Interview: Deutsche-Post-Chef Appel plädiert für CO2-Steuer

Interview : Deutsche-Post-Chef Appel plädiert für CO2-Steuer

In der Debatte über einen CO2-Preis plädiert Deutsche-Post-Chef Frank Appel für eine Steuer auf das Treibhausgas. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über Klimapolitik, Handelsstreitigkeiten und Projekte für mehr Qualität in der Zustellung

Herr Appel, die Post als größter Logistikkonzern Europas verbraucht ja auch viel Energie. Was halten Sie von der Schülerbewegung „Friday for Future“?

Frank Appel: Es ist gut, wenn junge Leute konsequenten Klimaschutz fordern. Ich habe mich schon früher dafür ausgesprochen, bei politischen Entscheidungen mehr an die Interessen der künftigen Generationen zu denken statt sie beispielsweise mit immer höheren Umlagen für die Rente zu belasten. Allerdings fände ich gut, wenn solche Aktionen nicht während der Schulzeit stattfinden. Als ich hier in Bonn 1981 im Hofgarten gegen die „Nachrüstung“ demonstrierte, war das am Wochenende.

Wären Sie dafür, sehr schnell alle deutschen Kohlekraftwerke abzuschalten?

Appel: Nein, das ginge nicht. Eigentlich ist es wie in den 80er Jahren: Der Wunsch von uns als damaliger Jugend nach Abrüstung war nachvollziehbar. Trotzdem war es am Ende klug, dass die Regierungen entgegen unserer Kritik Stärke gegen den Osten zeigten: Der Eiserne Vorhang in Europa fiel. Und jetzt ist das Ziel des Klimaschutzes eben sehr wichtig, aber wir müssen die richtigen Schritte gehen.

Und die wären?

Appel: Wir brauchen in Europa oder in allen Industriestaaten eine CO2-Steuer, die berechenbar langfristig steigt. Dann können sich Konsumenten und Unternehmen in ihrem Verhalten anpassen und gezielt in Anlagen investieren, die den Ausstoß von CO2 begrenzen.

Der Verband der Maschinenbauer fordert eine Abgabe von 100 Euro pro Tonne ausgestoßenem CO2.

Appel: Ich will mich da nicht festlegen. Aber etwa diese Größenordnung einer CO2-Steuer könnte es laut einer Studie mittelfristig lohnend machen, Kerosin und andere Treibstoffe künstlich mit regenerativer Energie zu erzeugen. Dann hätten wir in der Zukunft einen perfekten Kreislauf: Die gleiche Menge CO2, die beim Betrieb eines Autos oder Flugzeugs ausgestoßen wird, wird bei der Produktion des Treibstoffes der Atmosphäre wieder entnommen.

Werden Schritte zum Klimaschutz das allgemeine Wirtschaftswachstum und insbesondere das Wachstum der Logistikbranche bremsen?

Appel: Wir werden grüneres Wachstum haben, aber nicht weniger. Weniger Wachstum wäre ja nur zu erwarten, wenn Menschen verboten wird, bestimmte Waren zu kaufen oder irgendwohin zu reisen. Wohin die Entwicklung geht, zeigt die Post-Branche: Wir haben uns verpflichtet zu wachsen und dabei die CO2-Emissionen pro Einheit zu senken. Und das ist uns gelungen. Spätestens 2050 wollen wir als Konzern ohne CO2-Emissionen auskommen.

Die Innenstädte werden durch massenhaften Lieferverkehr für im Internet bestellte Waren belastet. Kann das so weitergehen?

Appel: Wir setzen ja gezielt und zunehmend den elektrisch betriebenen Streetscooter ein – von uns aus wäre wünschenswert, wenn manche Städte nur noch elektrisch betriebenen Lieferverkehr zulassen. Zweitens ersetzt die Zustellung durch uns ja oft nur die individuelle Einkaufsfahrt. Drittens können auch die Städte selbst etwas tun, indem sie das unmittelbare Zustellen auf der letzten Meile mit einer Ausschreibung nur an eine Firma vergeben. Das wäre einmöglicher Schritt, um überflüssigen Verkehr einzuschränken und die Umwelt zu schonen.

Warum werden nicht andere Postkonzerne Partner vom Streetscooter?

Appel: Wir haben mit anderen Postunternehmen über den Streetscooter geredet, aber ob von diesen eines Teilhaber werden möchte, wird man sehen. Es ist ein spannendes Unternehmen, das wir nun weiterentwickeln.

Werden die aktuellen Handelsstreitereien das globale Wachstum bremsen?

Appel: Ich sehe aktuell einen Dämpfer, weil mancher Bürger und manches Unternehmen durch die Debatte über Handelskriege möglicherweise etwas verunsichert wird und beispielsweise größere Anschaffungen aufschiebt. Aber ansonsten wird das Wachstum der Weltwirtschaft mit rund drei Prozent weitergehen: Wir haben in Deutschland und den USA eine so niedrige Arbeitslosigkeit wie seit 30 Jahren nicht, die niedrigen Zinsen erleichtern Investitionen, viele hundert Millionen Menschen jenseits der klassischen Industriestaaten kommen aus der Armut in die Mittelschicht. Das sind sehr positive Entwicklungen durch die Globalisierung, über die in Deutschland leider zu wenig geredet wird.

