefasst. Die Arbeitslosenzahl lag 2005 bundesweit bei 4,86 Millionen Menschen. Im Dezember waren es 2,2 Millionen. Wurde damit das Ziel, mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen, erreicht? Genau das hat die Studie nicht bestätigt.

„Unsere empirischen Ergebnisse zeigen, dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit zu 75 Prozent dadurch zu erklären ist, dass weniger Beschäftigte arbeitslos wurden“, sagt Benjamin Hartung von der Uni Bonn. So besagt die Studie, dass ein Jahrzehnt nach den Hartz-Reformen die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, um fast ein Drittel gefallen ist. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, als Arbeitsloser eine neue Stelle zu finden, zwar gestiegen, aber nur um rund zehn Prozent.

Anteil der Langzeitarbeitslosen kaum verändert

Die Forscher messen Hartz IV eine psychologische Komponente bei. „Insbesondere bei gut verdienenden und langfristig beschäftigten Arbeitnehmern entfaltet Hartz IV durch den Wegfall der Arbeitslosenhilfe eine abschreckende Wirkung“, so Professor Philip Jung von der TU Dortmund. Heißt: Diese Gruppe verzichtet lieber auf Lohn, als den Job zu verlieren und womöglich in Hartz IV abzugleiten. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen hat sich laut Studie dagegen durch Hartz IV kaum geändert.

Auch haben die Wissenschaftler berechnet, wie sich die Arbeitslosenzahlen seit 2005 ohne Hartz IV entwickelt hätten. „Demnach wäre die Arbeitslosenrate ohne die Reform zehn Jahre später rund 50 Prozent höher als das, was wir in den Daten sehen“, so Hartung.

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