Klimakiller Nummer eins: Fluggäste sündigen am meisten

Klimakiller Nummer eins : Fluggäste sündigen am meisten

Zwar verursacht der Autoverkehr in der Summe die meisten Treibhausgasemissionen. Doch bezogen auf die Personenkilometer sind Flugreisenden die größten Klimasünder.

Soll man sich als Deutscher ein Wochenendhaus auf Mallorca zulegen? Was früher allenfalls als Urlaubsunterkunft denkbar war, ist in Zeiten von Billigfluglinien gar keine spleenige Idee mehr. Vom Flughafen Köln/Bonn erreicht man Palma de Mallorca in gut zwei Stunden, die Strecke wird ab 80 Euro angeboten. Wer früh bucht, kann noch günstigere Schnäppchen finden.

„Wir sehen das extreme Wachstum des Flugverkehrs, das aufgrund der niedrigen Preise generiert wird, kritisch. Damit wurde ein Bedürfnis geschaffen, das ohne die Preise gar nicht da wäre“, sagt Frank Wetzel vom Umweltbundesamt (Uba) in Dessau. Im Schnitt wächst der Flugverkehr derzeit pro Jahr um fünf Prozent. Allein von deutschen Flughäfen hat sich der Luftverkehr nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) seit 1990 verdreifacht.

Zwar fällt das Fliegen nur mit drei Prozent am weltweiten Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) ins Gewicht, doch wenn man die Emissionen auf die Flugkilometer pro Person bezieht, erweist sich das Flugzeug schnell als der Klimakiller Nummer eins: „Im Vergleich aller Verkehrsträger kommt aus Klimasicht das Flugzeug am schlechtesten weg“, erklärt Wetzel.

Paradoxerweise haben die Billigfluglinien den einzelnen Flug im Sinne des Klimaschutzes erst einmal verbessert. Der durchschnittliche Kerosinverbrauch pro Passagier auf 100 Kilometer ist laut BDL auf 3,58 Liter gesunken (Stand 2017). Das liegt auch daran, dass die Maschinen der Low-Cost-Carrier mit 82 Prozent viel besser ausgelastet sind. Außerdem haben sie die modernsten Flotten. Daher kann die BDL stolz darauf verweisen, dass die Energieeffizienz gegenüber 1990 um 43 Prozent gestiegen ist.

Paradox: Die Billigflieger sind besonders energieeffizient

Aber das wird nicht reichen. Denn außer CO2 stoßen Flugzeuge Stickoxide, Rußpartikel und Wasserdampf aus. Die Stickoxide wiederum führen zur Bildung von Ozon, das ebenfalls zur Erwärmung der Atmosphäre beiträgt. Noch nicht endgültig erforscht ist die Wirkung der Kondensstreifen, die aus Eispartikeln bestehen. Auch sie haben einen wärmenden Effekt, denn sie verhindern, dass langwellige Sonnenstrahlen, die von der Erde zurückgeworfen werden, die Atmosphäre verlassen. Kondensstreifen können sich auch zu Zirruswolken auswachsen. Wissenschaftler des Instituts für Physik der Atmosphäre am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) schrieben 2011, dass das heutige Klima stärker von den Kondensstreifen-Zirren aufgeheizt werde als vom gesamten seit Beginn der modernen Luftfahrt emittierten Kohlendioxid.

„Der Luftverkehr muss sich selbst überlegen, wie er sich zukunftsfähig macht“, erklärt Wetzel. Schon werden Alternativen zum Kerosin als Kraftstoff erprobt. Der Elektroantrieb wird in der Breite des Luftfahrt allerdings keine Lösung sein. Ein paar Regeln sollten zudem beachtet werden: Empfindliche Luftschichten meiden, niedriger fliegen, technische Potenziale nutzen, um den Treibstoffverbrauch weiter zu senken.

Geeinigt hat sich die Branche auf das Ziel, die Treibstoffeffizienz jährlich um 1,5 Prozent zu steigern, ab 2020 soll der Luftverkehr CO2-neutral wachsen. Dafür haben sich die Fluggesellschaften bei der internationalen Luftfahrtorganisation ICAO verpflichtet, den wachstumsbedingten Kohlendioxidausstoß durch die Finanzierung von Klimaschutzprojekten auszugleichen. Die Unternehmen werden dann ihre Emissionswerte an die nationalen Regierungen melden müssen, die ihnen daraufhin mitteilen, in welchem Umfang Kompensationszertifikate erworben werden müssen.

Prioritätenliste

Was der einzelne Bürger tun kann, um durch sein Verhalten das Klima nicht noch weiter zu schädigen, beschreibt Uba-Mitarbeiter Wetzel anhand einer Prioritätenliste. Die lautet erstens: „Kann ich den Flug vermeiden?“ Und zweitens: „Kann ich den Flug verlagern?“ Auf Kurzstrecken bieten sich in der Regel alternative Verkehrsmittel an, etwa die Bahn. Für mittlere und längere Strecken gibt es aber kaum Ersatz.

Wenn also geflogen werden muss, dann möglichst umweltschonend. Das bedeutet, einen gut ausgelasteten Flug wählen, der die kürzeste Strecke nimmt. Heißt: Wer von Berlin nach Istanbul will, soll nicht über London fliegen. Denn Zwischenlandungen verursachen zusätzliche Emissionen. In diesem Sinne hat die Deutsche Flugsicherung daran mitgewirkt, dass weniger Umwege von der idealen Fluglinie geflogen werden: Laut BDL konnte die Abweichung innerhalb von sieben Jahren um 31 Prozent auf 3,8 Kilometer gesenkt werden.

Positiv sieht Wetzel, wenn Reisende Kompensationszahlungen für ihren Flug leisten. Nur: „Ein Freibrief“ dürften sie nicht sein, warnt der Uba-Mann.

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