Donald Trump droht mit neuen Zöllen.

Appel: Eine Verschärfung des Handelsstreits zwischen China und den USA wäre zwar ebenso ein Rückschlag wie ein denkbarer Hard-Brexit. Aber gleichzeitig haben wir immer neue Freihandelsabkommen wie im Frühling zwischen der EU und Japan. Und falls es wirklich zu weiteren neuen Zöllen kommt, muss man sehen, wen dies auch trifft: Vorrangig die US-Konsumenten, die ja bisher ihren hohen Wohlstand auch dem freien Güteraustausch verdanken.

Hält die Deutsche Post trotz Handelsstreit an der Jahresprognose fest?

Appel: Zu den aktuellen Zahlen kann ich aus rechtlichen Gründen derzeit nichts sagen. Insgesamt ist das Unternehmen jedoch in hervorragender Verfassung. Wie wir im ersten Quartal gesehen haben,sind wir in allen Divisionen gut unterwegs. Wir haben viele Dinge in den vergangenen 18 Monaten richtig entschieden. Das fühlt sich sehr gut an.

2018 gab es bei der Bundesnetzagentur aber 12 600 schriftliche Beschwerden gegen Unternehmen der Postbranche, sechsmal mehr als einige Jahre davor. Schlimm?

Appel: Gemessen an der Zahl von täglich fünf Millionen versandten Paketen und 57 Millionen Briefen sind die davon auf uns entfallenden Beschwerden eher gering, aber wir sind über den Trend besorgt. Darum steuern wir seit mindestens einem Jahr entschlossen gegen. Unsere internen Zahlen zeigen bereits, dass die Qualität der Zustellung deutlich gestiegen ist.

Welche Schritte gehen Sie?

Appel: Wir haben zum Beispiel das Prinzip „First-In, First-Out“ konsequent ausgeweitet. Zuerst erhaltene Pakete oder Briefe müssen immer zuerst ausgeliefert werden. Auch bei einem Eingang von extrem vielen Sendungen darf nichts zwischengelagert werden. So ist praktisch ausgeschlossen, dass Kunden länger als nötig auf eine Ware oder einen Brief warten. Das war für viele Menschen sicher das größte Ärgernis, wogegen die Verzögerung von einem Tag in Zeiten mit sehr hohem Sendungsaufkommen weniger Bedeutung hat.

Was planen Sie noch?

Appel: Wir werden die Prognosegenauigkeit für Pakete deutlich verbessern. Unsere Kunden sollen zuerst per Email eine ungefähre Zeit erhalten, zu der der Zusteller kommt. Und zum Beispiel 15 Minuten vor Ankunft gibt es dann eine erneute Mail mit der genauen Zeit, die wir anhand der per GPS erfassten Position des Lieferwagens berechnen. Das testen wir nun in einigen Regionen und im Laufe des Jahres 2020 soll es diese Just-in-Time-Pakete bundesweit geben.

Die Regierung will das Postgesetz reformieren. Auf Ihrem Wunschzettel steht das Ende der Zustellpflicht für Briefe am Montag?

Appel: Das neue Postgesetz sollte uns ermöglichen, unternehmerischer und flexibler zu handeln.Das Wertversprechen sollte bleiben, wie die Mindestvorgabe der Briefe, die am nächsten Werktag ankommen und die heute bei 80 Prozent liegt. Viele Briefe werden ja im sogenannten Verbund gemeinsam mit Paketen ausgeliefert. Daher gibt es in diesen Gebieten ohnehin automatisch montags die Zustellung. Aber dort, wo es eine reine Briefzustellung gibt, ist montags immer häufiger sowieso sehr wenig zu tun: Briefe werden am Wochenende selten eingeworfen. Daher entfallen auf den Montag inzwischen nur noch weniger als zwei Prozent der Wochenmenge.

Die Deutsche Post DHL hat in der Region Bonn/Rhein-Sieg inklusive aller Zusteller rund 9000 Beschäftigte. Wie wird sich die Zahl in den nächsten Jahren entwickeln?

Appel: Wir werden auf diesem Niveau bleiben. Es wird keine größeren Steigerungen geben.

Die Deutsche Post wollte in Bonn ein neues Beethoven-Festspielhaus wesentlich mitfinanzieren. Es kam zu keinem Schulterschluss in der Stadt, das Projekt wurde abgeblasen. Jetzt steigen die Baukosten für die Sanierung der Beethovenhalle immer weiter. Was sind ihre Gedanken dazu?

Appel: Es ist genau das eingetreten, was ich damals schon gesagt habe: Die Kosten der Renovierung der Beethovenhalle werden höher als die Neubaukosten eines architektonischen Schmuckstückes. Es ist bedauerlich, dass es damals keinen politischen Willen für einen Neubau gab.

Wäre die Post ohne Baukostensteigerungen ausgekommen?

Appel: Davon bin ich fest überzeugt. Wir hätten einen Generalunternehmer beauftragt, der den Bau für einen festen Preis errichtet hätte. Als privater Bauherr hätten wir es deutlicher einfacher gehabt als die öffentliche Hand.

Mehr von GA BONN