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Mensch und Maschine: Deutschland will mehr in KI investieren

Mensch und Maschine : Deutschland will mehr in KI investieren

Deutschland will mehr in künstliche Intelligenz investieren, doch die Konkurrenz liegt weit vorn. Die weitere Automatisierung wird den Arbeitsmarkt noch einmal drastisch verändern.

Vorher standen bei der Firma Zowee 55 Mitarbeiter am Fließband und haben Fitnessarmbänder für die Elektro-Marke Xiaomi hergestellt. Jetzt sind es nur noch vier. „Durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Produktion konnten wir den Personalaufwand drastisch reduzieren“, sagt Xu Jiabin von der Firma Shenzhen Valley Engineering aus Südchina. Seine Roboter führen nicht nur stupide die gleichen Bewegungen aus. „Sie können weich greifen, können sehen und fühlen und passen sich an neue Situationen an.“ Das erlaube eine neue Form der Zusammenarbeit: Die Maschinen dienen den menschlichen Mitarbeitern und arbeiten ihnen zu, nicht umgekehrt. „Die Einsparungen sind kolossal“, freut sich Unternehmer Xu.

China investiert kräftig in die Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI) und sieht sich hier als der große Rivale der USA. Der Konkurrenzkampf der beiden größten Volkswirtschaften setzt so auch Deutschland unter Druck: Die Bundesregierung will zur Förderung von künstlicher Intelligenz drei Milliarden Euro bis 2025 bereitstellen. Das Ziel: KI „made in Germany“ soll zum weltweit anerkannten Gütesiegel werden.

Die KI gilt längst als die grundlegende Technik für die Entwicklung aller Wirtschaftsbereiche in den kommenden Jahrzehnten – so wie im Jahr 1900 die Elektrizität oder im Jahr 2000 das Internet. „KI-Anwendungen werden sich schon bald in fast allen Produkten wiederfinden und alle Produktionsprozesse begleiten“, beobachtet Unternehmer Xu in der Praxis.

Nicht gut genug vorbereitet

Deutschland sei jedoch für eine technikgetriebene Volkswirtschaft bisher nicht gut genug vorbereitet, kritisieren Experten. Einer Studie der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers zufolge werden bis 2030 die USA und China 70 Prozent des wirtschaftlichen Nutzens aus der KI ziehen. Die beiden Länder halten auch Platz eins und Platz bei den entsprechenden Patentanmeldungen. „Die großen Nationen werden sich in der KI messen“, lautet die Vorhersage der Fachleute. Ob Handys, Hausgeräte, Autos, Logistik oder Energiewirtschaft – sie wird zum zentralen Teil der Wertschöpfung.

Die weitere Automatisierung wird den Arbeitsmarkt zudem noch einmal drastisch verändern: Maschinen übernehmen in den kommenden Jahren noch mehr Aufgaben als zuvor. Doch das ist aus Sicht von Ökonomen kein Grund, sich der Veränderung zu verweigern – sondern eher, einen vorderen Platz in der internationalen Konkurrenz anzustreben.

„Die Arbeit wird uns nicht ausgehen“, sagt Oliver Falck vom Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo. Es sei jedoch wichtig, die Ausbildung anzupassen. „Das erfordert unglaubliche Weiterbildungsanstrengungen.“ Für all das ist Geld nötig. Außerdem sei dafür zu sorgen, dass die Vorteile möglichst vielen Menschen zugutekommen.

Solide Grundlagenforschung in Deutschland

Deutschland sei im Prinzip gut vorbereitet, sagt Falck. „Ich glaube, dass wir uns auf dem Gebiet der KI schlechter reden, als wir sind.“ Die Unis betreiben solide Grundlagenforschung, und in einer lebhafte Startup-Szene entstehen Jungunternehmen mit frischen Ideen, vor allem in Berlin. Die Autohersteller und ihre Zulieferer wie Bosch sind bei Fahrassistenzsystemen bereits sehr stark.

Dennoch ist noch viel zu tun, wie die Bundesregierung und zahlreiche Abgeordnete betonen. Die Beratungsfirma Oxford Insights sieht Deutschland bei der Umsetzung von KI-Strategien unter den OECD-Ländern nur auf Platz 13, hinter Spanien und Schweden. Die Regierung erachte die Steuerung und Förderung der neuen Technik nicht also Aufgabe mit hoher Priorität, kritisieren die Analysten. China kennt solche Hemmungen nicht. Im vergangenen Jahr hat Präsident Xi Jinping die KI zur Chefsache erklärt: Sein Land soll bis zum Jahr 2030 Weltklasse-Niveau erreichen. „Die Anwendung der KI soll das Bestreben unterstützen, mit anderen Innovationsführern gleichzuziehen“, schreiben Chinas oberste Planer in einem Grundsatzpapier. „Es handelt sich um den neuen Brennpunkt des internationalen Wettbewerbs und die strategische Technologie der Zukunft.“

Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Summe von drei Milliarden Euro erscheint winzig im Vergleich zu dem, was China in die Hand nimmt. Hier plant allein die Stadt Peking, zwei Milliarden Euro für den Bau eines KI-Wirtschaftsparks auszugeben. Das Land stecke bis 2020 rund 70 Milliarden Dollar jährlich in KI-Systeme, schätzt das US-Militär.

Sonderfall USA

Die USA selbst sind hier ein Sonderfall. Die amtierende Regierung Donald Trump bietet zwar weder der Grundlagenforschung noch den Firmen im Silicon Valley viel Unterstützung. Doch die Brutstätte der KI-Forschung hält dennoch einen gewaltigen Vorsprung vor den Wettbewerbern. In den USA finden sich weiterhin fünfmal mehr Forscher und Entwickler in diesem Bereich als in China, und eine Mehrzahl der global führenden Firmen sitzt entweder in Kalifornien oder in New York, berichten Experten der Tsinghua-Universität in Peking. Amerika ist und bleibt das Zentrum der Softwareentwicklung.

Doch Deutschland kann durchaus eigene Schwerpunkte setzen. „Die Bundesregierung ignoriert bislang die ökologische Seite von KI und Digitalisierung“, kritisiert der Grünen-Abgeordnete Dieter Janecek. „Wenn wir Künstliche Intelligenz klug nutzen, kann sie uns helfen, die Energiewende zu meistern, für mehr Gesundheit zu sorgen und unsere Gesellschaft gerechter zu machen.“ Wenn Deutschland nicht selbst investiere, drohe jedoch Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen Anbietern.